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30/08/2015 07:33 CEST | Aktualisiert 30/08/2016 07:12 CEST

Echt fett: Loudness und der Betrug am Musikhörer

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Der letzte Blog drehte sich bereits um die Frage, wie kann der Musikhörer hinters Licht geführt werden. Die technischen Entwicklungen der letzten Jahrzehnte haben es möglich gemacht, dass im Studio sowie beim Live-Auftritt alles Mögliche und teilweise auch Unmögliche verändert und korrigiert wird.

Doch die Arten der Manipulation sind leider noch nicht zu Ende. Es wird dieses Mal etwas technisch, denn die Tricks der Musikindustrie sind perfide und fallen erst beim zweiten Blick auf.

Echt fett - Loudness

Der Begriff Loudness dürfte dem einen oder anderen Leser von der alten heimischen HiFi-Anlage bekannt vorkommen. Manche Anlagen, zum Teil auch kleinere Modelle, haben einen Taster, der mit "Loudness" oder auch "Bass-Boost" beschriftet ist. Beim Betätigen dieser Taste wird der Höhen- und Tiefenbereich künstlich angehoben, dadurch klingt die Musik scheinbar voller oder auch „fetter".

Doch dieser Eindruck täuscht, denn es werden Frequenzbereiche künstlich erhöht, die eigentlich nicht erhöht sein sollten. Dieser Effekt nervt auf Dauer, denn unser Ohr bemerkt den Trick.

Einheits-Chartbrei

Den Loudness-Effekt nutzt man auch bei der Produktion im Studio. Das ist bei vielen Massenproduktionen auch nötig, damit diese aus dem Einheits-Chartbrei hervorstechen.

Da die Produzenten den Trick beherrschen, dreht sich die Spirale weiter und die Chartproduktionen übertreffen sich mit dem Loudness-Einsatz. Achten Sie darauf, wenn Sie das nächste Mal einen dieser Radiosender hören, die stündlich die gleichen Songs spielen.

Im Studio werden nicht nur Höhen und Tiefen erhöht, sondern es wird auch mit Pegelanpassungen gearbeitet. Man verwendet dabei ein Gerät oder Software-Plug in, das auf den Namen Kompressor hört.

Der Begriff zeigt schon, was passiert: Die Audioinformation wird komprimiert. Gut, das ist auch bei der Digitalisierung der Fall, werden Sie jetzt sagen. Stimmt, hier geht es aber um den Pegel.Lautere Passagen werden etwas abgeflacht oder gar gekappt.

Damit können auch die leisen Passagen lauter gemacht werden ohne zu verzerren, somit wird der ganze Song scheinbar lauter. Der Nachteil ist, dass der Titel komplett an Dynamik verliert, was für die Musikalität sehr nachteilig ist. Kommen wir zurück zu den Chartproduktionen: Nach dem Loudness-Effekt wird noch der Kompressor drüber gejagt und dadurch der Song auf laut und penetrant gebürstet.

Und nun kommt es noch dicker - volle Kompression

Nicht nur bei der Produktion im Studio wird mit dem Kompressor-Effekt gespielt. Viele Radiosender, primär die Massensender, die fast nur Charts rauf und runter spielen, legen noch eine Portion nach. Am Sendeausgangsgestell befindet sich grundsätzlich immer ein Kompressor kombiniert mit einem Limiter, der dafür sorgt, dass keine übersteuerten Signale, die immer wieder vorkommen können, das Funkhaus verlassen. Würde dies passieren, könnte die Wiedergabeanlage des Hörers beschädigt werden. Grundsätzlich ist dieses Stück Technik somit sinnvoll und wichtig.

Hier kommt das berühmte „Aber" - man kann die Kompression unterschiedlich einstellen. Durch die weitere Kompression des ohnehin schon komprimierten Audiosignals können die Sender den Übertragungspegel noch weiter hoch fahren, um sich gegen andere Sender im Radioeinheitsbrei beim Zappen der Hörer durchzusetzen. Denn anscheinend bleiben die Hörer tendenziell bei den Sendern hängen, die ihnen am lautesten entgegen brüllen. Die Folge davon ist, dass Songs, die in Wirklichkeit eine große Dynamik haben, absolut flach und langweilig klingen. Jegliche Musikalität wird dabei völlig zerstört.

Mir ist das insbesondere beim Song „Stairway To Heaven" von Led Zeppelin aufgefallen. Dieser Rocksong fängt sehr leise an und steigert sich im Verlauf enorm und baut dabei einen riesigen Spannungsbogen auf. Durch die überzogene Kompression im Ausgangsgestell mancher Radiosender verliert dieser grandiose Titel einen Großteil seiner musikalischen Pracht.

Den beschriebenen Effekt wird man in den meisten Fällen bei Chartsendern finden und die spielen nur sehr selten echte Musik, daher ist dieses Phänomen vielleicht auch verkraftbar. Radiostationen mit einem großen Kulturinhalt oder Klassiksender fahren sehr viel moderatere Kompressionen.

Anregend - Aural Exciter

Doch es gibt noch weitere Möglichkeiten in der musikalischen Trickkiste. Der Name impliziert schon, was bei diesem Effekt passiert: Es wird etwas angeregt - und zwar die Höhenanteile eines Audiosignals. Diese Technik wurde von der amerikanischen Firma Aphex Systems schon Mitte der 1970er Jahre entwickelt und besteht im Kern aus einer seriellen Anordnung eines Hochpassfilters und eines Verzerrers. Der Einsatz führt zu einer scheinbaren Brillanz des Klangs.

In geringen Dosen angewendet, kann dieser Effekt durchaus sinnvoll sein, übertreibt man aber, ist es so, wie bei einer Drogenabhängigkeit: Das Ohr gewöhnt sich daran, adaptiert die Höhenanhebung weg und braucht immer mehr davon. Darüber hinaus führt der übermäßige Einsatz des Aural Exciters zu Verzerrungen, die an einem bestimmten Punkt, besonders bei großen Pegeln, auch schmerzhaft werden.

Schlager- und Volksmusikszene

Besonders in der Schlager- und Volksmusikszene wird dieser Effekt bei Gesangslinien sehr gerne in Kombination mit einer guten Portion Chorus und Reverb (Hall) eingesetzt, damit klingen die Stimmen scheinbar brillant und „engelsartig".

Doch letztlich handelt es sich um einen Betrug am Hörer. Der Einsatz der mittlerweile möglichen Technik führt auch unter den verschiedenen Musikproduzenten zu kontroversen Diskussionen. Und um diese unterschiedlichen Gesichtspunkte soll es im nächsten Blog gehen. Bis dahin freue ich mich auf Ihre Kommentare.


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