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06/09/2015 11:14 CEST | Aktualisiert 06/09/2016 07:12 CEST

Das ist die unbequeme Wahrheit über Flüchtlinge, die in Deutschland mit Drogen dealen

Ein Sonntagmorgen in Berlin. Die Sonne scheint und ich mache mich auf den Weg in den Görlitzer Park in Kreuzberg. Seit einer gefühlten Ewigkeit ist der Park DER Berliner Hotspot für schlechtes Gras und menschliches Elend. Wer früh genug in den Park kommt, sieht junge Schwarze auf der Wiese liegen, schlafend, offenbar können sie sonst nirgends hin.

Einige Stunden später stehen sie an jeder Weggabelung in dem kleinen Park. Beim Vorbeilaufen raunen sie „Wanna Weed, wanna Coca?". Viele Passanten laufen einfach weiter, doch hin und wieder bleibt einer stehen, raunt etwas zurück und die beiden verschwinden im Gebüsch. Dann wechseln ein paar Gramm Gras oder Kokain den Besitzer.

Polizei greift durch

Die Politik in Berlin will sich das nicht länger anschauen. Seit Monaten beschweren sich Anwohner, auch kam es schon zu Auseinandersetzungen und Messerstechereien. Seit April 2014 gibt es nun eine Sonderzone im Görlitzer Park: Die Polizei verfolgt jetzt auch den Besitz geringerer Mengen als die in Berlin üblichen 15 Gramm Eigenbedarf.

Gebracht hat das - wie in der Drogenpolitik so häufig - nichts. Das lässt sich im Görlitzer Park jeden Tag beobachten: Der Verkauf geht weiter, Polizei und Staatsanwaltschaft resignieren vor der Aufgabe, die die Politik ihnen eingebrockt hat.

Wenig scheinen sich die Frage zu stellen: Wer sind die Menschen im Park überhaupt - warum machen sie das, was sie tun? Warum dealen sie mit Drogen?

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Ich will bei den jungen Schwarzen im „Görli" nach Antworten suchen und herausfinden, was das Problem wirklich lösen könnte. Deshalb habe ich entschieden, mit ihnen zu reden. Eigentlich ist es ganz einfach, mit ihnen ins Gespräch zu kommen - vorausgesetzt man will Drogen kaufen.

Zuerst will niemand sprechen

Aber sobald ich sage, dass ich für einen Blog schreibe, will plötzlich niemand mit mir sprechen. Die Blicke werden misstrauisch, man hält mich für einen Polizisten. Ich spreche elf Leute an, sie alle reagieren ablehnend. Als ich eigentlich schon auf dem Heimweg bin, habe ich Glück:

Amir (Anm.: Name geändert), ein junger Kerl mit wachen Augen, bei dem ich es schon vorher versucht hatte, will nun doch mit mir reden. Er ist 24 und bereit, mir meine Fragen zu beantworten. Hier sind seine Antworten:

Amir, woher kommst du?

Amir: Ich komme aus Afrika, aus Mali.

Bist du wegen des islamistischen Terrors in Mali hier?

Amir: Nein, ich bin 2008 nach Europa gekommen, als die Tuareg einen Krieg in Mali anfingen. Sie wollten Unabhängigkeit. (Anm.: Die Tuareg sind eine in Mali unterdrückte Bevölkerungsgruppe, die seit Jahren für ihre Anerkennung als Volk kämpft. 2007 bis 2009 fand die dritte Tuareg-Rebellion in Mali statt, während der auch die Bevölkerung unter den Auseinandersetzungen litt).

Im Krieg wurden meine Eltern von den Tuareg getötet. Damals war ich 16 und war plötzlich allein. Mein Bruder, der schon längere Zeit in Spanien lebte und dort arbeitete, organisierte mit der Hilfe seines Chefs ein auf sechs Monate begrenztes Arbeitsvisum für mich und so konnte ich dann nach Europa reisen.

Wie war es in Spanien?

Amir: Ich lebte dort drei Jahre lang. Nachdem das Visum ablief, bot mir mein Boss an, weiter für ihn zu arbeiten. Ich bekam 900 Euro im Monat. Der Job war schwarz, aber 900 Euro sind viel für jemanden wie mich. Also blieb ich. Ich lebte damals in der Nähe von Barcelona. Es war eine gute Zeit.

Und was passierte dann?

