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13/04/2016 13:33 CEST | Aktualisiert 14/04/2017 07:12 CEST

Warum es nicht reicht, unsere italienischen Strände gegen Öl zu schützen

Sergei Karpukhin / Reuters

Die Öl Affären um die italienischen Meere schlagen höhe Wellen: Ministerrücktritt, Festnahmen, Wackeln der Regierung. Und am 17 April wählen die Italiener in einem Referendum über die küstennahe Bohrinseln. Indes, will die italienische Regierung die heimische Ölförderung forcieren, um die Ölimporte zu vermindern.

Sich einfach gegen Ölplattformen vor der Haustür zu wehren, ist kurzsichtig, wenn man weiter immer mehr Öl verbrennen, solange es nur aus weit entfernten Ländern kommt. Gerade dies Woche protestierten in Pau, Frankreich, Umwelt-, Wirtschafts- und religiösen Vereinigungen gegen die große internationale Konferenz von Ölfirmen über die Entwicklung der Ölförderung im Meer MCEDD - Marine, Construction and Engineering Deepwater Development).

Wir haben zu viele fossile Brennstoffe, nicht zu wenige!

Gemäß den wichtigsten Klima- und Energieorganisationen weltweit sollten 80 Prozent der bekannten Reserven fossiler Brennstoffe (Kohle, Öl, Gas) im Boden verbleiben, wenn wir die Wahrscheinlichkeit verringern wollen, dass die Weltdurchschnittstemperatur um mehr als zwei Grad ansteigt - im Wissen, dass lediglich 0.8 Grad Anstieg im letzten Jahrhundert wahrscheinlich großen Schaden angerichtet hat.

"Das Problem ist, dass wir zu viele fossile Brennstoffe haben, nicht zu wenige", sagte kürzlich Marco Mazzotti, Leiter des Energy Science Center der ETH Zürich.

Dennoch fließen Milliarden Dollar in Investitionen für die Entwicklung und Vermehrung von Ölfördereinrichtungen in den Ozeanen (Investitionen, die The Economist am 4. Mai 2013 als "non-sense" bezeichnet hat) - die Investoren setzen auf die Trägheit der Klimapolitik.

Offshore-Ölplattformen und Bohrschiffe sind Meisterwerke der Ingenieurskunst

Das eindrücklichste Exemplar - eine helvetische Spitzenleistung - erreicht den Meeresboden in 3.000 Metern Tiefe. Die Kosten dafür betragen wenige Milliarden Dollar, gegenüber erwarteten Einkünften von mehreren Dutzend Milliarden - oder es geht um den Wert seiner lokal verursachten Schäden, im Falle eines Unfalls.

Das nennt man "venture capital", besonders attraktiv, wenn Einkünfte privat, Schäden aber öffentlich sind. Das war bereits 2010 bei der Deepwater-Horizon-Ölkatastrophe im Golf von Mexiko der Fall. Niemand weiß, wie man eine Ölkatastrophe 3.000 Meter unter Wasser verhindern kann. Ölunfälle sind nur einer der vier Schäden, die das Geschäft mit fossilen Brennstoffen anrichtet. Dieser Schaden ist zwar schwer, aber doch lokal, relativ selten und oft behebbar.

Die drei anderen Schäden hingegen sind global und beinahe sicher. Schaden Nummer zwei, der schlimmste, ist die Beschleunigung der globalen Erwärmung, mit dramatischen Folgen für die Umwelt, Milliarden von Menschen und die Weltwirtschaft. Schaden Nummer drei ist die Bedrohung der globalen Finanz.

"Entweder nehmen die Regierungen den Klimawandel nicht ernst, oder die Kohle-, Gas- und Ölfirmen sind überbewertet.", schrieb The Economist. Nach Aussage mancher Analysten ist die Weltwirtschaft von einer großen "Kohlenstoffblase" (carbon bubble) bedroht.

Was passiert, wenn die Blase platzt?

