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02/06/2015 12:02 CEST | Aktualisiert 02/06/2016 07:12 CEST

"Die Frauen sind meistens die Fräuleins, die ausschenken."

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(Foto: Florian Jaenicke)

Sie ist jung und eine der wenigen Frauen in der Männerdomäne Wein: Julia Walch ist 28 und übernimmt das berühmte Weingut Ihrer Familie. In Interview mit dem Weinportal www.CaptainCork.com erzählt sie, wie sie sich in der weinseligen Branche behauptet - und warum weiblicher Wein anders schmeckt.

Julia, Sie sind auf einem der berühmtesten Weingüter Italiens aufgewachsen. Wie ist so eine Kindheit?

Natürlich eine, bei der das Thema Wein sehr wichtig ist. Wir wohnen im Weingut selbst, direkt unter unserem Haus liegen die Keller. Man riecht, hört und sieht viel, bekommt alles mit. Das Weingut ist ein Teil der Familie. Da wächst man langsam mit hinein.

Eine weinselige Kindheit also?

Wir haben seit jeher in Weingläser reingerochen. Da gibt es ein lustiges Bild von meiner Schwester, da ist sie noch ganz klein und das Weinglas wirkt riesig in ihrer Hand. Mit unseren Eltern haben wir immer schon viele Weinreisen in der ganzen Welt unternommen.

Das war toll, aber für uns Kinder manchmal doch etwas langweilig. Dann haben wir uns ins Auto gesetzt, um Musik zu hören. Das fanden dann unsere Eltern nicht so toll und waren sauer.

War es denn schon immer klar, dass Sie eines Tages in den Betrieb einsteigen werden?

Überhaupt nicht. Ich habe zuerst in Frankreich Geschichte studiert und in Brüssel einen Master in Europäischen Studien gemacht. Ich wollte auf jeden Fall im internationalen Bereich arbeiten.

Klingt doch gut...

Ja, aber dann ist es meistens so, dass man doch nur in einem Büro hinter vier Wänden sitzt. Die Internationalität existiert nur in den Mails. Das wollte ich nicht.

Und dann kam der Punkt, an dem ich gemerkt habe, dass ich mich entscheiden muss: Entweder ich bin drinnen in der Weinwelt oder draußen. Mir wurde allmählich bewusst, wie schön die Arbeit auf einem Weingut ist, und dass das nichts Alltägliches ist.

Und wie haben Sie dann die Kurve bekommen?

Ich bin zurück nach Frankreich, nach Dijon, und habe dort einen Master in Weinwirtschaft gemacht. Danach habe ich ein halbes Jahr in Bordeaux auf einem Weingut gearbeitet und bin dann von zwei Jahren, als ich 26 war, zurück nach Südtirol gekommen.

Sie können also einen Rebstock selber beschneiden, wenn es sein muss?

Ja, aber die Zeit fehlt mir leider. Dabei hatte ich im Winter vor, regelmäßig im Weinberg zu arbeiten. Aber ich habe es überhaupt nicht hinbekommen. Ich war viel unterwegs und jedes Mal, wenn ich zurückkam, wartete ein Berg von Sachen auf mich, die erledigt werden mussten.

Ihre Mutter ist eine der berühmtesten Winzerinnen Italiens. Hatten Sie keine Angst, dass ihre Fußstapfen ein bisschen groß sein könnten?

Nein, wir machen die Dinge sehr unterschiedlich, sind sehr unterschiedliche Menschen. Es wäre sicher schwierig. wenn sie eine Mutter wäre, die versucht, ihren Kindern den Weg vorzuweisen oder auch den Weg des Weinguts als Alleinherrscherin zu bestimmen. Aber so ist sie nicht. Sie hat sich selbst in das Thema Weinbau reingearbeitet, das ja kein Frauenthema ist.

So hat sie gelernt, dass man Dinge nicht für fix ansehen muss sondern sie immer veränderbar sind. Es geht darum gemeinsam zu schauen, wie man die Dinge im Weingut jetzt macht. Es wäre sicher nicht richtig von meiner Schwester und mir, frisch ins Weingut zu kommen und dann zu sagen, wir grenzen uns ab, es ist ein Ende mit dem Alten und wir machen was Neues. Das ist nicht gut.

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Mutter Elena (m.), ihre Töchter Karoline (li.) und Julia (re.). (Foto: Florian Jaenicke)

Wie ist das heute als Frau im Weingeschäft?

Es gibt nicht viele, und deshalb habe ich schon das Gefühl, dass man sich mehr beweisen muss.

Man merkt das zum Beispiel bei den Messen. Da sind das fast immer die Männer, die sprechen. Entweder weil sie die Besitzer sind, oder die Marketing- oder Verkaufsmanager. Die Frauen sind dann meistens die Fräuleins, die ausschenken.

