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31/07/2014 04:45 CEST | Aktualisiert 30/09/2014 07:12 CEST

Warum wir eine neue deutsche Hochtechnologiebörse brauchen, damit wir nicht nur im Fußball ganz vorne mitspielen

Wir brauchen in Deutschland mehr Risikofreude und ein Hochtechnologie-Segment an der Börse: um Börsengänge attraktiver zu machen und Innovationskraft sowie Arbeitsmarkt- und Wirtschaftswachstum und letztlich Wohlstand in den kommenden Jahren zu sichern.

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Nokia und Kodak sind nur zwei junge Beispiele von Unternehmen, die unter Beweis gestellt haben, dass eine Strategie, die nur auf das Fortführen früherer Erfolge und Ideen basiert, aufgrund fehlender Innovationskraft oft zum Scheitern verurteilt ist.

Innovationen entstehen nicht in alteingesessenen Konzernen, sondern in jungen Unternehmen. Und diese brauchen zur Umsetzung ihrer Ideen Eigenkapital, für das sie Unternehmensanteile ausgeben. Dieses Eigenkapital stellen die Venture Capitalists nur bereit, wenn eine Aussicht besteht, die erworbenen Anteile ein paar Jahre später gewinnbringend zu veräußern, also Exit-Perspektiven bestehen. Zu diesen Perspektiven zählen insbesondere der Verkauf an strategische Finanzinvestoren oder aber der Börsengang.

Internetunternehmen von heute sind die etablierten Konzerne von morgen

Aus diesem Grund kann sich das Fehlen eines Hochtechnologie-Segments an der deutschen Börse - und die damit verbundene nicht vorhandene Attraktivität von Börsengängen - als entscheidende Bremse von Innovationskraft sowie Arbeitsmarkt- und Wirtschaftswachstum und letztlich Wohlstand in den kommenden Jahren herausstellen.

Die jungen Internetunternehmen von heute werden aller Voraussicht nach die etablierten Konzerne von morgen sein. Mit Nachteilen beim Zugang zu Eigenkapital aufgrund schlechterer Exit-Opportunitäten werden die Unternehmensgrößen, -bewertungen und Wettbewerbspositionen von Unternehmen wie Apple, Google oder Amazon jedoch stets unerreichbar bleiben.

Dabei ist die deutsche Ausbildung, Kreativität und Innovationskraft prädestiniert für das Hervorbringen von Big Playern in der Internet- und Technologiebranche. Zum einen schlummert in der Seele ein auf Nachhaltigkeit zielender Unternehmergeist, der nicht zuletzt durch die weltweite Bekanntheit des „German Mittelstands" belegt wird. Zum anderen ist der Begriff „German Engineering" ein Prädikat, das seit mehr als einhundert Jahren für technische Expertise und Fortschritt steht.

Prädikat "German Engeneering" in Gefahr

Kein Wunder also, dass das erste deutsche Unterfangen zur Schaffung eines Börsensegments für schnell wachsende Internetunternehmen, der Neue Markt, anfangs euphorisch von Emittenten, Anlegern und Presse angenommen wurde. In den Jahren 2001 bis 2003 wurden jedoch viele vorher dort erzielte Gewinne und sogar private Ersparnisse durch das Platzen der New Economy Blase verzockt - zu einer Zeit, in der die meisten Bürger nicht einmal einen Internetzugang besaßen, und falls doch, sich mit einem Modem zum Minutenpreis einwählen mussten.

Sicher war das Börsensegment Neuer Markt als solches nicht schuld an den aufgetretenen Überbewertungen und anschließenden Kurseinbrüchen. Dieses Phänomen ließ sich auch außerhalb Deutschlands überall beobachten. Die größte einzelne Aktionärsvermögensvernichtung fand sogar im Prime Standard und im Dax-Index statt - nämlich bei der Aktie der Deutschen Telekom.

Doch das Platzen der Dotcom-Blase förderte auch eine negative deutsche Eigenschaft zutage, die dem Unternehmergeist und dem Fortschrittsdenken konträr entgegensteht: Eine ausgeprägte Risikoaversion. Wie ein gebranntes Kind meidet seit jeher die breite Masse Aktien aus Furcht vor erneuten Kurseinbrüchen. Diese Angst wirkt sich lähmend auf Deutschlands Innovationsfähigkeit und Wohlstand aus.

Deutschland als Venture Capital-Entwicklungsland

Dass Deutschland mit einem fast 60-fach geringeren jährlichen Venture Capital-Volumen als die USA und gemessen am Bruttosozialprodukt mit nur der Hälfte des Nachbarlands Frankreich fast schon als ein Venture Capital-Entwicklungsland angesehen werden muss, liegt also auch an einem fehlenden Hochtechnologie-Börsensegment.

Der „Markt 2.0", wie er von Finanzminister Wolfgang Schäuble getauft wurde, hätte auf Seite der kapitalsuchenden Unternehmen eine Hebelwirkung, weil Startups aufgrund der bloßen Möglichkeit, später einen Börsengang durchführen und eine attraktive Bewertung erzielen zu können, schon lange vor einem etwaigen Börsengang bessere Möglichkeiten vorfinden würden, Venture Capital einzuwerben. Mal ganz davon abgesehen, dass die von Nullzinsen geplagten Anleger um eine attraktive Anlagemöglichkeit bereichert würden.

Zur Hochphase im Jahr 2000 waren ca. 300 Unternehmen zu oft unverhältnismäßig hohen Bewertungen am Neuen Markt gelistet. Heute scheinen ähnliche naive Fehlbewertungen, bei denen Wachstumsunternehmen ohne nennenswerte Umsätze und ohne ein tragfähiges Geschäftsmodell einen Börsengang durchführen, sehr unwahrscheinlich. Außerdem ist die für den Wert von Technologieunternehmen maßgebliche Zahl der Internet-, Smartphone- und Tablet-Nutzer, also der potenziellen Kunden und die Leistungsfähigkeit der Verbindungen und Geräte, insgesamt also der Kundennutzen, seit dem Jahr 2000 um ein Vielfaches gestiegen.

