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11/11/2015 15:17 CET | Aktualisiert 11/11/2016 06:12 CET

Hackathons: Software-Wettbewerbe von heute zeigen uns die Arbeitswelt von morgen

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Schnell mit eben noch Fremden eine digitale Idee anfassbar machen - und innerhalb von 24 Stunden bewerten lassen: Was wir von Programmier-Events wie Hackathons für die Arbeitswelt von morgen lernen.

Diese Reise beginnt mit einer Recherche: „Wir haben uns erst mal die APIs angeschaut", sagt einer der Teilnehmer - während ein Kollege an einem Flipboard Skizzen von Bildschirminhalten zeichnet, Ideen für Inhalt und Design einem dritten zuwirft.

„Das ist der Entwurf der User Journey", erklärt dieser. „Ich bastle am MVP", sagt der vierte. Nummer fünf, in einem aufblasbaren Plastiksessel sitzend, fügt hinzu: „Und ich code."

Was sind Hackathons? Turbo-Software-Wettbewerbe

Die fünf nennen ihr Team „Osiris", sie sind Teilnehmer eines Hackathons (eine Mischbegriff aus „Hack", programmieren, und „Marathon"), ein Wettbewerb, bei der Teams aus Softwareprofis, Designern und inhaltliche Experten an einem Wochenende einen digitalen Prototypen erstellen: Innerhalb weniger Stunden ersinnen sie eine Idee, präzisieren die Erlebnisreise des Nutzers im Produkt von A nach B (User Journey), definieren sie Mindestfähigkeiten des Prototypens (Minimum Viable Product - MVP) - und programmieren diesen, neudeutsch: sie coden.

Meist benutzen sie dazu Datenbanken externer Anbieter an, deren Inhalte über Programmierschnittstellen, Application Programming Interface (APIs), zur Verfügung stehen. Und oft finden sich die Teams erst am Vorabend der Veranstaltung.

Warum Hackathons? Weil sie Ideen schnell sichtbar machen

Diese Art Event boomt, allein in Deutschland finden im November 2015 laut hackevents.co ein gutes Dutzend dieser Wettbewerbe statt, zum Beispiel der Bankathon in Offenbach, der Hack des Gründerzentrums Aachen oder The Future of Health in Darmstadt. Und der Appathon der Hypo Vereinsbank in München, auf dem die fünf Teilnehmer des Teams „Osiris" Anfang November „hacken".

Hackathons liegen im Trend, weil Unternehmen dort digitale Talente akquirieren, deren Ideen sichten und umsetzen wollen. Und weil Unternehmen einen Blick in die Zukunft werfen möchten.

Prognose zur Arbeit: Unabhängiges netzwerken

Denn der Hackathon von heute ist die Arbeitswelt von morgen. Eine Zukunft, geprägt von Netzwerken unabhängig von Firmenzugehörigkeit oder von Projekten statt Anstellung - wie eine Studie der Telekom und der Universität St. Gallen ermittelt hat.

Eine Zukunft „in der Arbeitnehmer sich selbstbestimmtes Arbeiten, vielfältige Aufgaben, Integration in Entscheidungen, demokratische Führung wünschen", wie Anne Gferer, Leiterin Digitale Kommunikation bei der HypoVereinsbank, eine aktuellen Studie der TU München zusammenfasst, die in Zusammenarbeit mit der Bank entstand.

Zukunft der Arbeit I: Unternehmensübergreifende Innovation

Trends, die Teilnehmer von Hackathons schon heute leben.

Zum Beispiel die Ko-Kreation, dem Prinzip offener Innovation, der Mischung aus internen und externen Ressourcen - bei einem Software-Wettbewerb illustriert durch die Vernetzung von Teilnehmerwissen verschiedener Zünfte und den Daten von API-Partnern.

„Ein Hackathon ist für uns ein Beleg dafür, dass diese Zusammenarbeit ohne Firmengrenzen funktioniert", sagt Thomas Bümsen, Innovation Manager bei der Hypo Vereinsbank.

Zukunft der Arbeit II: Unüberlegt anfangen

Zum zweiten, weil „wir alle schneller und flexibler werden müssen", wie es Steve Pscheid formuliert. Er ist Director Innovation bei der Software-Firma Data Art. Unternehmen der Zukunft werden sich rasch und gelenkig bewegen müssen, weil die digitale Industrie Produktentwicklungen innerhalb von Tagen möglich macht.

Damit werden sie in Zukunft agieren wie heutige Teilnehmer eines Hackathons, bei denen der zeitliche Druck so groß ist, „dass viele unüberlegt anfangen." Was wunderbar ist, weil sie so lernen, „sich auf den Weg zu machen. Denn dieser ist das Ziel."

Zukunft der Arbeit III: Kunden in Produktion einbinden

Drittens, weil die digitale Turbo-Produktionslogik eine neue Art der Marktforschung erlaubt: Eine, die nicht im Vorfeld Bedürfnisse von Zielgruppen abfragt.

Sondern eine, die potenzielle Kunde direkt in den Produktionsprozess einbindet. Dieser bekommt den ersten funktionierenden Prototypen - seine Rückmeldung fließt sofort in die zweite Version.

Ein Bonmot aus dem Digital-Vatikan Silicon Valley lautet: „Wenn Du raus gehst und Dich nicht für Dein Produkt schämst, hast Du es zu spät veröffentlicht."

Ähnlich wie bei einem Hackathon, deren Teilnehmer erste Ideen nach Gesprächen mit zielgruppenähnlichen Kollegen anpassen oder verwerfen - und nach Ende der 24 Stunden ein Feedback von einer Jury erhalten.

„Hackathons zeigen Vertretern der alten Economy, warum eine Kultur des Versuchens und Scheiterns so wertvoll ist", erklärt Steffen Reitz, selbst Gründer und CEO des Softwareunternehmens Gini - übrigens auch API-Partner verschiedener Hackathons.

Zurück zu „Osiris" und dem Appathon. Nach der Präsentation stehen die Teammitglieder vor der Bühne. Es sei eher schlecht gelaufen. Die Idee hätten sie nicht präzise kommuniziert. Aber das spielt keine Rolle. „Wir haben ausprobiert und gelernt", sagt der eine. „Vor allem haben wir neue Kollegen kennengelernt", sagt der zweite. Und die anderen drei stimmen lächelnd zu. Die Reise ist noch nicht zu Ende.

Hinweise: Der Autor arbeitete für die HypoVereinsbank als Moderator des Appathons 2015. Foto: HypoVereinsbank.

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