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09/09/2017 07:27 CEST | Aktualisiert 09/09/2017 07:27 CEST

Die Grossen Gewächse des VDP - Tag 2: Endlich! Riesling!

2017-09-08-1504883013-5277383-herreng.jpg Das VDP-Herrengedeck

Insgesamt standen in Wiesbaden 247 verschiedene Grosse Gewächse vom Riesling aus dem Jahr 2016 an. Das ist eine etwas geringere Anzahl als letztes Jahr mit dem Jahrgang 2015, als 260 Rieslinge zur Verkostung bereitstanden. Gehört quantitatives Abspecken also doch zur Staatsräson des VDP? Oder lässt es darauf schließen, dass 2016 ein nicht ganz so starkes Jahr war wie 2015?

Die Frage nach der Güte des Jahrgangs ist immer wieder so berechtigt wie unbeantwortbar. Machen wir es kurz und schmerzlos: mit dem Jahrgang 2016 präsentierte der VDP nicht nur weniger Grosse Gewächse, auch die Qualität der Weine war nicht ganz so hoch wie mit 2015. Die reife Frische des Jahrgangs 2015 wurde erheblich seltener erreicht. Wer in 2016 sein Traubenmaterial durchreifen ließ, hatte oft mit einer etwas matten Säure zu kämpfen, und wer zu früh gelesen hatte, bekam die Strahlkraft des Rieslings nicht auf die Flasche und musste zum Taschenspielertrick der Restsüße greifen.

War 2015 das Anbaugebiet Mosel der Überraschungssieger, so trifft das für 2016 leider nicht zu. Weder als Sieger, noch als Überraschung. Die alte Schwäche der Mosel, als klimatische Region nicht passgenau im Trocken-Konzept der Grossen Gewächse aufzugehen, macht sich mit dem Jahrgang 2016 wieder bemerkbar. Da wurde der ein oder andere Kellerkniff angewandt, um die Weine trotz Trocken-Status noch harmonisch hinzubekommen. Das mag dann den Statuten nach ein Grosses Gewächs sein, aber die Seele des Weins ist irgendwo verloren gegangen.

Dabei waren Weine mit Seele und Ausdruck an der Mosel auch mit 2016 möglich. Die Kollektion von Reinhard Löwenstein von der Untermosel ist ein gutes Beispiel dafür. Der Heymann-Löwenstein Grosses Gewächs 2016 Uhlen „Laubach" überzeugt mit einer tiefen Kräuterwürze, die dennoch von feinen weißen Pfirsicharomen flankiert wird. Auch Schloss Lieser liefert, wie schon mit 2015, eine mehr als überzeugende Kollektion ab, steht aber an der Mittelmosel ziemlich allein da. Der Schloss Lieser Grosses Gewächs 2016 Niederberg Helden ist sicher der stärkste und ausdrucksreichste Wein der Kollektion, wobei das Goldtröpfchen mit nur sehr wenig nachsteht.

Richtig spannend wird es dann an der Saar, und es kommt zu einer Art Duell zwischen Van Volxem und von Othegraven. Der von Othegraven Grosses Gewächs 2016 aus dem Altenberg ist fast, als würde man Schiefer trinken können. Überhaupt hat von Othegraven mit dem Jahrgang 2016 nochmals zugelegt. Bereits die Kabinette, die auf der Mainzer Weinbörse gezeigt wurden, waren einer nach dem anderen spannungsgeladen und voller Lebendigkeit. Chapeau!

Der Siegerwein an der Saar ist für mich der Van Volxem Grosses Gewächs 2016 Gottesfuss. Noch ist die Nase von leicht reduktiven Schiefer-Schwefel-Aromen überlagert, aber eine glockenklare frische Frucht lauert hinter der Jugendlichkeit. Das ist großes Saar-Wein-Kino und endlich ist Van Volxem mit den Grossen Gewächsen vollständig angekommen.

