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07/02/2017 06:19 CET | Aktualisiert 08/02/2018 06:12 CET

Was wir in den USA gerade beobachten, muss uns in Deutschland ein Appell sein

shakzu via Getty Images

Was wir in Amerika gerade beobachten, muss uns eine Warnung und ein Appell sein. Ich habe in meiner Kindheit und Jugend Prinzipien gelernt, von denen ich nicht abweichen möchte: Respekt, Offenheit, Konstruktivität. Das Motiv allen Handelns muss Frieden sein, nicht Ausgrenzung.

Und als Leitsatz der kategorische Imperativ: "Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde." Oder ganz, ganz, ganz versimpelt: "Was du nicht willst, das man dir tu, das füg auch keinem andern zu."

Bisher war das für mich kein politisches Handeln, sondern ein menschliches. Plötzlich wird es politisiert, da es Bewegungen gibt, die diese Prinzipien, die ich für so universell hielt, in Frage stellen.

Die meisten von uns haben das Glück, durch die Geburtenlotterie an einem relativ sicheren, offenen und förderlichen Ort gekommen zu sein, ein Umfeld, durch das wir werden konnten, was wir sind. Es hat uns sicherlich ein Päckchen zum Bewältigen mitgegeben, aber für die meisten von uns eine gute Grundlage und einige Steigbügel, damit wir uns im Leben zurechtfinden konnten.

Dadurch haben wir auch eine Verpflichtung, denjenigen zu helfen, die weniger Steigbügel und mehr Lawinen auf ihrem Weg antreffen. Dass, was wir im Politischen wollen, ist meist ein Spiegelbild dessen, was wir im Familiären, Persönlichen erlebt haben. Wenn wir als Kinder ausgegrenzt wurden, fordern wir auch heute Ausgrenzung für andere. Das erscheint uns nur fair. Warum soll es jemand anderem besser gehen als mir?

Das Schwierige: Wir müssen insbesondere mit denen in den Dialog treten, die sich radikalisieren. Und dürfen auch in diese Richtung nicht ausgrenzen. Wir müssen uns in beide Richtungen öffnen, diejenigen stützen, die ausgegrenzt werden, diejenigen befragen, die Wut verkünden. Und bei denen, die uns Nahestehen, Kraft tanken, damit wir lange durchhalten können.

Wir müssen Menschen aus unterschiedlichen Welten an einen Tisch bringen, damit es nicht weiter gelingt, dass Menschen sich gegenseitig zu Monstern erklären. Und damit ist nicht nur gemeint 15 Erasmus-Studenten aus unterschiedlichen Ländern miteinander bekannt zu machen (obwohl auch das wichtig ist).

Kommunikativ ist es wichtig, die eigene Haltung zu wahren, aber auch zuzuhören, empathisch zuzuhören. Aus den Anschuldigungen und Wutreden die wahren Sorgen herauszuhören, Alternativen aufzuzeigen, nachzuhören, wo Gemeinsamkeiten liegen.

Du findest, dass unsere Krankenschwestern zu wenig verdienen? Da stimme ich Dir zu. Lass uns nachschauen, welche Parteien das auch so sehen, lass uns nachsehen, ob es soziale Initiativen gibt, die sich dafür einsetzen. Lass uns Briefe verfassen, Anrufe tätigen.

Du findest, es geht unseren Obdachlosen schlecht? Auch da stimme ich Dir zu. Hast Du schon mal bei der Stadtverwaltung nachgefragt, was für die Obdachlosen getan wird? Deine Großmutter hat eine zu geringe Rente? Was braucht sie, wie können wir Euch unterstützen?

Gibt es auch etwas, das Du an meiner Einstellung gut nachvollziehen kannst?

Du hast Angst, keinen Job zu finden? Soll ich Dir helfen, Bewerbungen zu schreiben? Ich habe auch noch einen Kontakt zu einer Firma. Dort frage ich nach.

