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04/07/2015 12:00 CEST | Aktualisiert 04/07/2016 07:12 CEST

Schadet Leistungssport der Gesundheit?

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Heute haben wir ein heikles Thema, über das immer wieder heftig gestritten wird. Lockerer Freizeitsport ist förderlich für deine Gesundheit und Lebenserwartung - soweit so gut. Das haben inzwischen unzählige Studien und Meta-Studien auf Basis von nahezu 800.000 Probanden nachgewiesen. [1] Inzwischen weiß das sogar der letzte Couch-Potato.

"Die aktuelle Datenlage lässt eindeutige Aussagen zu: Körperliche Aktivität mindert signifikant das Risiko der Gesamt- und kardiovaskulären Mortalität." [1]

Aber wie sieht es mit Leistungssport aus? Ist das auch gesund, oder schadet es dir? Und vor allem: Verträgt dein Herz auf Dauer die hohen Belastungen?

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Dosis-Wirkungs-Beziehung zwischen Trainingsumfang und Sterblichkeit. Quelle: [1], S. 5.

Zu dieser Frage möchte ich dir ein paar beeindruckende Studienergebnisse vorstellen. Schließlich bin ich auch selbst besorgt, ob der viele Sport wirklich gut ist oder ich eines Tages beim Laufen tot umfalle. Vor allem seit jeden Monat ein Marathon auf dem Plan steht, habe ich schon oft überlegt, ob das vielleicht etwas zuviel des Guten ist.

Fangen wir mit einem Spiegel-Artikel an, den mir mein Kumpel Christoph geschickt hat. Dort werden Studien zitiert, die belegen, dass eine höhere Intensität besser für die Gesundheit ist. Lange, moderate Belastungen wie zum Beispiel Marathon-Training seien dagegen nicht gut für dein Herz. [2]

Das entscheidende Zitat in diesem Artikel kam von Martin Halle, Leiter des Instituts für Prävention und Sportmedizin der TU München: "Gerade bei hochambitionierten Athleten fanden wir in Marathon-Studien deutliche Anzeichen von Schädigungen des Herzmuskels". [2] Begründet wurde diese Aussage mit Entzündungsparametern, die bis zu drei Tage nach einem Marathon erhöht waren. Ganz konkret geht es um Troponin T, das auf das Absterben von Herzmuskelzellen hinweist.

Das muss aber nicht per se heißen, dass Marathon dein Herz schädigt. Im Spiegel-Artikel wurde das zwar so interpretiert, aber das verwendete Zitat von Herrn Halle ließ diese Schlussfolgerung nicht zu: "Es bleibt ungeklärt, warum Herzmuskelwerte wie das Troponin T bei einem Marathon ansteigen - und ob das eine direkte Herzmuskelschädigung widerspiegelt."

Eine Erklärung ist, dass dies eine natürliche Anpassungsreaktion ist. Oder anders gesagt: Es ist ein starker Trainingsreiz, der dein Herz nicht schwächt, sondern es für die Zukunft stärker macht. Zu dieser Aussage kommt eine Studie mit dem prägnanten Titel "Schadet Marathonlaufen dem Herz?" [3]

Die kurze Antwort auf diese Frage ist: Nein, Marathon schadet dem Herz nicht. Die lange Antwort ist folgendes Zitat aus der Studie:

"Da die Erhöhungen der kardialen Marker Troponin und BNP bei einem Großteil herzgesunder und asymptomatischer Sportler nach Marathonläufen bzw. erschöpfenden Ausdauerbelastungen mit raschem Abfall nachgewiesen werden können, geht man mittlerweile eher von einer physiologischen Reaktion, denn von einer pathologischen Ursache aus." [3]

Im Klartext heißt das: Ein gesundes, durch Training angepasstes Herz wird durch einen Marathon nicht geschädigt.