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Ich kann mich gar nicht mehr an einen Jahrgang erinnern, bei dem nicht das kleine Anbaugebiet an der Nahe die homogenste Leistung aller deutschen Anbaugebiete ablieferte. Aber - oh Wunder - mit dem Jahrgang 2016 sind die Nahe-Winzer nicht ganz so gut zu Rande gekommen wie mit anderen schwierigen Jahrgängen. Viele Weine kämpfen mit einer gewissen Härte, die die Klarheit und Finesse des Rieslings beeinträchtigt. Viele Weine? Gerechterweise sind es viele Weine, aber vor allem ein Weingut, das den Schnitt erheblich runterzieht. Gut Hermannsberg aus Niederhausen stellt mit sechs Weinen genau ein Viertel der Nahe-Weine und enttäuscht leider auf ganzer Linie. Da sollte der VDP-Nahe nachjustieren.

Die Kollektion von Crusius ist im Aufwind, das Schlossgut Diel zeigt zwei starke Weine, von denen das Goldloch mich noch mehr überzeugte, Dönnhoff schwankt etwas (stürzt aber nicht), und dann sind da die beiden Duellanten Emrich-Schönleber und Schäfer-Fröhlich, die sich in der letzten Weingruppe (Flight) der Nahe mit dem Halenberg und dem Frühlingsplätzchen (jeweils von den beiden Genannten) ein starkes Rennen liefern.

Mit den Weinen von Schäfer-Fröhlich fremdel ich immer ein wenig. Sie kommen so brachial und überwältigend in der Nase, dass die etwas leiseren Weine von Emrich-Schönleber fast in den Hintergrund gedrückt werden. Brachial und überwältigend ist eben nicht gleichzusetzen mit Eleganz und Finesse, und ist auch nicht zwangsläufig ein Qualitätsausweis. Und dennoch: selbst wer - wie ich - bei dieser eigentümlichen Mischung aus Schiefer, Würze und Käse in der Nase nicht in Freudentaumel gerät, der muss doch konstatieren, dass die Grossen Gewächse von Schäfer-Fröhlich, deren durchziehender Faden mal mehr oder weniger eben diese Nase ist, im Mund zu einem einzigartigen Erlebnis mutieren: die Säure ist reif, der Körper voll Spannung, die Weine leben und beben, und dennoch sorgt der Riesling mit seiner Verspieltheit und seinem Tanz für genau jene Frische und Durchsichtigkeit, die auf dem Weg von der Mosel an den Rheingau eben nur an der Nahe möglich sind. Bei dieser Momentaufnahme im Spätsommer 2017 hat der Schäfer-Fröhlich Grosses Gewächs 2016 Frühlingsplätzchen die Nase vorn.

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Der Rheingau gibt sich mit fast 60 Grossen Gewächsen vom Riesling die Ehre, was ungefähr der Menge an Grossen Gewächsen aus der Pfalz entspricht. Dass das Weinanbaugebiet Pfalz mehr als 30mal so groß ist wie der Rheingau, dennoch die gleiche Zahl an Weinen anstellt, ist wohl entweder der vornehmen Zurückhaltung der Pfälzer geschuldet oder der - wie kann man es jetzt höflich formulieren? - Lust an der Zurschaustellung der Rheingauer. Dass dann nicht alles Gold ist, was glänzt, versteht sich von selbst. Hier von der ein oder anderen Abstufung vom Grossen zum Ersten Gewächs nachzudenken, dürfte der Weinqualität sicher nicht schaden.

Dabei fängt der Rheingau im Osten mit dem Weingut Joachim Flick sehr stark an, dessen Grosses Gewächs aus dem Königin Victoriaberg ein ganz klassischer Old-School-Riesling ist, der es aber schafft, nicht in Schönheit zu sterben, sondern spannende und überraschende Aromen ins Glas zu zaubern. Über von Oetinger hätte ich gerne mehr geschrieben, waren doch die letzten beiden Jahre dessen Weine steil am Aufsteigen, leider zeigten sich die drei Grossen Gewächse aus dem Hohenrain, Marcobrunn und Siegelsberg heuer nicht von der stärksten Seite. Zumindest nicht im Moment. Und auch mit dem Weingut Peter Jakob Kühn, der die Grossen Gewächse Doosberg, Nikolaus und Jungfer aus 2015 im Programm hatte, wäre ich gerne wieder in die Bütt gestiegen, leider zeigten die drei Weine flüchtige Noten, die mich etwas ratlos zurückließen.