Amir: 2010 verlor ich meinen Job und stand plötzlich auf der Straße. Nach einem halben Jahr hatte ich immer noch keinen Job. Also habe ich versucht, nach Deutschland zu kommen. Das war 2011. Ich habe einen Antrag auf Asyl gestellt, als ich ankam. Der Antrag wurde abgelehnt, aber mittlerweile hat sich die Situation in Mali geändert. (Anm.: Seit 2012 leidet Mali unter dem islamistischen Terror mehrerer Organisationen. Auch die Tuareg bekämpfen die Regierung weiterhin, insbesondere der Norden, aus dem Amir stammt, ist weiterhin gefährdet.) Deshalb wurde ich noch nicht abgeschoben.

Was war deine Erwartung an Deutschland, als du hier ankamst?

Amir: Ich habe gehofft, ihr würdet mich willkommen heißen und ich könnte hier arbeiten. Aber nachdem ich ankam, durfte ich keinen Job aufnehmen.

Hast du deshalb angefangen Drogen zu verkaufen?

Amir: Ich will kein Dealer sein. Ich habe hier 2014 angefangen zu verkaufen, aber ihr versteht es nicht. Ich brauche Essen, ich brauche Kleidung und ich will nicht zurück nach Mali.

Erlaubt mir zu arbeiten, damit ich nicht in diesem Park sitzen und euch Drogen verkaufen muss. Ich will ein richtiges Leben führen, ich will nicht mehr jeden zweiten Tag von der Polizei aufgegriffen werden, ich will euren Respekt.

Plötzlich wird unser Gespräch unterbrochen. Ein anderer junger Mann ruft Amir in einer Fremdsprache etwas zu, das ich nicht verstehe. „Ich muss jetzt gehen. Polizei. Geh auch", sagt er noch, bevor er sich umdreht und mit seinem Bekannten verschwindet. Ich kann ihm nur noch ein „Thank You" hinterherrufen - dann ist er weg.

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Viele der Jugendlichen, mit denen ich heute versucht habe zu sprechen, wirken auf mich verzweifelt. Das weiß ich nicht etwa, weil sie es mir gesagt hätten, sondern gerade weil sie nichts sagen. Ein Anderer wird plötzlich wütend, als ich frage, warum er hier sei. „Warum gehst du nicht nach Afrika und schaust es dir an? Ihr Europäer versteht nichts."

Wir wissen nicht, was die Menschen erlebt haben

Ein Mann, von dem ich wissen will, wie er nach Europa kam, schaut über eine Minute ins Nichts, bevor er sich wieder fängt und mich mit unterdrückter Wut dazu auffordert zu gehen. Er will nicht mit mir reden, das sei eine dumme Idee von ihm gewesen.

Ich weiß nicht, was diese Menschen erlebt haben. Ich kann es mir wahrscheinlich nicht einmal vorstellen.

Ich weiß nur, dass wir vielleicht zweimal nachdenken sollten, bevor wir die Dealer von nebenan verurteilen. Natürlich gibt es auch die, die aus Profitgier hier stehen und den Verkauf von Drogen als ganz normalen Job betrachten.

Es gibt aber eben auch viele Flüchtlinge wie Amir, deren Situation so ausweglos ist, dass sie keine Alternative mehr sehen. Es wird Zeit, dass wir ihnen eine geben und ihnen endlich erlauben, zu arbeiten.

***

Hintergrund: So viel Geld bekommen Flüchtlinge in Deutschland

Das bundesweit geltende Asylbewerberleistungsgesetz sieht vor, dass Flüchtlinge das erhalten, was sie brauchen, um ihr Existenzminimum zu sichern. Wie viel Bargeld der Flüchtling jeweils bekommt, hängt davon ab, wie lange er in Deutschland ist, und was er in seiner Unterkunft an Sachleistungen erhält.

Ist ein Flüchtling länger als 15 Monate im Land, stehen ihm bei Bedürftigkeit Leistungen auf dem Niveau der Sozialhilfe zu. Damit erhält ein alleinstehender Asylbewerber etwa 392 Euro. Außerdem werden - wie bei Hartz-IV-Empfängern - Wohnkosten erstattet.

Hintergrund: Können Flüchtlinge abgeschoben werden, wenn sie straffällig geworden sind?

Artikel 53 des Aufenthaltsgesetzes in Deutschland sieht eine Ausweisung für Ausländer vor, die rechtskräftig verurteilt worden sind.

In der Regel greift hier jedoch das "Non-Refoulement-Prinzip" in der Genfer Flüchtlingskonvention. Dieses untersagt Staaten, die Abschiebung von Flüchtlingen in Länder, in denen ihr Leben bedroht sein könnte oder sie Folter fürchten müssen.

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