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29/01/2017 08:44 CET | Aktualisiert 30/01/2018 06:12 CET

Wie meine Tochter und ich den Kampf gegen Trumps Sexismus und Rassismus aufgenommen haben

Lucy Nicholson / Reuters

Die besorgte Stimme meines Vaters erinnert mich an meine Jugend, als ich mal wieder von meinem Schuldirektor, ähnlich wie von einem Richter, verhört wurde. "Ich habe das Poster deiner Tochter gesehen ... Glaubst du, dass diese Sprache angemessen ist?", fragte er.

Auf meine Autorität als Vater bestehend antwortete ich: "Papa, wir sollten darüber nicht urteilen. Sie hat ihren eigenen Kopf. Wir müssen uns zurücklehnen und sie ihr eigenes Ding machen lassen."

An diesem Tag nahmen meine 17-jährige Tochter und ich gemeinsam mit ihren Freundinnen am Women's March in New York teil. Es war der 21. Januar 2017, der Tag nach der Vereidigung des 45. Präsidenten der Vereinigten Staaten, Donald Trump.

Und hier waren wir nun, gemeinsam mit Millionen Menschen auf der ganzen Welt und allein 400.000 in New York, die nicht nur gegen den neuen Präsidenten protestierten, sondern die Macht vermittelten, die Frauen und Mädchen innehaben.

Die Protestschilder sollen provozieren

Malaak war fast die ganze Nacht wach, um Protestposter für den Marsch vorzubereiten. "Shrimpy", wie ich sie liebevoll nenne, ist eine schlaue, wortgewandte und charismatische Oberstufenschülerin, voller Neugier auf die Welt, voller Liebe für ihre Community und einem starken Glauben an Gerechtigkeit und Fairness.

Wir nahmen den Zug von der Vorstadt nach New York City. Aber es gab ein Problem - es waren drei Frauen dabei und wir hatten nur zwei Protestschilder. Die Mädchen schienen enttäuscht. Es gäbe "keine Möglichkeit", am Marsch teilzunehmen, wenn nicht jede ihr eigenes Schild hätte.

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Von der Bahnhaltestelle liefen wir zu den United Nations und Dag Hammarskjöld Plaza, wo der Protestmarsch starten sollte. Vorher machten wir noch einen Abstecher zu Kinko's Copy Center. Dort suchten wir nach Materialien, um ein Notfallschild zu basteln.

Wir fanden Pappe, einen Filzstift und entschieden uns dafür, dass ich die Buchstaben gestalten sollte. Die Mädels fanden meinen Bubble-Letter-Stil am besten. "Okay, was soll ich schreiben?", fragte ich Malaak. Ohne mit der Wimper zu zucken sagte sie: "Öhm... schreib: 'Diese Muschi grapscht zurück'."

Die Straßen waren voller Demonstranten

Mein Status als neutraler Beisteher löste sich in Luft auf und ich verfiel in Vatermodus. "Du willst, dass ich was schreibe?", fragte ich leicht vorwurfsvoll. Und sie wiederholt, ohne zu zögern: "Komm schon, Papa, schreib das einfach." So unwohl ich mich auch fühlte, schrieb ich den Satz. Drei Poster, drei junge Frauen. Zeit zu marschieren.

Die Straßen an der East Side von Manhattan waren wie Sardinenbüchsen mit Demonstranten vollgepackt. Ein Großteil waren erwachsene Frauen, aber auch viele Männer waren dabei. Obwohl die meisten weiß waren, nahm auch ein bedeutender Anteil anderer Ethnien teil: Schwarze, Latinos und Asiaten.

Wir machten viele Fotos der Menschenmenge und trafen sogar eine junge Frau, die genau denselben Spruch auf ihrem Schild hatte wie Malaak. Dieser Moment musste mit einem Selfie festgehalten und dann auf Instagram geteilt werden. Als wir weiter liefen wurde ich daran erinnert, warum wir uns eigentlich dazu entschlossen hatten, an den Protesten gegen den neuen Präsidenten teilzunehmen.

Ich dachte zurück an die Nacht vom 8. November, das Finale intensiver Auseinandersetzungen in den USA. In dieser Zeit gingen Amerikaner ihrer nationalen und zivilen Pflicht nach, zu entscheiden, wer das Land als nächstes regieren sollte.

Unterhaltung und Schock zählen

Nationale Wahlen wie diese zerstörten zunehmen das Gemeinschaftsgefühl und propagierten unzivilisiertes Verhalten. Leidenschaft und Überzeugung wandelten sich zu Schärfe und Fanatismus. Es war nur wenige Wochen nachdem wir die Definition des "hot mic" gelernt hatten - eine Videoaufnahme von Donald Trump versetzte die Welt in Schock.

"Ich habe versucht, sie zu ficken, sie war verheiratet, ich habe sie angegraben wie eine Schlampe. Ich nehme mal besser ein paar Tic Tac, zur Sicherheit ... Ich fühle mich zu schönen Frauen automatisch hingezogen. Ich muss sie einfach küssen, sie ziehen mich magnetisch an. Ich warte nicht mal ab. Grapsch sie einfach an der Muschi und wenn du ein Star bist, lassen sie dich machen."

Das waren die Worte des zukünftig mächtigsten Mannes der Welt. Worte der Peinlichkeit und der puren Schande. In einem Kopf-an-Kopf-Rennen am Ende der Wahl wurde klar, dass der Kandidat mit dem bombastischeren Stil gewinnen würde.