Die spannendste Weingruppe kam mit dem Jahrgang 2016 aus dem Zentralteil des Rheingaus, namentlich mit den Weinen aus dem Wisselbrunnen. Sowohl das neu aufgestellte Weingut Kaufmann (ehemals Hans Lang), wie auch das Weingut Georg-Müller-Stiftung zeigten Weine aus dem Wisselbrunnen, die es weiter zu beobachten gilt. Was vor allem überraschte: der Wisselbrunnen scheint eine Lage zu sein, die den Weinen zumindest mit dem Jahrgang 2016 eine expressiv ätherische Note einhauchte, die, wenn sie ohne flüchtige Aromen kommt, sehr frisch, klar und hell wirkt.

Und dann stand mit den Weinen vom Weingut Barth und Weingut Balthasar Ress eine „Battle" an, die sich gewaschen hatte. Das Weingut Barth war mir schon öfter aufgefallen, verfolgt es doch seit zwei Jahren einen neuen Stil, der mutiger, eigenständiger, aber natürlich auch durchwachsener wirkt. Ich meine vor allem den Einfluss von ungetoastetem Holz in der Nase auszumachen, der eher von großen, noch nicht ganz weingrünen Stückfässern, als von kleinen Barriques kommen dürfte. Dieser Holzeinfluss belebt die Weine ungemein, nimmt etwas die gelben Fruchtnoten zurück, lässt aber trotzdem den hellen und klaren Aromen des Rieslings genug Raum.

Der Weingut Barth Grosses Gewächs 2016 Wisselbrunnen sprüht förmlich vor Frische, der Körper schwingt, da ist keinerlei Schwere im Mund, sondern ein Veratmen und Verhauchen, das den Wein überraschend, eigenständig und sehr einzigartig wirken lässt. Hier hat sich jemand getraut, die ausgezeichneten Anlagen des Weins ohne Vorbild oder Nachahmung in Szene zu setzen und herausgekommen ist sehnig-kühles, druckvolles Frischekonzentrat. Und es gefällt.

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Völlig anders, nicht minder spannend, aber aromatisch am entgegengesetzten Ende der Skala angesiedelt, ist dann der Weingut Balthasar Ress Grosses Gewächs 2016 Wisselbrunnen. Wirkte der Barthsche Wisselbrunnen kühl und fast etwas minzig, so vereinen sich beim Wisselbrunnen von Ress die warmen Noten zu einem Kräuter-Vanille-Kaffee-Potpourri, das gänzlich ohne Fruchtnoten auszukommen scheint. Die Säure des Weins ist reif und schwebend, und der Körper wird mehr von Tanninreminiszenzen, als von Säure zusammengehalten. Das ist kein sehniger Muskel, der pocht, sondern ein warm-aromatisches Bad, in das Hineinzugleiten und Eins zu werden, sinnliche Entspannung auslöst. Der Wein hat Tiefe und Schönheit und einen würzigen Sog, der ihn, so würde ich behaupten, zu einem faszinierenden Essensbegleiter machen dürfte. Der Wunsch nach Trüffeln blitzt im Hirn auf.

Was verbindet die beiden Weine außer die Lage? Außer die Lage? Zwei Große Weine aus der gleichen Lage, die unterschiedlicher nicht sein könnten - das muss das Konzept des Grossen Gewächses erstmal verkraften. Oder um mit Theodor Fontane zu verbleiben: „... das ist ein zu weites Feld."

In Kürze: Tag drei: Rheinhessen, Pfalz und Württemberg.

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