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06/12/2016 10:49 CET | Aktualisiert 07/12/2017 06:12 CET

Es gibt intelligentes Leben in Schulen

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Es gibt intelligentes Leben in Schulen, davon bin ich immer noch überzeugt! Es gibt sie überall in Deutschland: Schulen die lebenshungrige, gestärkte junge Menschen in ihr Leben schicken. Die erkannt haben, dass das indirekte Spiel wirksamer ist als direkte Einflussnahme.

Schulen die wissen, dass es nicht möglich ist einen guten Menschen zu machen. Schulen die genauso viel Wert auf das Wie, wie auf das Was legen. Schulen die nicht denken, dass das Kind ein Produkt ihrer Erziehung ist, sondern die wissen, dass sich Menschen im Wesentlichen selbst entwickeln. Schulen die den Vorteil, verschieden zu sein, fördern und sich nicht nach Gleichförmigkeit sehnen.

Der nicht enden wollende Diskurs über unsere Schulen ist immer noch eine Offenbarung unserer Gesellschaft darüber, woher wir kommen und wohin wir wollen. Wenn unsere Schulen allen Schülern Sicherheit für's Leben geben, ist für dumme Selektion kein Platz mehr. Dann gibt es Platz für die Besten UND für die, die grade was Wichtigeres zu tun haben als Schule.

Wenn unsere Schulen sich nicht mehr fürchten vor dem Eigensinn der Kinder, dann können wir endlich beginnen die goldenen Früchte jeder Individualität zu ernten, die uns so lange als Hirngespinste verkauft wurden. Wir sind doch: ‚alle im Werden und nicht fertig wie Drechselpuppen, wo höchstens noch der Anstrich fehlt,' wie Goethe es beschrieb.

Mehr zum Thema: "Alle diskutieren über Pisa - aber es bringt mich als Lehrer nicht weiter"

Wir brauchen Schulen die den Verstehensprozess der Kinder in den Mittelpunkt stellen, nicht Noten. Wir wollen keine Schule die sich am Schluss reduziert auf eine Note vor und eine nach dem Komma (Numerus clausus).

Wir wollen eine Schule die auf Respekt von Lehrern und Lehrerinnen zu Kindern, Jugendlichen und deren Eltern - und umgekehrt - beruht. Das ist leicht zu erreichen, denn es kommt durch gute Führung!

Langsam dämmert uns Erwachsenen, was den Kinder sonnenklar ist

Ich wünsche mir einen Schulleiter der zum Schulanfang als Ziel ausgibt: "Dieses Jahr fällt bei uns niemand durch, wir schaffen das zusammen, dazu brauche ich jede und jeden hier!"(Sitzengebliebene kosten unser Schulsystem jährlich eine Milliarde Euro, 1,5 Milliarden Euro werden für Nachhilfe jährlich von Eltern und Alleinerziehenden ausgegeben, Kinder und Eltern zahlen mit Milliarden Ängsten und sinnlose Schmerzen)

Langsam dämmert uns Erwachsenen wieder der Zusammenhang zwischen schlechter Stimmung im Klassenzimmer und mieser Leistung. Als Kinder war uns das sonnenklar. Ich will von Kultusministern, Schulräten und Schulleitern hören: "Wir vertrauen uns gegenseitig: wir hören uns gegenseitig zu, es ist vorbei mit Verordnungen von oben herab. Wir formulieren Zwischen- und Abschlussziele, der Weg dorthin ist eure Sache."

Lehrer, Eltern und ältere Schüler erstellen zu Beginn des Schuljahres einen Studienplan, der die Ziele festhält, die sie dieses Jahr erreichen wollen. Der Vorteil ist, dass alle mit den Zielsetzungen einverstanden sind. Utopie? Nein, in Kanada und Skandinavien ist das oft die Regel und steht es im Bildungsgesetz.

Unsere Schule muss neu gedacht werden. Es geht nicht mehr nur darum wie sie Wissen vermittelt, es geht darum wie Schule ein offener Ort wird, an dem es Lehrern und Schülern Freude macht miteinander und voneinander zu lernen. Unsere

Schule versteht zu wenig davon wie Kinder lernen und wie sie leben. Halt, das stimmt nicht ganz; Schule weiß das schon, aus unzähligen Studien. Sie hat nur zu viel Angst es uns Eltern und Wählern deutlich zu sagen: "Wir können heute nicht mehr Schule wie vor 50 Jahren machen". Schule befürchtet - und das zu recht - Konflikte mit konservativen Eltern und Bürokraten von denen sie sich abhängig fühlt.

