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16/10/2014 05:15 CEST | Aktualisiert 16/12/2014 06:12 CET

Deep Technology - Die nächste große Innovation aus dem Silicon Valley

Während sich die gegenwärtige Generation von Startups im Silicon Valley noch mit den Schwerpunkt-Themen social, mobil und apps präsentiert, sind die Vordenker und Investoren im Silicon Valley schon einen Schritt weiter. Deep Technology ist eine neue Denkschule.

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Während sich die gegenwärtige Generation von Startups im Silicon Valley auf der diesjährigen TechCrunch Disrupt in San Francisco noch mit den Schwerpunkt-Themen social, mobil und apps präsentiert hat, sind die Vordenker und Investoren im Silicon Valley schon einen Schritt weiter.

Deep Technology ist der Sammelbegriff für eine neue Denkschule, die große Auswirkungen auf die Wettbewerbsfähigkeit von Unternehmen und Volkswirtschaften haben wird. Die gegenwärtige Generation von Startups feiert zwar große Erfolge, auch am Kapitalmarkt, der nächste große Wachstumsschub entsteht nicht (nur) durch Software, Internet und Smartphones.

Der zukünftige Fokus der innovationsgetriebenen Investoren liegt auf Technologie-Themen, die bisher nur großen Konzernen vorbehalten waren („Industrie 4.0"). Mit Deep Technology ist gemeint, das Internet zu nutzen, um heute noch unvernetzte Technologieprodukte zu ersetzen durch web-basierte Geräte („machine to machine"), die durch fortwährende, Algorithmen getriebene Datenerhebung und -analyse zu immer besseren Ergebnissen gelangen.

Es bedeutet die Verschmelzung von Hardware und Software zu einem vernetzen Produkt („software infused machines").

Eine neue Denkschule

An vorderster Front stehende Investoren wie Y-Combinator haben verinnerlicht, dass die menschliche Vorstellungskraft nur ein lineares Wachstum von neuen Technologien erwartet. Tatsächlich entwickeln aber bestimmte erfolgreiche Technologien ein exponentielles Wachstum.

Solche Technologien zu identifizieren und das Delta zwischen allgemeiner Erwartung und tatsächlicher Entwicklung zu nutzen, indem man vor Beginn des exponentiellen Wachstums investiert, ist die große Kunst erfolgreicher Investoren.

Steve Jobs hat zum Beispiel das hyperexponentielle Wachstum von Smartphones vor allen anderen erkannt. Im Bereich der Deep Technology scheint nun das nächste große Wachstumsfeld identifiziert worden zu sein.

Leicht nachvollziehbare Beispiele gibt es mannigfaltig im Bereich der Medizintechnik oder des Autobaus. An der auf dem NASA-Gelände beheimateten Singularity University arbeitet beispielsweise ein Startup namens mirOculus an einer med tech app, die das Smartphone dazu nutzt, eine präparierte Blutprobe zu fotografieren und anschließend in der Cloud per Algorithmus mit einer hohen Zahl anderer Blutproben abzugleichen mit dem Ziel, Krebsdiagnosen schnell und kostengünstig zu erstellen.

Teure Hardware in Form von Labortechnik, die von heutigen Herstellern mit hohen Margen vertrieben wird, verliert damit sehr schnell an Bedeutung. Schon am Markt ist eine app für das iPhone von der Firma AliveCor, die Herzpatienten ermöglicht, EKGs selbsttätig ohne Aufwand und kontinuierlich durchzuführen.

Die app ist von der FDA zur Behandlung von Vorhofflimmern zugelassen und ermöglicht Kardiologen eine sehr effiziente, da automatisierte Ferndiagnose. Die Venture Capital Ikone Vinod Koshla nennt solche Anwendungen „bionic assistance" und hat sie als große Wachstumsfelder definiert.

Deep Technology wird das Gesundheitswesen neu erfinden. Mediziner werden in der Lage sein, Diagnosen wissenschaftlicher, ganzheitlicher und konsistenter zu stellen.

Neuerungen in der Medizin und im Autobau

Beispiel Automobilbau: Der Tesla kommt aus Kalifornien und nicht aus dem Automobilland Deutschland. Der Tesla ist ein auf der Straße rollender Computer. Er ist dauerhaft mit dem Internet verbunden, was seinen Fahrer beispielsweise Internet Radio hören lässt. Die Türen des Wagens öffnen sich per Smartphone. Bei technischen Problemen kann selbstverständlich eine Ferndiagnose per Internet erstellt werden.

Der nächste Schritt dieser Evolution ist das fahrerlose Auto. Auch hieran forschen die deutschen Automobilkonzerne, doch die Vorreiter sitzen im Silicon Valley. Die deutschen Unternehmen sind zu sehr damit beschäftigt, ihre gegenwärtigen Geschäftsmodelle abzusichern, als dass sie sich wirklich auf Innovationen fokussieren könnten.

Verständlicherweise wollen sie nicht ihr derzeitiges Geschäft zu Gunsten neuer Technologien riskieren. Anders das Unternehmen Tesla, welches erst 2003 gegründet wurde und mit Risikokapital von Investoren finanziert ist. Tesla kann sich vollständig auf das Thema e-mobility fokussieren.

Exponentielles Wachstum in unterschiedlichsten Bereichen

Andere Bereiche, in denen wir exponentielles Wachstum von Deep Technology sehen werden, sind der Energiesektor, Maschinenbau, Landwirtschaft und in all diesen Bereichen jede Form der Künstlichen Intelligenz. Solche Felder werden von den großen Unternehmen im Silicon Valley wie Google, Facebook und natürlich Apple, aber auch vielen Startups schon bearbeitet.

Der nächste Innovationsschub, wenn er denn nur im Silicon Valley stattfindet, kann dem Standort Deutschland weitaus mehr schaden als jede bisherige Software getriebene, aus dem Silicon Valley stammende Innovationswelle.

Denn die deutsche Industrie produziert im Wesentlichen Hardware und zeigt keine erkennbar ausreichende Innovationskraft in Sachen Software. Konzerne und Mittelständler werden sich neu aufstellen müssen und hohe Investitionen in die Entwicklung digitaler, vernetzter Produkte tätigen müssen, wenn sie auch morgen noch Weltmarktführer sein wollen.

Scheitert die Anpassung an den digitalen Strukturwandel, droht die Verdrängung aus dem Markt durch US-amerikanische Wettbewerber aus dem Silicon Valley. Somit ist der Überlebensweg der etablierten Industrie in Deutschland gepflastert mit schmerzhaften Reformen und teuren Investitionen, die aber wichtig sind, um künftig im neuen Wettbewerbsumfeld zu bestehen.