Wenn diese schließlich platzt, könnte Öl-, Gas- und Kohlefirmen rapider Wertverlust oder der Bankrott drohen, mit dramatischen Folgen für Investoren, die ihnen Billionen von Dollars anvertraut haben. Carbon Tracker, ein Finanz-Thinktank in London, studiert das Risiko dieser "Kohlenstoffblase" genau und berät institutionelle, ethische und andere Investoren, wie sie von Investitionen in fossile Brennstoffen wegkommen können, bevor es zu spät ist.

James Leaton von Carbon Tracker sagte: "Der Grund, dass Blasen entstehen, ist, dass jeder denkt, er sei der beste Analyst - dass er zum Rand des Abgrunds geht und dann zurückspringt, wenn alle anderen weitergehen." Der Rückzug von Investoren wie der Rockefeller Foundation (früher Ölbarone) oder der Gates Foundation aus dem Geschäft mit fossilen Brennstoffen zeigt, dass die Bewegung "divest from fossil fuel" (hört auf, in fossile Brennstoffe zu investieren) ernst genommen wird.

Die "Kohlenstoffblase" könnte tatsächlich platzen, wenn die internationale Gemeinschaft umsetzt, was die COP 21 in Paris letztes Jahr beschlossen hat: so zu handeln, dass die globale Erwärmung auf unter zwei Grad, idealerweise auf 1,5 Grad, begrenzt wird. Das hieße, weniger als 570 Gigatonnen (Milliarden Tonnen) CO2 in die Atmosphäre zu emittieren. Klimawissenschaftler nennen das "Kohlenstoffbudget", also die Menge CO2, die wir noch ausstoßen können, wenn wir die schlimmsten Klimafolgen vermeiden wollen.

Wenn alle fossilen Brennstoffreserven, zu denen die fördernden Firmen Zugang haben (davon wird ihr Finanzwert bestimmt), verbrannt würden, würde das etwa 2800 Gigatonnen CO2 freisetzen. Mehr als drei Viertel dieser Kohlenwasserstoffe sind daher "unburnable carbon", zu betrachten als "stranded assets" (verlorene Vermögenswerte).

Der vierte Schaden, den die Verwendung fossiler Brennstoffe verursacht, ist ein gesellschaftlicher: Korruption und Kriminalität, die in diesen Tagen im Zusammenhang mit einzelnen italienischen Ölaffären bekannt werden - die Wirtschaftsministerin sollte zurücktreten, Festnahmen fanden schon statt - sind unbedeutend verglichen mit der Korruption, den Kriegen, den Putschen, Diktaturen, Massakern, Morden (denken Sie an Enrico Mattei, den dramatisch verstorbene Gründer der staatlichen Ölgesellschaft ENI) und anderen Verbrechen, die mit Teilen des Geschäfts mit fossilen Brennstoffen einhergehen.

Italien muss ökologisch radikal umdenken!

Ja, ein Sieg im italienischen Referendum am 17. April könnte Küstenbohrungen um Italien verhindern. Aber wir Italiener sollten uns klarmachen, dass der Verzicht auf unsere einheimischen fossilen Brennstoffe bedeutet, dass wir mehr Öl verbrauchen, um die Schiffe anzutreiben, die es aus anderen Erdteilen hierherbringen.

Zudem fördert ein Teil dieses importierten Öls Kriege und Staatsstreiche, wie im Nahen Osten und an anderen Orten, und verursacht Umweltzerstörung und menschliches Leid, wie in Nigeria, so wie in Ecuador und an anderen Orten. Der beste Weg, diese Katastrophen zu vermeiden, ist, den Verbrauch fossiler Brennstoffe drastisch zu reduzieren, den Übergang zu erneuerbarer Energie zu beschleunigen, Energieeffizienz voranzubringen und (wo möglich) die Materialintensität unserer Lebensstile zu verringern.

Etwa 80 Prozent unserer gehandelten Energie wird aus fossilen Brennstoffen erzeugt. Praktisch jedes Produkt und jede Dienstleistung, die wir nutzen (manche mehr als andere), beruht auf der direkten oder indirekten Verwendung und Verschwendung von Kohle, Öl und Gas. Ja, wir Italiener lieben unsere Strände. Aber sie vor Ölbohrern zu schützen ist definitiv nicht genug.