Wenn mal als Mann dort steht, wird man gleich schon mal als wichtiger eingestuft. Und kaum eine der wenigen Frauen, die Wein machen, traut sich, sich nach vorne zu stellen und zu sagen, diesen Wein habe ich gemacht, da setze ich meine Handschrift drauf, darüber rede ich.

Sobald diese Frauen eigeladen werden, einen Vortrag übers Weingut zu halten, heißt es sofort: „nein, das macht mein Mann."

Nervt das nicht manchmal?

Mir und meiner Schwester fällt das nicht so schwer, weil wir das Vorbild unserer Mutter haben. Wir kennen das schon, wir sind damit groß geworden und wir wussten, dass da so sein wird.

Ihre Mutter Elena war damals überhaupt die erste Frau an der Spitze eines Weinguts in Südtirol.

Ja, es war für sie schwer, überhaupt wahrgenommen zu werden als Persönlichkeit. Die Weinwelt ist eine sehr klassische, sehr strenge Welt, die sich nicht schnell verändert. Meine Mutter ist aus Mailand hergekommen, und obwohl sie Südtiroler Eltern hat, haben die Leute sie sehr misstrauisch beäugt als sie versucht hat, Neuigkeiten einzubringen

Was denn zum Beispiel?

Das wichtigste war, die Erträge zu reduzieren (um damit die Qualität zu steigern, d. Red.). Eine alte Frau war davon geschockt und hat ihr erzählt, dass das eine Sünde ist.

Bei der Traubenernte sind damals ihre Eltern vorneweg durch den Weinberg, die haben das meiste gelesen. Die Kinder gingen hinterher um zu schauen, dass nichts vergessen wurde. Dabei mussten sie singen, damit sie sich nichts heimlich in den Mund stopfen konnten.

Ihre Mutter hat in die Familie Walch eingeheiratet, trotzdem heißt das Weingut heute "Elena Walch".

Ja, zum Glück war mein Vater weltoffen und es war der richtige Moment, die Sache so anzugehen. Trotzdem gibt es da diese Sache mit den Fässern...

Welche Fässer?

Wir haben einen Keller mit großen Holzfässern drin, die haben Initialen eingeschnitzt. Jeder männliche Nachkomme hat so ein Fass bekommen - ich und meine Schwester nicht. Das zeigt, dass das eine Männerwelt ist.

Wenn Sie eines Tages Kinder haben, werden die dann ein Fass bekommen, auch wenn es Mädels sind?

Das wird sich dann zeigen, das ist noch weit weg. Aber ich bin schon dafür Traditionen zu respektieren, und es ist doch auch lustig zu sagen, das sind die Fässer für die Männer. Wir Frauen machen dafür andere Sachen.

Machen Frauen denn anders Wein als Männer?

Ja. Denn Frauen sind meistens viel mehr in der Küche unterwegs und haben dadurch eine geübte Nase. Und Frauen haben einen anderen Geschmack als Männer. Ich höre immer wieder, unsere Weine seien weibliche Weine.

Was sind denn weibliche Weine?

In unserem Fall Weine, die sehr rund sind, die Säure und Tannine sind weich und rund, nicht kratzig, und gut eingebunden. Ich glaube, dass Frauen eher diese rundere Linie hineinbringt.

Wenn sie einen Mann und eine Frau nebeneinander stellen, dann machen die nicht komplett andere Weine, aber grundsätzlich gibt es Dinge, auf die Frauen vielleicht mehr achten als Männer.

Was ist denn das Schönste an deinem Beruf?

Das Reisen, das Unterwegssein mag ich sehr. Und die Arbeit mit der Natur, ich bin sehr naturverbunden. Ich bin in einem Dorf großgeworden, spielen zu gehen, hieß immer, in den Wald zu gehen. Als ich später in Großstädten studiert und die Kinder gesehen habe, auf den Spielplätzen, auf 20 Quadratmetern hinter Zaun und schön gesichert überall...denen fehlt doch was.

Natur ist ein sehr guter Ausgleich zu meinen Reisen. Ich bin eigentlich kein Stadtmensch, ich mag es zwar, nach der Arbeit nach Bozen zu kommen, wo ich wohne und wo was los ist. Aber ich freue mich jeden Morgen, wenn ich aufs Weingut nach Tramin fahren kann.

Verrätst du uns dienen Lieblingsort in Südtirol?

Wir haben ein Haus auf der Seiser Alm, wo wir viel Zeit verbringen. Da gibt es nichts außer der Natur und den Bergen. Man kommt nicht mal mit dem Auto hin.

Vielen Dank für das Interview.

Die Weine vom Weingut Walch sind in Deutschland bei www.ludwig-von-kapff.de erhältlich.

Eine Woche stellt das Weinportal www.CaptainCork.com Winzerinnen und ihre Weine vor.


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