Risikoaversion bei den Deutschen

Ohne Frage besteht ein hohes Risiko bei Aktien, die rasantes Wachstum versprechen, aber sehr hohe Chancen können diese durchaus rechtfertigen. Es besteht zwar die Möglichkeit, bis zu 100 Prozent des Einsatzes zu verlieren, aber dafür auch die Chance, viele hunderte oder gar 1.000 Prozent zu gewinnen. Mit einer Anlage von 10 Tausend USD in Aktien von Amazon zum Zeitpunkt des Börsengangs hätte ein mutiger Anleger tatsächlich 2,38 Mio. USD gewonnen.

Um solche Wachstumsaktien von anderen Werten mit ganz anderem Chance-Risiko-Profil wie z.B. Blue Chips der Old Economy zu separieren, ist ein eigenes Hochtechnologie-Börsensegment unerlässlich. Der wenig regulierte Entry Standard der deutschen Börse, auch als eine Art Nachfolger des Neuen Markts gedacht, in dem Startups theoretisch eine Neuemission wagen könnten, ist hingegen ein „Gemischtwarenladen", in dem neben Old Econonmy auch Rohstofftitel, Auslandswerte sowie Anleihen gehandelt werden, und somit völlig unattraktiv für Emittenten, weil sie dort keine gebührende Aufmerksamkeit oder gar Würdigung erfahren.

Dem geringen Anlegerinteresse entsprechend fällt auch die Anzahl der Neuemissionen aus: Ein einziges sogenanntes Initial Public Offering (IPO) gab es 2013 im Entry Standard der deutschen Börse. Daneben vermitteln 125 Börsengänge in den USA an der dortigen Technologiebörse, der Nasdaq, eine viel blühendere Kapitalmarktlandschaft und bieten privaten Anlegern ein wesentlich facettenreicheres Angebot an Anlagemöglichkeiten.

Politiker für Hochtechnologiebörse

Jüngst sprach sich auch Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel für eine Börse aus, „die Wachstumsunternehmen für IPOs gewinnen kann" - ein Wunsch, den bereits sein Vorgänger Philipp Rösler propagiert hat. Entscheidend wird die Frage sein, wie Anleger und Investoren für eine solche neue deutsche Technologiebörse begeistert werden können und diese ähnlich der Nasdaq nachhaltig in der Börsenlandschaft verankert werden kann. Dies kann nur gelingen durch hohe Qualitätsstandards, Renditechancen, Handelsliquidität, Transparenz und somit der Schaffung der Möglichkeit für Anleger, durch eingehende Beschäftigung mit den notierten Unternehmen große Wachstumspotentiale zu erkennen und eine hohe Rendite zu erzielen.

Natürlich sollte man bei der Konzeption eines neuen deutschen Technologiesegments alle Erkenntnisse aus den Fehlschlägen des Neuen Marktes beachten, insbesondere eine Sanktionierung von Insider Trading und Lock-up-Verletzungen vornehmen, gründliche Beobachtung durch sog. Analysten zur Bedingung machen und auf eine ausgewogene Mischung der Reifegrade der Startups achten, da bei Vorliegen aussagekräftiger Finanzkennzahlen anerkannte Bewertungsmethoden angewendet werden können, die starke Übertreibungen ausschließen dürften.

Lethargie kann sich Deutschland nicht leisten

Würde das in die Tat umgesetzt werden, stünden spannende Börsenkandidaten wohl schnell Schlange, da es der deutschen Startup-Szene vorrangig an Kapital zur Finanzierung späterer Wachstumsphasen fehlt. Die Angst vorm Scheitern lähmt jedoch an allen Ecken und Enden den Prozess zur Schaffung des Segments. Das Wirtschaftsministerium wartet auf die Börse, die Börse auf interessierte Startups sowie passende Anleger und Investoren, die Startups auf die Börse und finanzkräftige Anleger und die Investoren wiederum auf attraktive Startups. In dieser Pattsituation können wohl nur Mutige mit erfolgreichen Eisbrecher-IPOs den gordischen Knoten zerschlagen.

Der Wirtschaftsstandort Deutschland kann sich weitere Lethargie nicht leisten, will er mit der Geschwindigkeit der wirtschaftlichen Entwicklung im Internetsektor Schritt halten. Eine blühende Startup-Szene ist für die Innovationsfähigkeit, die Schaffung qualifizierter Arbeitsplätze, die Generierung von Steuereinnahmen, die Bildung unternehmerischer Vermögen und somit für den langfristigen Wohlstand maßgeblich. Ein als Finanzierungsinstrument leistungsfähiges Hochtechnologie-Börsensegment schafft fruchtbare Rahmenbedingungen.

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Christoph Gerlinger ist Gründer und CEO der German Startups Group Berlin AG, einem jungen Berliner Venture Capital-Anbieter. Zuvor hat er selbst zwei Startups gegründet, bis zur Größe von rund 200 Mitarbeitern aufgebaut und an die Börse geführt.

Dr. Martin Pätzold, Mitglied des Bundestages, ist Berichterstatter der CDU/CSU Bundestagsfraktion für die europäische Arbeitsmarkt- und Beschäftigungspolitik im Ausschuss für Arbeit und Soziales. Als Berliner Bundestagsabgeordneter liegt ihm die Entwicklung der Startup Szene in der deutschen Hauptstadt besonders am Herzen.