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11/12/2015 03:41 CET | Aktualisiert 11/12/2016 06:12 CET

Sachsen hat sein Lächeln verloren

ROBERT MICHAEL via Getty Images

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"Wie geht es uns?" - das wüsste ich auch gerne. 2015 war für Deutschland, sicherlich auch für die ganze Welt, ein Jahr voll mit neuen Herausforderungen. Griechenland, Ukraine und Syrien - der sich abspielende Schrecken für Millionen von Menschen bewegt auch mich Tag für Tag, doch habe ich, wie viele meiner Freunde und Bekannten auch in meiner eigenen 'kleinen' Welt Probleme. Diese mögen im Vergleich zu den täglich über die Bildschirme flimmernden Szenarien von Terror und Tod harmlos erscheinen, aber auch sie verunsichern und bewegen.

Mittlerweile bin ich in der zwölften Klasse eines Gymnasiums in Sachsen. Bisher fühlte ich mich in meiner Heimat wohl. Sachsen war die Region, wo ich dachte, die Welt sei noch in Ordnung. Sicher, unser Dialekt und der uns vorauseilende Ruf, wir wären ein wenig „ossi-like-blöd", verleiten wohl zu ein paar Vorurteilen, doch konnte ich mich nicht beklagen.

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Offene Angst

In meiner Kleinstadt unweit von Chemnitz war es nie ein Problem, abends noch einmal mit Freunden gemütlich durch die Gassen zu ziehen, doch seitdem die Flüchtlingskrise unsere Gesellschaft spaltet, verirren wir uns nur noch selten abends nach draußen. Ich bin wirklich ein offener Mensch und versuche stets Vorurteilen keinen Glauben zu schenken, aber mittlerweile habe auch ich gegenüber dem Konflikt der Rechtsextremen mit den Flüchtlingen einen gewissen Respekt entwickelt.

Sachsen galt schon immer als Hochburg für Rechtsextremismus, doch habe ich bisher davon nie groß etwas mitbekommen. Wie auch? Es leben hier ja auch kaum Menschen mit Migrationshintergrund. Doch seit auch nach Sachsen in Scharen die Flüchtlingsbusse rollen, kann ich sagen, dass ich mich häufig nicht mehr wohlfühle, wobei das nicht unbedingt an der Flüchtlingsmasse liegt.

Diese verhält sich - soweit ich bisher Erfahrungen im Supermarkt oder der Innenstadt sammeln konnte - ruhig und haben selber Probleme, mit der Situation umzugehen. Und die Kriminellen? Die haben wir auch zur Genüge unter den Deutschen. Sorge bereiten mir vielmehr die Menschen, die auf dem Heimweg von der Schule mir mit Glatze und übergeschlagener Kapuze entgegenkommen. Dies verkörpert in Sachsen besonders seit vergangenem Sommer ganz klar eine rechte Überzeugung.

Dresden hat sein Lächeln verloren

Gerne war ich auch in Dresden unterwegs. Die Innenstadt ist immer für einen entspannten Bummel gut, doch fanden viele Menschen PEGIDA, noch viel mehr verloren ihr Lächeln. Ohne Zweifel ist die Flüchtlingskrise eine ernste Problematik, doch ist das Lächeln die einfachste Sprache der Welt, trotzdem nutzen sie nur wenige. Kein Wunder also, dass sich Flüchtlinge nicht wohlfühlen, wenn es mir - und vielen anderen auch - schon so geht.

Viele neigen dazu, alle Flüchtlinge unter einen Hut zu stecken, doch das ist ganz klar falsch! Als Kanada im Sommer aufgrund der angeblich rechtsextremen Bevölkerung eine Reisewarnung für Ostdeutschland herausgab, war die Empörung groß: Es wären "gar nicht alle rechts eingestellt" und "wie man sich so etwas erlauben könnte". Hier widerfuhr den Deutschen genau das, was man mit den Geflüchteten tagtäglich macht: Sie alle über einen Kamm scheren. Eine irgendwie passende Ironie.

Anfang November wurden auf eine Flüchtlingsunterkunft unweit meiner Heimatstadt Brandbomben geworfen. Ein für mich feiger Umgang mit der Problematik. Auch ich bin der Meinung, diese Menschen müssen integriert werden, doch habe ich mittlerweile meine Zweifel, wie das gehen soll.

Für einen Menschen, der jahrelang gelernt hat, dass Probleme mit Gesprächen aus der Welt zu schaffen sind, ist Gewalt als Lösung natürlich ein inakzeptables Mittel. Genauso ist es aber für Menschen, die ihr Leben lang Probleme mit Gewalt lösen mussten und in einer Diktatur wenig Freiraum hatten, unverständlich, auf einmal friedlich Probleme zu lösen.

Es hätte jeden treffen können

Vielen von uns blieb diese Erfahrung Gott sei Dank erspart, doch die, die sie machen mussten, gehen nun auch ganz anders mit unserer Kultur um. Der Geburtsort ist Zufall - jeden von uns hätte es auch treffen können. Machen wir es diesen Menschen nicht noch schwerer, als es ohnehin schon ist.

Zuletzt bleibt mir nur noch zusagen, dass auch ich Angst vor dem Terror habe und jeden Morgen hoffe, dass heute nichts passiert.

Wie geht es mir? Nicht sonderlich gut, und ich befürchte, dass wird noch eine Weile so bleiben.

Mit diesen nachdenklichen Worten verabschiede ich mich, passen Sie auf sich auf!

(Der Autor ist der Redaktion bekannt, er bittet aber um Anonymität seiner Person)

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Dieser Text ist Teil der Reihe "Wie geht es uns?" Ein Jahr lang hat die Politik in Berlin, die Krise in Syrien und der Konflikt mit Moskau die Schlagzeilen beherrscht. Wie aber geht es Ende dieses irren Jahres den Menschen in Deutschland? Wie blicken die Menschen in unserem Land in die Zukunft? Das will die Huffington Post herausfinden - und hat alle Redakteure als Reporter durch das Land geschickt. Sie führen Interviews, besuchen Menschen denen sonst niemand zuhört - und berichten über Menschen, die dabei helfen, die größten Probleme zu lösen.

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