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10/10/2015 13:51 CEST | Aktualisiert 10/10/2016 07:12 CEST

Leben wir bald ohne Bargeld?

Thinkstock

In Geschäften soll künftig immer weniger mit Bargeld bezahlt werden. An die Stelle von Münzen und Scheinen sollen Karten, das Smartphone oder gar biometrische Merkmale treten. Ein direkter Kontakt zum Lesegerät - oder ein dicker Geldbeutel - werden immer mehr zu Requisiten aus der Vergangenheit. Vielen Deutschen fällt das Loslassen jedoch noch schwer.

Gründe gegen Bargeld

Wer sich in Deutschland eine Kleinigkeit vom Bäcker kauft, eine kurze Fahrt mit dem Taxi macht oder sich vom Straßencafé einen Coffee to go holt, zahlt fast ausschließlich bar. Das könnte sich bald ändern. Viele Staaten und Banken möchten Bargeld aus dem Verkehr ziehen. Zum einen sind die Kosten für die Herstellung und Instandhaltung der Scheine und Münzen sehr hoch. Zum anderen ist Bargeld in vielen Fällen der Türöffner für illegale Aktivitäten, wie etwa Schwarzarbeit, Bestechung oder Steuerhinterziehung. Auch immer mehr deutsche Ökonomen fordern, Bargeld abzuschaffen.

Eine bargeldlose Zukunft

In jüngster Zeit haben einige Länder wie Dänemark, Indien oder Indonesien Projekte für eine bargeldlose Zukunft gestartet. Schweden denkt bereits darüber nach, komplett ohne Bargeld zu leben. „Wir sind auf dem Weg in eine bargeldlose Zukunft. Besonders der Mobilfunk und das Internet beschleunigen diese Entwicklung. Geld als digitaler Wert wird künftig noch schneller und effizienter von Käufer zu Anbieter, von Konsument zu Konsument und von Kontinent zu Kontinent bewegt", sagt Dr. Markus Braun, CEO der Wirecard AG voraus. Das Technologieunternehmen ist weltweit führend im elektronischen Zahlungsverkehr und forscht im Bereich innovativer Payment-Technologien.

Anstatt Geld würden in Zukunft Datenströme rund um den Globus fließen, die Spuren hinterlassen und somit nachvollziehbar sind. „Selbst Industrieländer sagen, dass etwa 14 bis 16 Prozent des Bruttoinlandproduktes in der sogenannten Schattenwirtschaft erzielt werden. Dieses Geld wird natürlich nicht versteuert", sagt die Berliner Volkswirtschaftlerin Heike Jöppkes.

Kontaktloses Bezahlen bei ALDI NORD

Seit gut drei Monaten ist an den Kassen der Supermarktkette ALDI NORD das kontaktlose Bezahlen mit Smartphone oder Maestro-Karte möglich. Die Bezahldaten werden mithilfe der sogenannten Near-Field-Communication-Technologie (NFC) übertragen, bei der Geräte wie etwa das Handy und die Kasse auf kurze Distanz miteinander kommunizieren. Voraussetzung für das kontaktlose Bezahlen sind eine NFC-fähige Maestro- oder V-Pay-Debitkarte oder ein NFC-fähiges Smartphone. Wer mit dem Smartphone zahlen möchte, muss zunächst eine sogenannte Wallet-App installieren. ALDI NORD gehört mit dieser Umstellung zusammen mit REWE, OBI, Galeria Kaufhof und PENNY zu einem von rund 500 Geschäften in Berlin, in denen man seit Kurzem mit dem Handy zahlen kann. Der Vorstoß kommt von den Netzbetreibern Telekom, Vodafone und Telefónica und soll das Mobile Payment mehr in den deutschen Fokus rücken.

„Aktuell befinden wir uns in einer Phase des technologischen Umbruchs: Ältere Payment-Technologien und -Systeme werden teilweise oder sogar vollständig durch neue innovative, sichere Systeme und Internettechnologien ersetzt", sagt Carlos Häuser, Executive Vice President Payment and Risk der Wirecard AG.

Die Erneuerungsrate in den verschiedenen Märkten und Regionen ist dabei sehr unterschiedlich. In den USA sind beispielsweise noch massenhaft Karten und Systeme im Umlauf, die auf der sogenannten Magnetstreifen-Technologie basieren. Eine flächendeckende Anpassung auf das kontaktlose Bezahlen via EMV-Technologie wird in den USA ab Oktober dieses Jahres angestrebt.

Skepsis gegenüber elektronischen Bezahlens

Verbraucherschützer Klaus Müller sieht die bargeldlose Zukunft skeptisch. Er ist der Meinung, dass elektronische Bezahlungsmöglichkeiten unbedingt auf freiwilliger Basis geschehen müssen: „Wir dürfen hier die soziale Dimension nicht außer Acht lassen. Denken Sie etwa an Menschen, die kein Konto bei einer Bank bekommen. Das müsste dann dringend geändert werden. Aber es geht auch schlicht darum, dass ich selbst entscheiden will, wo ich meine Datenspuren hinterlasse. Es geht keinen was an, was ich wann, wo gekauft habe."

Ein Ausblick

Seit mehr als 2000 Jahren zahlen die Menschen mit Bargeld - die einen wollen die Münzen und Scheine unbedingt behalten, die anderen wollen sie so schnell wie möglich loswerden. Letztere Meinung vertritt auch Häuser. Er weiß, dass das Thema Sicherheit dabei stark in den Vordergrund rückt. „Globale Initiativen wie etwa die Secure Pay Direktive zeigen, dass die EU-Kommission grenzübergreifende Zahlungen schneller und sicherer machen möchte. Auch die EMV-Umstellung in den USA, Tokenization-Verfahren mit verschlüsselten Daten zur Absicherung von Kreditkarten-Zahlungen und digitale Zahlungsmittel wie Krypto-Währungen geben eine Vorahnung, in welcher Dimension das Thema Sicherheit für die Bezahlung über alle Kanäle hinweg immer wichtiger wird."

Interessant dabei ist: Die meisten Bezahlsysteme werden im Grunde dieselben bleiben. Für eine Bezahlung mit einem mobilen Wallet wird beispielsweise weiterhin eine digitale Kreditkarte oder ein Konto hinterlegt sein. Lediglich die Sichtbarkeit dieser Zahlmethoden rückt dabei in den Hintergrund und wird durch neue Formfaktoren wie Smartphones, Wearables oder gar biometrische Merkmale ersetzt, die mit der jeweiligen Bezahlmethode verknüpft sind.

Die bargeldlose Zukunft ist ein sehr wahrscheinliches Szenario. Allerdings kann es noch lange dauern, bis das Bargeld hierzulande vollständig verschwindet. Die Akzeptanz-Infrastruktur beim Händler muss entsprechend angepasst werden und ein hundertprozentiger Zugang zu Konten und Karten für die gesamte Bevölkerung muss garantiert sein.

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