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24/07/2015 11:46 CEST | Aktualisiert 24/07/2016 07:12 CEST

Wie Startups Traditionen innovieren

Thinkstock

„It's the best of all times, it's the worst of all times." Für Peter Hinssen, Autor von „The New Normal" und Technologie-Vordenker, steht dieses Zitat von Charles Dickens sinnbildlich für die Ambivalenz der disruptiven Veränderungen unserer Gegenwart. Die digitale Transformation hat alle Branchen erfasst. Inmitten dieser Entwicklungen profitieren vor allem junge Unternehmen und Startups von dem digitalen Wirbelsturm, der über alle Wirtschaftszweige hinwegfegt.

In diesem Klima fühlen sich gerade Startups pudelwohl: Sie sind dynamisch, flexibel und radikal. Startups sind stark im Innovationsprozess, sorgen für frischen Wind und Impulse. Das ist ihre Bestimmung. Mit dieser Haltung krempeln sie traditionelle Geschäftsmodelle um. Die kreative Zerstörung steht im Vordergrund. Das alles macht sie zu Vorbildern - auch und gerade für deutsche Mittelständler und Familienunternehmen.

Aufstieg und Niedergang liegen dicht beieinander

Wenn eine Idee, eine neue Technologie die bisherigen Arbeitsweisen tiefgreifend infrage stellt, dann brauchen Unternehmen auch völlig neue Geschäftsmodelle. Dazu brauchen sie aber auch mehr Unternehmergeist, mehr Geschwindigkeit und mehr Mut zu Fehlern. An dieser Stelle können Mittelständler von den jungen Wilden lernen: Stolpern sie, stehen sie auf und machen es besser. Sie zaudern nicht, sie machen. Das ist mutig und das beste Rezept, um den digitalen Wandel im Unternehmen erfolgreich zu gestalten. Denn: Digitalisierung ist kein Punkt auf der Tagesordnung, den man schnell abhaken kann. Die digitale Transformation verlangt einen Mentalitätswandel.

Was macht die digitalen Trendsetter so erfolgreich?

Facebook hat nicht das Internet verändert, sondern setzt heute noch neue Standards in der Verwertung von Daten und in Sachen Online-Werbung. Uber definiert Mobilität neu und düpiert damit ganz nebenbei die Taxi-Branche, ohne ein einziges Auto zu besitzen. Der Internethändler Alibaba verdient mit seinen virtuellen Einkaufszentren Milliarden. Airbnb vermittelt weltweit Wohnraum, besitzt jedoch keine einzige Immobilie. Dabei ist das Startup so erfolgreich, dass demnächst der Börsengang anstehen soll.

Keine Angst vor Big Data

Was haben diese Unternehmen gemeinsam? Ihre Geschäftsmodelle waren seinerzeit keine inkrementellen Weiterentwicklungen von bereits Vorhandenem, sondern echte Innovationen. Facebook, Uber oder Airbnb eint vor allem eines: Sie verstehen es außerordentlich gut, Daten intelligent zu verwerten. Sie generieren aus auf dem ersten Blick wenig zusammenhängenden Daten wertvolle Informationen und kommerzialisieren diese. Sie setzen ihre ‚digital assets' erfolgreich ein - ihr Vermögen ist digital.

In keinem anderen Land gibt es so viele „Hidden Champions" wie in Deutschland: Rund 1.300 mittelständische Weltmarktführer haben mit ihren Produkten erfolgreich Nischen besetzt. Besonders stark in den Bereichen Maschinenbau, Elektroindustrie und Industrieprodukte. Damit diese Unternehmen auch morgen noch Klassenbeste sind, müssen sie umdenken, Kulturwandel zulassen und kreative Freiräume schaffen - bis in die innersten Organisationsstrukturen hinein. Denn sie sind in der Pflicht, ihre Traditionen nicht nur zu pflegen, sondern auch zu innovieren.

Digitale Vorreiter gesucht - auch auf der Chefetage

Dazu müssen auch die Entscheider auf den Chefetagen der deutschen Wirtschaft bereit sein. Aber nicht nur das: Innovationen „Made in Germany" benötigen die richtigen Rahmenbedingungen. Hierzulande werden sie durch eine unzureichende digitale Infrastruktur, umständliche Zulassungsprozesse, bürokratische Hürden und ungelöste Datenschutzfragen zu häufig behindert. Entscheidungsstrukturen sind oft zu komplex. Dazu genügt ein Blick auf das wichtige Thema Industrie 4.0: Protektionistische Positionen und Datenschutzdebatten bestimmen zu oft die Agenda. Gefragt sind hier nicht nur die Unternehmen. Auch Politik und Interessensverbände müssen sich mit den neuen Anforderungen befassen.

Den Datenschatz richtig heben

Welche Firmen in Zukunft die Nase vorn haben, wird immer stärker durch die Fähigkeit bestimmt, mit Daten Werte zu schaffen. Unternehmen sollten deshalb wissen, wie sie ihren Datenschatz intelligent heben können. Die diffuse Angst vor einem Souveränitätsverlust durch Big Data schwingt bei vielen Mittelständlern immer noch mit. Dadurch gerät „Made in Germany" aber in Gefahr. Andere Länder sind schon heute bedeutend weiter als Deutschland, weil flexibler und progressiver in der Sache.

Know-how-Transfer und digitale DNA

Schafft es ein Unternehmen nicht aus eigener Kraft, den digitalen Wandel zu meistern, kann es Know-how einkaufen, sich an einem Startup beteiligen bzw. mit ihm kooperieren oder gezielt digitale Vordenker und Pioniere einstellen. Beispiele dafür gibt es einige: So kooperiert das Stuttgarter Familienunternehmen Klett mit dem Berliner Startup K.lab, um Lerninhalte für Schüler und Lehrer zu digitalisieren. Die Internetplattform Book a Tiger arbeitet seit Gründung mit Vileda zusammen: Das Startup vermittelt Reinigungskräfte, das nötige Equipment kommt von Vileda. Auch in der Wohnungswirtschaft tut sich etwas: Aktuell führt die Wohnungsbaugesellschaft Degewo ein schlüsselloses Entriegelungssystem für Hauseingangstüren ein. Die dazugehörige Technologie kommt von dem Berliner Startup Kiwi.ki.

„Digital ist besser", so heißt das 1995 erschienene Album der deutschen Band Tocotronic. Und genau darum geht es zwanzig Jahre später immer noch: Mittelständler und Familienunternehmen müssen lernen, digitale Geschäftsmodelle schneller als branchenfremde Wettbewerber umzusetzen und sie müssen es schaffen, digitale Talente für sich zu gewinnen. Kurzum: ‚Digital Natives' dürfen keine Exoten in etablierten mittelständischen Unternehmen sein, sondern Teil ihrer DNA. Das erfordert Offenheit und Mut - jenseits der traditionellen, hierarchischen Silostrukturen. Darauf sollten alle Unternehmen hierzulande vorbereitet sein.


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