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18/12/2015 04:37 CET | Aktualisiert 18/12/2016 06:12 CET

Wie eine junge Irakerin für das Leben ihrer Familie kämpft

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Sicher kennst Du schon den Blog Humans of New York. Nein? Dann schau doch hier mal rein.

Für alle, die keine Zeit oder Lust haben, diesen fantastischen Blog anzuschauen hier die Kurzfassung: Humans of New York ist das Projekt des Fotografen Brandon Stanton, der Bewohner von New York ablichtet und porträtiert. Dabei kommen immer wieder tragische, schöne, aber vor allem herzzerreißende Geschichten heraus, die er auf der Facebook-Seite mit seinen ca. 16 Millionen Fans teilt.

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Seit diesem Monat berichtet Stanton aber nicht mehr über New Yorker, sondern über Geflüchtete, die nach Amerika wollen. Einziges Problem: die USA nehmen genau 10.000 geflüchtete Syrer*Innen auf. Angesichts der ca. 4.3 Millionen syrischen Flüchtenden ist das so wenig, dass man noch nicht einmal von einem Tropfen auf dem heißen Stein sprechen kann, ohne sich lächerlich zu machen.

Gerade mal 0,002 %. Wenn es nach Stanton geht, soll sich das grundlegend ändern und deshalb porträtiert er Menschen wie Aya.

Aya ist 20 Jahre alt. Seit ihrer Geburt lebt sie mit ihrer Familie in Bagdad. Als der Krieg im Irak ausbricht, ist Aya noch zu jung, um zu verstehen, was um sie herum geschieht:

„I didn't know the meaning of war. Bombs started falling around us. (...) Then one day I heard a big sound and I saw my best friend Miriam's house had been destroyed. We walked to school together every day. I went to see if she was OK and I saw Miriam on the ground. She didn't have any legs and she was screaming and I can still hear that sound now."

Aya erzählt im Blog, wie sie versucht, dem Krieg zu entkommen und sich stattdessen auf ihre Ausbildung zu konzentrieren. Aber der Krieg lässt sie nicht los. Eines Tages ermorden Anhänger der Miliz versehentlich einen Kollegen ihres Vaters, welcher das eigentliche Ziel war, da sie das Haus der Familie übernehmen wollen. Der Vater ist verängstigt und verlässt mit der Familie nachts Bagdad, um eine neue Existenz in Syrien aufzubauen.

Der Krieg folgt der Familie


Obwohl Aya ihre Heimat nicht verlassen will, lebt sie sich schnell in Syrien ein und konzentriert sich weiter auf ihre Ausbildung. Doch wieder folgt der Krieg dem damals 16 Jahre alten Mädchen.

... people began killing each other in the street. I was studying one afternoon, and I looked out the window, and a man smashed another man's head with a stone. Right in front of me. Our landlord told us: ‚I am leaving the country. Everyone must go.' So again we became refugees."

Die Familie flieht weiter in die Türkei. Aya beschreibt die Zeit dort als ihre härtesten Lebensjahre. Sie kann kein Türkisch und ohne einen türkischen Pass ist es für sie unmöglich einen Schulabschluss zu machen. Aya kämpft gegen alle Widerstände an und findet eine Stelle als Übersetzerin bei einer Nichtregierungsorganisation (NGO).

Doch die Stimmung gegenüber Flüchtlingen in der Türkei hat sich geändert. Menschen beginnen, Aya und ihre Familie auf offener Straße anzuschreien, ihnen bei Facebook zu drohen und greifen ihre Schwester an.

„My sister got hit in the face at school and lost two teeth, and now her vision is bad in one eye. Being a refugee is really hard. They blame us for everything. They blame us for no jobs. For crowded streets. For crime. They say that we are the reason for everything bad. And if war ever comes to Turkey, we'll be the first to die. Because They'll blame us for that too."

Was das alles über die EU und ihr Abkommen mit der Türkei zu Abriegelung der europäischen Außengrenzen sagt, sei an dieser Stelle einmal dahin gestellt. Klar ist, die Türkei hat sehr viele Menschen in Not aufgenommen.

Klar ist aber auch, dass Amnesty International der Türkei die illegale Abschiebung von Geflüchteten vorwirft. Ob die Türkei - ganz abgesehen von ihrer geo-strategischen Lage - also ein guter Partner für diese humanitäre Krise ist, steht auf einem anderen Blatt und wird zurecht kritisiert.

Für Aya und ihre Familie werden die Zustände jedenfalls untragbar. Sie beantragen eine Umsiedlung in die USA. Nach monatelangem Warten erhalten sie eine Zusage.

„I screamed to my family: ‚Turn off the TV! We're going to America!' It was like a wedding. We turned on the music. We started dancing and crying and kissing each other. A new life!"

Die USA bekommen Angst und ziehen sich aus der Verantwortung


Aya plant den gesamten Umzug, sie sucht Schulen für ihre Geschwister, eine Uni für sich, ein Krankenhaus für ihre Mutter, die durch die jahrelangen Strapazen krank geworden ist, und einen Job für ihren Vater. Abends plant sie mit ihrem Geschwistern, wie ihre Zimmer aussehen sollen. Aber nach zwei Monaten erreicht die Familie ein Brief: die Zusage wurde wegen „sicherheitsbezogener Gründe" zurückgezogen.

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Aya ist am Boden zerstört. Sie weint mehrere Tage und muss zuletzt sogar Medikamente nehmen, um sich wieder beruhigen zu können. Dann geschieht das größte Unglück, dass eine Familie in dieser Situation ereilen kann.

Ayas Vater ist von einem auf den anderen Tag weg. Bis heute weiß niemand, wo er ist oder ob er überhaupt noch lebt. Ihren Geschwistern erzählt Aya, dass er eine Arbeit in Istanbul gefunden habe, sie lädt sogar regelmäßig alte Bilder von ihm bei Facebook hoch, um die Lüge zur Wahrheit zu machen. Doch ein halbes Jahr später bleibt er immer noch spurlos verschwunden.

Auch der Status der Familie bleibt unklar. Sie hat einen Antrag auf Berufung ihres Verfahrens gestellt. Humans of New York und die Plattform Change.org haben einen Aufruf gestartet, mit dem sie Präsident Obama dazu bewegen wollen, Aya und ihre Familie nach Amerika einreisen zu lassen.

Es wird Zeit, dass die USA sich zu ihrer Verantwortung bekennen und endlich mehr Flüchtlinge aufnehmen. Es ist einfach unglaublich, dass es ein paar Vollidioten aus dem republikanischen Lager schaffen, mit ihren Hetzparolen die amerikanische Gesellschaft so sehr gegen Muslime zu mobilisieren.

Dass Menschen wie Donald Trump oder Ben Carson ungestraft mit Lügen über eine ganze Religion und Forderungen nach einem sofortigen Einreiseverbot für Muslime so viel Erfolg haben, anstatt im Knast zu landen. Und es ist ehrenhaft, dass Barack Obama sich davon nicht selbst zu populistischen Einwürfen hinreißen lässt.

Weil ich das glaube, habe ich die Petition unterschrieben. Wenn auch du Aya unterstützen willst, kannst du das hier tun.

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