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27/04/2014 06:06 CEST | Aktualisiert 10/07/2014 07:12 CEST

Warum die digitale Demenz ein Märchen ist

Thinkstock

Immer wieder liest und hört man in der Zeitung, im Fernsehen und auf Internetseiten von den Gefahren, die mit der Nutzung von digitalen Medien wie Computer und Internet verbunden sind - nach dem Motto digitale Medien machen „dick, dumm, aggressiv, einsam, krank und unglücklich" (Spitzer, 2012). Andere behaupten, diese alarmistischen Botschaften über die Folgen von Internetnutzung gäben den wissenschaftlichen Erkenntnisstand gezielt selektiv wieder und seien nur dazu da, selbst Klicks zu bekommen, die Einschaltquote zu erhöhen oder ein Buch zu verkaufen. Aber was sind denn nun die Ergebnisse der seriösen wissenschaftlichen Forschung zu dem Thema?

Um populäre Behauptungen zu den schädlichen Auswirkungen von Internet und Co. möglichst objektiv mit dem aktuellen wissenschaftlichen Forschungsstand abzugleichen haben meine Kollegin Constanze Schreiner und ich gezielt nach Meta-Analysen zum Thema digitale Medien gesucht. Meta-Analysen sind Studien, in denen die Ergebnisse aus vielen Studien gemeinsam betrachtet werden, mit dem Ziel einen durchschnittlichen Trend der wissenschaftlichen Ergebnisse zu ermitteln.

Vieles ist Spekulation

Das Ergebnis: Zu manchen Mythen über die Schädlichkeit von Internetnutzung finden sich überhaupt keine Ergebnisse, vieles ist Spekulation. Dies betrifft beispielsweise die Vermutung, dass das routinemäßige Verwenden von Navigationssystemen zu einer schlechteren räumlichen Orientierung führt. Auch haben wir keine Studien gefunden, in denen untersucht wurde, ob die Nutzung von Computer und Internet schädliche Veränderungen im Gehirn mit sich bringt.

Um Missverständnissen vorzubeugen:

Ganz zweifelsohne gibt es viele neurowissenschaftliche Studien, die nützliche Erkenntnisse geliefert haben und liefern, etwa zu Lernen und Gedächtnis allgemein - nur eben keine Studien, die neurophysiologische Veränderungen mit Internetnutzung, Facebook, etc. in Verbindung bringen konnten. Um sachkundige Aussagen zu treffen bleiben damit nur Studien, die eher psychologisch - nicht originär neurophysiologisch - orientiert sind. Und auf diesem Gebiet scheinen manche Autoren populärwissenschaftlicher Werke den Überblick verloren zu haben.

Betrachtet man die meta-analytischen Daten, so widersprechen die wissenschaftlichen Ergebnisse oft klar den Thesen zu den schädlichen Auswirkungen des Internets: Nach den vorliegenden meta-analytischen Ergebnissen führt vermehrte Internetnutzung im Mittel weder zu weniger sozialem Austausch, noch zu weniger gesellschaftlich-politischem Engagement, auch sind intensive Internetnutzer nicht einsamer als Wenignutzer. Lernen mit Computer und Internet, dazu zählt auch spielerisches Lernen am Computer kann - entgegen anders lautender Behauptungen - durchaus effektiv sein.

In anderen Bereichen gibt es sehr kleine Zusammenhänge, die den Mythen zumindest nicht widersprechen, die allerdings im Mittel so schwach sind, dass kein Anlass für eine spektakulär-alarmistische Haltung gegeben scheint. Der einzige Bereich in dem negative Auswirkungen hinreichend gesichert sind, das ist das Forschungsfeld rund um Gewalt in den Medien. Nach jetzigem Wissensstand kann ein kleiner Teil von aggressiven Gedanken, Gefühlen und Verhalten auf die Nutzung von gewalthaltigen digitalen Medien zurückgeführt werden.

Eltern und Lehrkräfte werden fehlgeleitet

In Summe haben die populärwissenschaftlichen Mythen über die schädlichen Auswirkungen des Internets wenig mit dem wissenschaftlichen Kenntnisstand zu tun. Nach meinem Dafürhalten verschleiern die oft unsachgemäßen Aussagen zu den Auswirkungen von Internetnutzung den Blick für die Herausforderungen, die mit einer Verbreitung von Computer und Internet im Alltag verbunden sind. Es steht zu befürchten, dass Eltern und Lehrkräfte durch manche populärwissenschaftliche Werke fehlinformiert und damit fehlgeleitet werden: Wer das Internet aufgrund von Fehlinformationen verteufelt, der wird es schwer haben, ein kompetenter Gesprächspartner in Sachen Internet zu sein.

Zum Weiterlesen:

Appel, M. & Schreiner, C. (2014). Digitale Demenz? Mythen und wissenschaftliche Befundlage zur Auswirkung von Internetnutzung. Psychologische Rundschau, 65, 1-10.

Spitzer, M. (2012). Digitale Demenz. Wie wir uns und unsere Kinder um den Verstand bringen. München: Droemer.


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