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28/02/2014 05:31 CET | Aktualisiert 30/04/2014 07:12 CEST

Fachkräftemangel? Auch nur so ein Mythos

Vorgebetet wird er uns, der Fachkräftemangel. Gebetsmühlenartige Wiederholung. So lange, bis er uns in Fleisch und Blut übergegangen ist, der Fachkräftemangel. Angst wird geschürt, Kampagnen werden gestartet.. aber: Ich kann es nicht mehr hören. Ich kann es nicht mehr lesen! Genug.

Vorgebetet wird er uns, der Fachkräftemangel. Gebetsmühlenartige Wiederholung. So lange, bis er uns in Fleisch und Blut übergegangen ist, der Fachkräftemangel. Angst wird geschürt, Kampagnen werden gestartet und keine Mühen gescheut, das Drama zu präsentieren.

Vorhang auf, denn da ist er, der Star des deutschen Arbeitsmarktes. Medial gut genährt steht er nahe an unserer Seite, der Fachkräftemangel. Bedrohlich nah.

Ich kann es nicht mehr hören. Ich kann es nicht mehr lesen! Genug.

Denn ganz ehrlich: Es gibt ihn nicht. Natürlich klagen verschiedene Unternehmen und Branchen über Personalnotstand und wir alle kennen den Begriff „Engpassberufe". Das heißt aber nicht, dass es tatsächlich zu wenige Fachkräfte gibt. Ich gehe noch weiter und betone: Einen Mangel an Fachkräften verspüren nur die, die alles so machen wie bisher:

- Personaler, die mit arroganter Gutsherrenart darauf warten, dass Bewerber in gebückter Haltung an die Pforte klopfen.

- Unternehmen, die sich hinter Mauern verstecken und meinen, sie würden schon gefunden werden.

- Unternehmenskulturen, die klar machen, wer gefälligst dankbar zu sein hat.

- Ein Umgang mit Bewerbern, der zwischen Respektlosigkeit, Missachtung und Verständnislosigkeit für die junge Generation schwankt.

In Deutschland sehe ich vor allem eines: eine Menge Vorurteile und Schieflagen auf dem Arbeitsmarkt!

fuck fachkräftemangel

Postkarte des Verlags

Hau bloß ab! Wir brauchen dich hier nicht.

Dass es aufgrund des demografischen Wandels weniger Fachkräfte als noch vor zwanzig Jahren gibt, ist nicht von der Hand zu weisen. Aber genug motivierte Talente sind noch immer da!

Nur leider werden diese verprellt. Die Auswanderung qualifizierter Arbeitskräfte aus Deutschland ist erschreckend hoch. 2012 sind 712.000 Menschen aus Deutschland ausgewandert, 5 Prozent mehr als 2011. Davon war ein Großteil Fach- und Führungskräfte, das Bundesministerium sagte sogar, es würde die Crème de la Crème auswandern. Und warum? Unter anderem, weil sich diese „Elite" in Deutschland nicht wohl fühlt: Die Arbeitsbedingungen sind oft genug erdrückend. Eine aktuelle Studie zeigt auf, dass Konkurrenzdruck und berufliche Unsicherheit bei geringen Gehältern und Zeitverträgen die Arbeitssituation für Wissenschaftler geradezu unerträglich machen. Ich als Jungwissenschaftler mit Existenzängsten würde auch lieber das Weite suchen.

Hinzu kommt der mangelnde Respekt im Umgang mit Bewerbern: Da bewirbt sich eine hoch qualifizierte Kraft um eine Stelle, und wird mit einer unpersönlichen, global formulierten E-Mail abgefertigt: „Sehr geehrte Bewerberin/sehr geehrter Bewerber, danke für Ihre Bewerbung, wir melden uns in den nächsten Wochen bei Ihnen." Es dürfte klar sein, dass ein High Potential besseres zu tun hat, als die nächsten Wochen abzuwarten - zum Beispiel nach Kanada auszuwandern. Beinahe 50% der dort lebenden hoch qualifizierten Fachkräfte sind zugezogen, denn scheinbar wird dort die Willkommenskultur tatsächlich gelebt, statt nur vorgetäuscht.

Werd doch Gärtner!

Beinahe 80% der deutschen Fachkräfte mit Berufsabschluss haben eine duale Ausbildung abgeschlossen, nur 20% von ihnen haben dagegen einen Hochschulabschluss. Noch einmal zum sicheren Verständnis: Von zehn Fachkräften haben acht eine Ausbildung und zwei ein Studium.

Wenn vom Mangel die Rede ist, dann fehlen die Nicht-Ärzte, die Nicht-Akademiker. Dual ausgebildete Fachkräfte bilden das Rückgrat unserer Wirtschaft. Wie kommt es dann, dass der Eindruck entsteht, nur Studierte seien etwas wert? Und nicht minder schlimm: Warum hapert es so sehr an der beruflichen Beratung? 345 Ausbildungsberufe gibt es. Wie viele davon sind den jungen und meist noch orientierungslosen Menschen bekannt? Oft nur zwei Hände voll. Was folgt sind Ausbildungsabbrüche und Demotivation. Es liegt doch auf der Hand, dass es unbekannten Berufen an Nachwuchs fehlen muss. Doch solange auf den Wunsch „im Freien zu arbeiten" algorithmisch „Gärtner" vorgeschlagen wird, wird sich daran nicht viel ändern.

Wer will schon nach Berlin?!

Alle, wie es scheint. Und nach Köln und nach Hamburg und nach München wollen dann noch die Hauptstadtskeptiker. Die bekanntesten deutschen Unternehmen haben ihren Sitz in den Großstädten und diese besitzen Strahlkraft bis hin zum letzten kleinsten Dorf. Auf dem Lande gibt es ja nicht so viel, da bleibt den Nachwuchskräften keine Alternative, als den Heimatort zu verlassen und, wie all die anderen auch, ihr Glück in der Metropole zu versuchen. Dabei würden 40 Prozent bleiben, wenn es doch nur Perspektiven gäbe. Gibt es denn wirklich keine?

Zwar sitzen die bekanntesten Unternehmen in den Großstädten, aber nur 10 Prozent aller Deutschen leben dort. Wenn 90% der Deutschen also nicht bei den bekanntesten deutschen Unternehmen arbeiten, was tun sie dann? Sie arbeiten bei den anderen über dreieinhalb Millionen Unternehmen! Denn diese gibt es. Es kennt sie nur keiner. Sie sind versteckt und nicht laut genug. Solange die Mehrheit der Unternehmen unsichtbar bleibt, wenn sich Weltmarktführer hinter Mauern verstecken, solange wird es auch einen gefühlten Fachkräftemangel geben.

1984 tauchte das Wort Fachkräftemangel das erste Mal in einer deutschen Medien-Headline auf. Die Bedrohung ist also alles andere als neu. Und? Liegen wir zerstört und handlungsunfähig am Boden?

Gute Bewerber waren schon immer rar, daran hat sich nichts geändert. Unternehmen und Politik müssen nur anders agieren, um sie zu erreichen. Und das scheint den meisten sehr schwer zu fallen.

Martin Gaedt ist Autor des Sachbuchs „Mythos Fachkräftemangel. Was auf Deutschlands Arbeitsmarkt gewaltig schiefläuft" und Gründer und Geschäftsführer der Younect GmbH, die webbasierte Recruiting-Lösungen entwickelt.

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