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15/10/2015 05:51 CEST | Aktualisiert 15/10/2016 07:12 CEST

Der Lautsprecher: Maßgeschneiderte Streifen aus Amazon Valley

dpa

Wer die ZEIT-Ausgabe zur Deutschen Einheit, die wir am 3. Oktober gefeiert haben, geöffnet hat, hielt eine ganz besondere Beilage in den Händen: „Deutschland25, Eine Momentaufnahme zu 25 Jahren deutscher Wiedervereinigung" - Content, Layout und Typo unverkennbar.

„Nein, das kann nicht sein!" ist mein erster Gedanke. Und doch liege ich nicht falsch, der Initiator steht unübersehbar auf der Titelseite: Google. Kann denn das ein erstes publiziertes Resultat von Googles Engagement für die Förderung des innovativen Journalismus sein? Ein Blick auf den Inhalt lässt keinen Zweifel offen, die Themen strotzen vor Opportunismus und dem Streben nach vorne, nach besseren Zeiten.

Die Artikel begeistern für umweltfreundliche Lebensstile, freie Sexualität (#seisowiedubist), vereinfachtes Lernen und das unentbehrliche Internet für alle. Das klingt definitiv nach Google und dem Traum von einer besseren Welt.

Mr. Internet hat kürzlich übrigens auch Online-Buch-Spezialisten für seinen neuen Dienst „Google Play Book" eingestellt. Sie kommen von Oyster, einem Start-up, das vermeintlich daran gearbeitet hat, eine Art digitale Bibliothek zu werden.

Wie bei Netflix & Co. kann dort gegen einen Obolus, anstatt auf Serien & Filme, unbegrenzt auf E-Books zugegriffen werden. „Papier" ist zwar geduldig, aber wohl (noch) nicht so sexy wie Bewegtbild. Damit bringt Google die „Kindle-Leihbücherei", Amazons Ausleihdienst, ganz schön in Bedrängnis.

Doch Amazon lässt sich das nicht gefallen

und streicht kurzerhand Googles Streaming-Stick „Chromecast" (die erste Generation wurde laut Google 20 Mio. Mal verkauft) und Apples „Apple TV" gleich mit dazu, aus seinem Sortiment. Die offizielle Begründung: Die Geräte sind inkompatibel mit „Prime Video", Amazons Online-Videothek, und würden Verbraucher deshalb nur verunsichern.

Schlauer Schachzug. Und perfekt geplant, denn wie könnte man sich zum Weihnachtsgeschäft einen größeren Wettbewerbsvorteil verschaffen?

Selber machen lassen

Neben „Prime Video" ist die hauseigene „Fire TV"-Box, die Daten aus dem Internet auf den heimischen Bildschirm bringt, das meistverkaufte Gadget der Plattform überhaupt. Mit dem Ausschluss seiner größten Wettbewerber setzt Amazon auf seine Marktmacht und, wie Netflix und Watchever auch, ganz klar auf eigene Inhalte.

Eigenproduktionen wie Alpha House, Mad Dog und die kürzlich bei den Emmys mit 5 Awards belohnte Serie Transparent, die insgesamt elfmal nominiert wurde und zuvor bereits einen Golden Globe gewonnen hatte, scheinen dieses Manöver zu bestätigen. Und es geht weiter. Nächster Stop: Kino.

Insgesamt 12 Produktionen pro Jahr soll es geben, Erfolgsgaranten könnten namhafte Größen aus Hollywood sein. So etwa Woody Allen, der für eine TV-Serie auf dem Amazon-Flaggschiff anheuert. Weitere Details stehen noch aus.

Amazon scheint also den richtigen Riecher für den Geschmack seiner Zuschauer zu haben. Ob es hier an göttlicher Intuition oder doch eher an dem Berg aus Nutzerdaten liegt, die dem E-Commerce-Riesen nicht nur von den Kunden selbst, sondern auch von den Marketplace-Händlern massenweise auf dem Silbertablett serviert werden, bleibt dahingestellt.

Ja, auch Amazon ist eine gigantische Suchmaschine und agiert mit ausgeklügelten Algorithmen, die auf den Daten der User basieren. Schon drei gewählte Filme in Verbindung mit dem Konsumentenverhalten während deren Laufzeit verraten mehr als Alter, Geschlecht oder sonstige demografische Daten. Und genau da liegt auch der Unterschied zu Google, wo Website-Inhalte komplex gescreent und anschließend interpretiert werden.

Call me Alexa

Dass Amazon derzeit auf Erfolgskurs ist, bestätigt auch das Interbrand-Ranking der bedeutendsten Marken der Welt. Neben Apple, Google und Coca Cola findet sich nun auch das Shoppingportal zum ersten Mal in den Top Ten wieder: Mit einem Zuwachs von 29 Prozent beträgt der Markenwert 37,9 Milliarden US-Dollar.

Klar, dass Big A kräftig investiert. So wurde kürzlich Sprachassistentin "Alexa" gelauncht, eine Software, die ähnlich wie Siri auf Zuruf Fragen beantworten, Artikel online bestellen oder Hausgeräte bedienen kann. Ein Mädchen für alles.

Amazons nächster Schritt in Richtung intelligente Wohntechnologien heißt übrigens "Dash Replenishment Service" (DRS), eine Funktion, die es Endgeräten möglich macht, Verbrauchsmaterialien autonom nachzubestellen. Bisher erprobt an Kühlschränken, weitere Geräte dürften nicht mehr lange auf sich warten lassen. Here we are, Internet of Things!

Diejenigen von euch, die nach wie vor gerne selbst Hand anlegen und einfach nur einen gemütlichen Fernsehabend auf der heimischen Couch verbringen möchten, haben ihren Spaß garantiert an dem Druckknopf „The Switch".

Die von Netflix präsentierte Funktion (zugehörige Nachbauanleitung für Hobbybastler findet sich hier) erfüllt auf Knopfdruck - wie das Überraschungsei - gleich drei Wünsche auf einmal: automatischer Filmstart mit dem Smart TV, gedimmtes Licht und Pizza vom Lieferservice des Vertrauens.

Wer braucht da schon Alexa? Da sitzt dann hoffentlich ein echtes Mädchen mit auf dem Sofa und staunt nicht schlecht über so viel handwerkliches Geschick. Und wer lieber mit originären Printprodukten punktet, kramt ohne zu zögern die ZEIT-Beilage hervor. Vorlesen kann nämlich bisweilen auch ganz reizvoll sein.

Martina Muff schreibt jeden ersten Freitag im Monat für den „Lautsprecher", der Branchenkolumne der strategischen Kommunikationsberatung UMPR, PR-Agentur aus Hamburg. Aus Expertensicht - aber ohne Tunnelblick - identifiziert und bewertet sie Trends und Entwicklungen aus Marketing und Kommunikation.

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