Amerikas Sucht nach Bigotterie ist genauso groß wie deren Sensationssucht. Unterhaltung und Schock zählen. In your face, Journalismus. Reality TV. Donald Trumps Herz und Seele leben an einem Schnittpunkt, an dem all diese Punkte zusammenkommen. Nachdem ich bei CNN die Wahlergebnisse nachgeschaut hatte, wurde meine Vermutung, dass Trump gewinnen würde, harte Realität.

Papa, ich fühle mich unwohl, morgen zur Schule zu gehen

Am Morgen nach der Wahl wurde ich geweckt von einer alarmierenden Nachricht meiner Tochter. Darin stand:

"Papa, ich fühle mich unwohl, morgen zur Schule zu gehen. Manche der Dinge, die meine Schulkameraden im Netz gepostet haben, geben mir ein etwas schlechtes Gefühl. Ich bin ziemlich tough und meistens interessiert es mich nicht, was die anderen sagen, aber ich weiß einfach nicht, was morgen passieren wird, weil die Leute in meiner Schule verrückt sind und damit komme ich nicht klar."

Normalerweise übertreibt oder überinterpretiert sie nicht, also wusste ich, dass ihre Sorgen ernst zu nehmen waren. Ich sprach sofort mit ihrer Mutter und wir waren uns einig, dass wir zugunsten unseres Kindes handeln mussten.

Wir riefen einige Lehrer an, trafen uns mit dem Schuldirektor und dem stellvertretenden Schuldirektor, die uns alle verstanden haben und versprachen, die Situation in der Schule genau zu beobachten. Wir haben uns dazu entschlossen, unsere Tochter einen Tag vom Unterricht zu entschuldigen, damit sie Zeit zum Nachdenken und Verarbeiten hat.

Malaak und ich saßen zusammen im Wohnzimmer, aßen Ingwerkekse und dachten über die Konsequenzen dieses Wahlergebnisses nach. Wir waren uns darüber einig, dass Hilary Clinton und Barack Obama diese Wahl vor allem wegen ihres Geschlechts und seiner Hautfarbe verloren haben.

Es war endlich Zeit zu agieren

Frauen und alle Menschen, die nicht weiß sind, teilen ein Gefühl der Nervosität: wegen der sexistischen und rassistischen Dinge, die Trump während seiner Wahlkampagne verbreitet hat; wegen seiner Drohungen gegen Frauen, die ihn wegen sexueller Belästigung anklagten; wegen der Tatsache, wie er Mexikaner als Kriminelle dastehen ließ; wegen der Unterstützung, die er vom Ku Klux Klan erhielt; wegen so vieler Dinge.

Die Menschen hatten echte Angst vor den Programmen, die Trump während seiner Regierungsperiode realisieren will - zum Beispiel vor dem Einreiseverbot für muslimische Einwanderer oder vor der Ausweisung von Millionen von Immigranten.

"Das schlimmste das passieren könnte, ist, dass aufgrund der Angst Träume zerstört werden, Familien das Land verlassen und Schüler und Studenten ein Stresslevel erreichen könnten, das es ihnen unmöglich macht, zu lernen", sagte ich zu Malaak. Wir waren uns darüber einig, dass, wenn wir uns wegduckten, das ein sehr, sehr trauriger Sieg der Angst über die Hoffnung wäre.

Monate nach der Wahl, in denen wir Zeit hatten, die Ereignisse zu verarbeiten, war es endlich Zeit zu agieren. Endlich waren die Nation und die Welt an der Reihe, den Rassismus und Sexismus Donald Trumps anzugreifen.

Ich glaube, dass diese Sprache angemessen und wichtig ist

Nachdem der Protestmarsch vorbei war und wir wieder zu Hause waren, erfuhren wir, dass unsere Familie unsere Protestschilder in den sozialen Medien gesehen hatte und dass vor allem der Spruch auf Malaaks Schild diskutiert wurde. Die Frage meines Vaters: "Glaubst du, diese Sprache ist angemessen?"

Die Antwort ist: "Ja. Ich glaube, dass diese Sprache angemessen und wichtig ist. Sie ist wichtig, weil Präsident Trump sie wichtig gemacht hat. Es war wichtig für meine Tochter zu lernen, dass der Spruch stimmt: "Einmal umgeworfen, zweimal aufgestanden."

Wenn jemand dich herabwürdigen will, solltest du das nicht einfach so hinnehmen. Obwohl es stimmt, dass Liebe über Hass siegt ("love trumps hate"), kann es passieren, dass Liebe und Hass sich ein paar hässliche Worte entgegenwerfen.

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In Präsident Trumps krassen und unangemessenen Tiraden standen das "M-Wort" und das "N-Wort" direkt nebeneinander - so viel zu schändlicher Sprache. Genauso wie beim "N-Wort" rissen Menschen aus Überzeugung das "M-Wort" an sich, damit es keinen Schaden mehr anrichten konnte.

Es war wichtig, Trump genau dieses Wort entgegenzuwerfen und ihm zu zeigen, wer der Größere ist und dass wir uns vor seinen Worten nicht verstecken.

Wir haben uns versprochen aktiv und auf dem Laufenden zu bleiben, um diese Regierung zur Rechenschaft ziehen zu können und zu protestieren, wenn nötig. Wir werden beim nächsten Marsch wieder unsere Stimme erheben, mit unseren Schildern in den Händen.

Dieser Beitrag erschien zuerst auf ExtraNewsfeed.

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