Die Erfahrung der Selbstwirksamkeit ist eines der Fundamente für eine stabile Zukunft

Wir sollten uns überlegen ob wir weiterhin Menschen/Schüler passend für's System machen wollen, oder ob wir es schaffen das System an die Bedürfnisse der Menschen/Schüler anzupassen. In der neuen Schule sind unsere Unterschiede der Motor des Lernens. Heute noch versuchen wir alle gleich zu machen.

Wir erwarten im ernst, dass 30 Kinder zum selben Zeitpunkt das selbe können und wir das dann messen können, um zu urteilen. Wie einfältig!

Denn wir wissen auch, dass bei 30 gleichaltrigen Mädchen und Jungen Entwicklungsunterschiede von bis zu vier Jahren zu beobachten sind. (z.B. Langzeitstudien von Prof. Dr. Remo Largo) So zu unterrichten ist fast eine unmögliche Aufgabe. Jeder Lehrer weiß das und es raubt Lehrern täglich Kraft.

Mehr zum Thema: Pisa-Studie: In diesen Fächern sind deutsche Schüler so gut wie nie

Zu viele glauben heute immer noch, dass der künstliche Raum, der in den meisten Schulen geschaffen wird (Stoffvermittlung + Prüfung + Notengebung), etwas mit dem echten Leben zu tun hat. So ist es nicht! Antworten auf Lehrerfragen die auf ein vorher konstruiertes Bild passen, werden aufgenommen und belohnt.

Andere Antworten werden ignoriert, so gewöhnen wir Menschen das Denken ab. Verstehen ist ein dynamischer Prozess, den gilt es anzuregen! Bildung wird immer besser, je reicher sie an praktischen Kontexten ist.

In unserer Vielfalt, besonders in der unserer Kinder, liegt unser zukünftiger Reichtum. Dazu brauchen wir weniger Obrigkeitshörigkeit und weniger autoritären Gehorsam, weniger Bürokratie, oder ist das zu Undeutsch?

Es gibt sie schon die neuen Schulen

Die Bodensee-Schule ist so eine, ein andere ist die Göttinger Lichtenberg-Gesamtschule. Dort lernen Kinder bis zur zehnten Klasse gemeinsam. 1.500 Schüler praktizieren selbstorganisiertes Lernen, ohne Noten. Das bedeutet, die Schüler haben eine gemeinsame Aufgabe, sie haben kompetente Begleitung durch einen Erwachsenen (Lehrerin) und bekommen Arbeitsmaterial, das sie z.B. nach 2 Stunden in ihrer persönlichen Form präsentieren.

Die Jugendlichen arbeiten sich in die Thematik hinein. Lernen findet dort überall statt, mit offenen Türen, im Gang, im Filmraum... Im traditionellen Unterricht würde man die Jugendlichen darin unterrichten wie alt, wann gelebt, bekannt geworden für... Hier jedoch lernen die Schüler sich mit der Figur oder den Themen auseinander zu setzen und jeder Jugendliche kann einen individuellen, ihm gemäßen Beitrag leisten, zum Gelingen des Ganzen.

Da ist keine Abwertungskultur (ich bin besser als du) sondern es geht um die Frage wie können wir die verschiedenen Talente einer Gruppe zusammen bringen, damit wir gemeinsam was Tolles schaffen.

Bloß zu funktionieren und sich durchzuschlagen, kann kein Bildungsziel sein

Schule kann sich nur selbst verändern, aber nicht alleine. Unsere Kinder brauchen Verbündete gegen Bulimielernen. Wir meinen, Schulbildung würde linear verlaufen. Wir meinen, ein Universitätsstudium würde ein erfolgreiches Leben garantieren. Das ist nicht so.

Wir bezahlen einen enormen Preis für dieses lineare Denken.

Jedes Bildungssystem weltweit wird derzeit reformiert. Doch reformieren ist zwecklos geworden, es ist nur der Versuch ein kaputtes System zu reparieren. Es muss transformiert werden.

Der Haupthinderungsgrund liegt in uns allen, es ist unser altes Denken: "Das kann gar nicht anders gemacht werden, denn so haben wir es immer schon gemacht".

Wir wissen, dass mit der freien Form des Lernens, mehr in den Köpfen bleibt als beim reinen Faktenlernen. Unsere aktuellen Lehrpläne und G 8 Stoffverpressungen wissen davon nichts.

Übrigens kommt die beste Schülerin Niedersachsens aus der Lichtenberg-Gesamtschule. Ist die Gesamtschule das Heilmittel? Natürlich nur wenn sie gewollt ist. Denn: Wer will findet Wege, wer nicht will, findet Gründe.

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