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28/10/2015 08:00 CET | Aktualisiert 28/10/2016 07:12 CEST

Schlauchboote und Bohrinseln im Mittelmeer - Die künftigen Umweltflüchtlinge

KHALIL MAZRAAWI via Getty Images

Anfang September vermeldeten die Medien euphorisch die Entdeckung der grössten Gasvorkommen im Mittelmeer durch Italien und zeigten sich gleichzeitig bestürzt über die wachsende Zahl der Verzweifelten, die versuchen, Europa über das Mittelmeer zu erreichen. Auf seiner Oberfläche nähren die Schlauchboote des Todes die Hoffnung auf Erlösung. Auf dem Meeresgrund wecken neue geologische Entdeckungen die Hoffnung auf mehr billige Energie und mehr ökonomisches Wachstum in Europa. Doch nur wenige erfassen die fatale Verknüpfung dieser beiden Sachverhalte.

CO2 und Fluchtbewegungen

Demographen mutmassen, dass, im Vergleich zur absehbaren Migration von Dutzenden Millionen von Umweltflüchtlingen, die momentanen Flüchtlingsströme nach Europa geradezu gering aussehen werden. In der Tat setzt die Verbrennung von immer mehr fossilen Brennstoffen und Wäldern CO2 frei - das bedeutendste klimaverändernde Gas. Als Folge drohen vielen Ländern - vor allem den ärmeren -Dürren, Ausdehnung der Wüste, Verenden von Vieh, Verkümmern der Wasserressourcen, so wie andere Schäden.

Sogar ein minimaler Anstieg des Meeresspiegels aufgrund der zunehmenden Schmelze der Polarkappen trifft hunderte Millionen von Menschen, denn er führt zu häufigeren Überschwemmungen und lässt Meereswasser ins Grundwasser einsickern. In manchen Ländern ziehen dann vormalige Landwirte und Viehzüchter in die Städte, was zu sozialen Spannungen führt - bis hin zu Aufruhr und Repressionen.

Beispiel Syrien

Syrien zum Beispiel erlitt von 2006 bis 2011 seine schlimmste Dürreperiode. Ein Grossteil des Viehs kam ums Leben, zwei von insgesamt 17 Millionen Einwohnern kehrten dem Landleben den Rücken und in etlichen Städten beklagte man einen Mangel an Wasser, das zudem noch ungerecht verteilt wurde. Die daraus erwachsenden Protestaktionen wurden blutig unterdrückt und führten ihrerseits wieder zu Rebellionen und Repressionen - ein Mitauslöser des Bürgerkriegs.

Schutzagenda

Umweltflüchtlinge verfügen über keinen rechtlichen Schutz wie die politischen Flüchtlinge (Genfer Konvention von 1951). Um diesen Mangel zu beheben, trafen sich am 12. und 13. Oktober in Genf Vertreter von 75 Regierungen zu einer Global Consultation (einer globalen Vernehmlassung), um eine Schutzagenda für Umweltflüchtlinge und Opfer von Naturkatastrophen zu präsentieren. Diese ist das Ergebnis von regionalen Vernehmlassungen, die die Nansen Initiative initiiert hat, eine 2012 in Genf von der Schweiz und Norwegen gegründete Körperschaft.

Der Schweizer Think-Tank foraus fordert die Schweiz auf, die Nansen Initiative fortzusetzen und sich für die Anerkennung eines rechtlichen Schutzes der Umweltflüchtlinge zu engagieren. Weiter plädiert foraus für ein neues Verständnis der Migration als multikausales Phänomen: Oft ist sie Ergebnis einer Synergie von sozialen, wirtschaftlichen, politischen und umweltbezogenen Faktoren.

Flüchtlingsdrama

Das Drama der Flüchtlinge erfordert drei in gleichem Masse unabdingbare Schritte: Nothilfe, Einsicht der Europäer in ihre aktuelle und historische Mitverantwortung für die Notmigration und schliesslich den Verzicht von Bürger(inne)n und Regierungen der reichen Länder auf Handlungen, die Migration mit hervorrufen.

Wenn die Massenmedien, Lehrpersonen, Persönlichkeiten öffentlicher Institutionen und der Kultur unseren jetzigen und vergangenen Beitrag zur Verelendung ganzer Völker öfter in Erinnerung riefen, würden sich vielleicht weniger Bürger ablehnend gegenüber Flüchtlingen und Migranten erweisen. Das Verständnis und die Grosszügigkeit ihnen gegenüber würden möglicherweise zunehmen.

In dreifacher Weise hat der Westen zur Migration beigetragen: mittels Kolonialismus, Globalisierung und Klimawandel.