"Aber warum sterben immer wieder Menschen bei einem Marathon?", könnte nun deine Frage sein. Hier kommt es vor allem auf die richtige Perspektive an. Todesfälle bei Marathons sind extrem selten. Eine Hochrechnung von US-Forschern ergab, dass von 11 Millionen Läufern insgesamt 59 während oder kurz nach dem Lauf einen Herzstillstand erlitten, 42 davon endeten tödlich. Die Todesfälle entsprechen einem Anteil von rund 0,0004%. Die Mehrzahl dieser Menschen hatte eine angeborene Herzerkrankung. [4] Die Teilnahme an einem Marathon kann aus dieser Sicht als sicher eingestuft werden.

Was aber nun, wenn es um richtigen Leistungssport geht? Antworten dazu liefert die Studie "Competitive Sports and the Heart: Benefit or Risk?" [5]

Das klare Fazit der Forscher: Wettkampfbelastungen führen bei gesundem Herzen nicht zu Schädigungen, sondern zu Anpassungen, die sich positiv auf die Lebenserwartung auswirken.

"Competitive exercise does not induce cardiac damage in individuals with healthy hearts, but does induce physiological functional and structural cardiac adaptations which have positive effects on life expectancy." [5]

Die Studie zitiert eine Untersuchung von 834 früheren Tour de France Fahrern der Jahre 1930 bis 1964. Die Hälfte war im Alter von 82 Jahren noch am Leben, während in der normalen Bevölkerung die Hälfte im Alter von 74 Jahren gestorben war.

Die Forscher weisen zudem darauf hin, dass das "Sportlerherz" nicht so verbreitet ist wie vermutet. Um ein Sportlerherz, also ein deutlich vergrößertes Herz, auszubilden, braucht es mindestens fünf Ausdauereinheiten in der Woche. Ein Sportlerherz tritt vor allem bei Langstreckenläufern, Triathleten und Rennradfahrern auf. [5]

Ebenfalls interessant: Reiner Kraftsport scheint sich nicht positiv auf die Lebenserwartung auszuwirken. [5]

"Strength-based sports, on the other hand, seem not to prolong life." [5]

Die Angst, dass du dein Leben mit Leistungssport verkürzt, ist also unbegründet. Ganz im Gegenteil. Es wirkt sich sogar positiv aus. Du hast also jetzt die Lizenz, dich beim Training zu quälen!

Abschließend noch 3 Tipps, die du immer beachten solltest:

● Trainiere nur, wenn du gesund bist. Sonst riskierst du eine Herzmuskelentzündung, die im schlimmsten Fall lebensgefährlich sein kann.

● Fang langsam mit dem Training an und steigere dich Schritt für Schritt, damit dein Körper Zeit hat, sich an die Belastung anzupassen.

● Gönne dir Erholungspausen, genug Schlaf und ernähre dich hochwertig, um deinem Körper die bestmögliche Leistungssteigerung zu ermöglichen.

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Quellen:

[1] Löllgen, H. / Löllgen, D. (2012), Risikoreduktion kardiovaskulärer Erkrankungen durch körperliche Aktivität, Internist, 53, S. 20-29, Springer-Verlag.

[2] Mertin, A., Gesundes Training: Hart aber kurz, Zugriff am 03.05.2015, http://www.spiegel.de/gesundheit/ernaehrung/lauftraining-lieber-kurz-und-hart-statt-lang-und-locker-a-1031117.html

[3] Scharhag, J. / Knebel, F. / Mayer, F. / Kindermann, W. (2011), Schadet Marathonlaufen dem Herz? Ein Update, Deutsche Zeitschrift für Sportmedizin, 62 (9), S. 293-298.

[4] Reed Exhibitions (2014), Herzschutz durch Sport - ein Muss auch für viele Herzkranke, Presse-Information zur FIBO 2014.

[5] Scharhag, J. / Löllgen, H. / Kindermann, W. (2013), Competitive Sports and the Heart: Benefit or Risk?, Deutsches Ärzteblatt International, 110 (1-2), S. 14-24.


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