Und genau bei solchen Themen müssen wir die demokratischen Parteien auffordern, stärker Farbe zu bekennen. Mehr Soziales anzubieten, vor allem durch Hilfe zur Selbsthilfe, oder stärker darauf aufmerksam zu machen, was ohnehin schon vorgesehen ist.

Letztes Jahr haben viele Menschen "Schrei nach Liebe" von den Ärzten zurück in die Charts katapultiert. Weil etwas Wahres dran ist an diesem Schrei nach Liebe.

Empathie ist das Menschlichste am Menschsein. Wer seine Empathie verloren hat, der braucht Hilfe dabei, sie wieder zurückzuerlangen. Und das geht am besten, indem er oder sie Empathie zu spüren bekommt.

Klar sind wir alle gegen Nazis. Nazis sind Scheiße. Wir sollten uns aber zurückhalten, Menschen als Nazis leichtfertig fremd zu bezeichnen. Denn das sorgt leicht dafür, dass sie sich als nichts mehr anderes sehen können, als das und diesem Bild mehr und mehr entsprechen. Und es ist Othering, Veränderung. Und genau das ist ein Kern des Problems. "Die" gegen "wir". Das ist das Problem.

Im September ist Bundestagswahl. Wer denkt, wer politisch an der Macht sei, sei nicht wichtig, der irrt. Es ist immens wichtig. Schon im Kleinen, im Kommunalen, entscheidet sich, ob ein Spielplatz angelegt wird, ein Bebauungsplan geändert wird, eine Firma ihr Werk eröffnen darf oder ein Theaterstück unterstützt wird.

Im Land entscheidet sich, was in unseren Schulen passiert, ob Räume renoviert werden, wie groß die Klassengröße ist, ob Menschen ausgegrenzt oder einbezogen werden, ob es besondere Förderungen gibt für die Starken oder die Schwächeren.

Und wir sehen es gerade in Amerika: Innerhalb von Tagen werden Entscheidungen getroffen, die für Menschen über Leben und Tod entscheiden. Menschen, die von heute auf morgen nicht in das Land zurückkehren können, in dem sie jahrelang gelebt und gearbeitet haben.

Wenn wir es nicht schaffen, bis September möglichst vielen Menschen zu vermitteln, dass Miteinander besser als Gegeneinander ist, dann müssen wir uns für die Zeit nach September darauf einstellen, Menschen auch persönlich zu beschützen, wenn wir uns nicht mitschuldig machen wollen.

Meine Kollegen in Amerika richten gerade sichere Räume für ihre mexikanischen und muslimischen Schüler ein. Sie erinnern an den Faschismus und den Beginn der Judenverfolgung. Sie rufen dazu auf, dass ALLE Menschen sich in ein muslimisches Register eintragen lassen, aus Solidarität und Protest.

Sie lassen sich für ihren Einsatz beschimpfen und bedrohen. Sie gehen auf die Straßen und protestieren. Sie bereiten sich darauf vor, im Notfall die Rollen von Oskar Schindler oder Irena Sendler im 21. Jahrhundert einzunehmen, auch wenn sie hoffen, vermeiden zu können, dass es dazu kommt.

Das Konstruktive bleibt oft unbeachtet. Dabei ist es so wichtig, aus Unterstützungswillen und im Glauben an das Gute in den Menschen zu agieren. Ich weiß, dass in meinem Umfeld jeder auf seine Weise dazu beiträgt. Manche wissen es selbst, manche wissen es gar nicht. Sie tun es unbewusst, auf Basis der Prinzipien, die ihnen ebenfalls mitgegeben wurden.

Noch vor Jahren hätte ich mich geschämt ein solches Statement zu veröffentlichen. Es wäre mir unnötig erschienen, platt, selbstverständlich und moralisch überheblich. Ich würde mir wünschen, es wäre nicht nötig, so zu schreiben. Aber ich weiß es gerade nicht besser. Ich wünsche mir, dass meine Gedanken einfach wieder meine ganz normale Grundhaltung werden, und keine Politik.

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