Der Kolonialismus offenbarte sich durch militärische Besetzung und politische Bevormundung, Sklavenhandel, unfaire Ausbeutung von natürlichen Ressourcen, Ausnutzung von ethnischen Konflikten, willkürliche Grenzziehung und Staatenbildung, Erstellung von Wirtschaftsstrukturen im Dienste der europäischen Metropolen. Viele dieser Verzerrungen und Verbrechen wirken bis heute nach.

Später folgte dann der Neokolonialismus in der Form von Wirtschaftsprotektionismus, unfairen Handelsverhältnissen, Waffenexporten zu Gunsten auch der schlimmsten Potentaten, Korruption und Begünstigung von Regierungen, Unterstützung von Diktatoren, Staatsstreichen gegen demokratische Regierungen sowie Bombardierung oder Invasionen, die ganze Länder destabilisieren und in den Ruin treiben.

Gemäss dem Historiker Stuart Laycock intervenierte nur schon die Armee Grossbritanniens in allen Ländern der Welt bis auf 22. Diese belastende historische Verantwortung Europas wird nicht aufgewogen, weder durch Bildung, Medizin, Institutionen, Infrastrukturen, Technik), noch durch unsere bescheidene Entwicklungshilfe.

Nordamerikanisierung

Die Globalisierung - tatsächlich grösstenteils Nordamerikanisierung und Europäisierung - zeitigt Vor- und Nachteile. Ihr Rezept: Vereinheitlichung des Markts, der Waren, der Konsumkultur, vorherrschender einheitlicher Informationskanal (Internet), einheitliche Leitkultur (angelsächsisch geprägt), einheitliches Wirtschaftsdenken.

Mit den globalisierten Kommunikationsmitteln und jährlich Hunderten Milliarden Werbeausgaben überschwemmen die wohlhabenden Länder die ärmeren mit einer Flut von attraktiven Waren und Lebensstilen, scheinbar für alle verfügbar und Freude und Glück verheissend. Wen wundert es, wenn Milliarden von bedürftigen Personen - denen häufig das Wenige, über das sie verfügten, zum Leben reichte - dazu bewogen werden, dorthin zu gehen, wo der Konsum lockt.

Zu erwähnen bleibt noch der vom Menschen verursachte Klimawandel. Dessen Auswirkungen sind für die Fluchtbewegungen und die Migration ein noch unterschätzter, immer gewichtigerer Beweggrund. Die vom Klimawandel am meisten betroffene Bevölkerung in den ärmeren Ländern ist am wenigsten dessen Verursacher, denn häufig ist der Pro-Kopf-Ausstoss an Treibhausgas dort fünf- bis zehnmal geringer als bei uns. Wissenschaftlich betrachtet sollte man jedoch nicht nur die allerjüngsten klimaverändernden Gasemissionen bewerten, sondern auch die seit der industriellen Revolution kumulierten Emissionen.

Denn ihre klimatischen Folgen wirken über Jahrhunderte. Betrachtet man also die Emissionen der Industrieländer in einem historischen Kontext, so ist das Gefälle der Verantwortung der Einwohner von reicheren und ärmeren Ländern viel grösser, als dies in der Abrechnung der jüngeren Emissionen aufscheint. Daher argumentieren einige Ökonomen und gewisse Länder (Brasil z.B.), dass die internationalen Emissionsrechte für klimaverändernde Gase orts- und zeitunabhängig zuzuteilen sind - dessen ungeachtet, wo und wann ein Erdbewohner lebt, gelebt hat oder je leben wird.

Totaler Verzicht

Unter Fachleuten aus Wissenschaft, Technik und Wirtschaft wächst die Zahl jener, die den nahezu totalen Verzicht auf fossile Energie und eine Transition zu erneuerbarer Energie in wenigen Jahrzehnten als unentbehrlich und realisierbar erachten. Laut Geologen ist ein Versiegen der fossilen Brennstoffe nicht unmittelbar zu erwarten. Schätzungen besagen, dass im Erdreich noch mindestens so viele fossile Brennstoffe vorhanden sind, wie wir in zwei Jahrhunderten verbrannt haben.

Der Verzicht auf ihrer totalen Verbrennung ist dann nicht wegen deren vermeintlicher baldiger Erschöpfung zwingend, sondern um die Klimaschäden abzuwenden, die zu erwarten wären, wenn wir die Gesamtheit dieser Reserven verbrennen würden. Während die Klimatologen daher dafür plädieren, diese Reserven dort zu lassen, wo sie sind, treibt uns unsere Energie- und Wachstumsgier weiter zu neuen Sondierungen und Extraktionen. Dabei vergessen wir, dass der Gewinn von heute mitverantwortlich ist für die Umweltflüchtlinge von morgen.

Marco Morosini, Zürich, Climate Policy Group, ETH Zürich

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