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05/02/2016 07:13 CET | Aktualisiert 05/02/2017 06:12 CET

"Liebe Mütter, achtet auf Euch! Ihr seid wunderbar"

aabsys via Getty Images

Mutterliebe ist eine Leidenschaft, die ihre eigene Gewalt und Größe hat (Carmen Sylva).

Seitdem Evan auf der Welt ist, weiß ich was Mutterliebe bedeutet. Wie stark, rein und ehrlich diese Liebe ist. Ich liebe Evan. Sehr. Aber. Aber? Aber es gibt auch diese anderen Tage. Stunden. Minuten. Sekunden. An/in denen macht Evan es mir schwer. Kratzen, beißen, hauen, treten.

Evan ist ein sehr impulsives kleines Kerlchen. Ihm fehlen die Worte und stattdessen benutzt er seine Hände, seinen Mund oder manchmal auch seine Beine. An manchen Tagen, Stunden, Minuten oder Sekunden ist es sehr schwer zu ertragen. Ich habe das Gefühl ich zähme ein wildes Tier. Versuche es zu beschwichtigen. Möchte es nicht dressieren oder konditionieren. Aber manchmal soll/muss er auf mich hören.

Ich bin ein sehr geduldiger Mensch und habe mir immer vorgestellt meinem Kind auf Augenhöhe zu begegnen, um zu erklären. Liebevoll zu erziehen. Stattdessen muss ich an diesen anderen Tagen versuchen mich zu schützen. Uns zu schützen. Kurz den Raum verlassen. Einmal tief durchatmen.

Evan ist krank und kann sein Verhalten nicht steuern, dieser Tatsache bin ich mir bewusst.

Evan ist krank und kann sein Verhalten nicht steuern, dieser Tatsache bin ich mir bewusst. Er ist weder hoch aggressiv noch gemeingefährlich oder bösartig. Aber trotzdem möchte man nicht gehauen, gebissen oder getreten werden. Das macht etwas mit einem. Auch mit einer Mutter.

Evan sieht nur seine eigenen Bedürfnisse. Versteht nicht, dass ich auch welche habe. Ich stelle mir ein Fass vor. Aus diesem Fass wird dauernd - ständig - getrunken. Leider wird dieses Fass nur sehr - äußerst selten - wieder aufgefüllt.

So ergeht es mir an diesen bestimmten anderen Tagen. An denen bin ich leer. An diesen bestimmten anderen Tagen mutiere ich zum Monster. Schreie lauter als Evan und muss fürchterlich dabei aussehen. Selfie? Nein, danke! Versuche ruhig zu bleiben. Es nicht persönlich zu nehmen. Anstatt liebevoll bestimmt zu erklären, muss ich mit Kraft dagegen lenken. Was ich dann brauche?

Ich brauche eine Pause.

Schatz, ich brauche eine Pause. Kannst Du Dich bitte kurz kümmern? Und schon steht ein äußerst attraktiver Mann mit einer Engelsgeduld und einem liebevollen Wesen in meiner Küchentür. In einem Supermankostüm. Mein Superman. Er kümmert sich rührend um Evan und ich kann meinen langersehnten Latte Macciato trinken und mich ein wenig meinem Blog widmen.

Leider sind diese Gedanken geringfügig - sehr geringfügig - utopisch, wenn man sich überlegt, dass ich alleinerziehend bin und Evan der einzig männliche Vertreter in unserem Haushalt ist.

Zudem würden meine Single und alleinerziehenden Freundinnen jetzt vehement protestieren und argumentieren, dass in der Realität - in der wahren Welt - dann eher ein etwas dicklicher Mann mit Maurerdekolletee in der Küchentür steht oder auf dem Sofa sitzt und seine tägliche Bierration verlangt. Aber man wird doch nochmal träumen dürfen?

Die anderen Tage. Ich finde dieses Thema sehr schwierig. In Deutschland. Generell schwierig. Viele denken darüber nach, aber nur wenige sprechen darüber. Über eben genau diese anderen Tage. Letztes Wochenende, während eines schlechten Tages, in einer schlechter Stunde, wollte ich mir ein wenig Mut anlesen.

Ich habe mich mit einem leckeren Latte Macciato auf mein Sofa gesetzt und meine vorher errungenen - sorgfältig ausgesuchten und teuer bezahlten - Eltern Zeitschriften dazu geholt. Da saßen wir nun, mein Latte Macciato, die Eltern Zeitschriften und ich (Evan war im Badezimmer unter der Dusche - jedes Mal, wenn ich eine kleine Pause brauche, drehe ich die Dusche auf und siehe da: Evan steht schon bereit. Wie David Hasselhoff am Strand von Venice Beach, nur etwas niedlicher. Evan natürlich. Unser Wasserverbrauch ist enorm).

Nach der ersten Eltern Zeitschrift war ich ein wenig deprimiert. Nach der zweiten war ich frustriert und nach der dritten habe ich geheult.

Gleich geht es mir etwas besser. So wie mir, geht es bestimmt einigen Eltern - waren meine Gedanken. Nach der ersten Eltern Zeitschrift war ich ein wenig deprimiert. Nach der zweiten war ich frustriert und nach der dritten habe ich geheult. Wie ein Schlosshund.

Artikel wie "Wir ernähren uns nur noch mit Bio Produkten und kochen jeden Tag ultrafrisch bis hin zu "die Wohnung neu sortiert in nur 100 Schritten" haben meine Launen oder meine vorübergehende Depression nicht verbessert. Was, die haben noch Zeit jeden Tag 2x biofrisch zu kochen und ihren Kleiderschrank nach farblichen Mustern sowie den Rest der Wohnung zu ordnen und sortieren?!!!

Jetzt war ich wirklich am Ende. Oh, ein Interview habe ich übersehen. Von Eltern mit einem behinderten Kind. Jetzt wird gleich alles besser. Leider nicht. Das Interview war ein Zusammenwurf von positiven Wörtern. Alles gut. War nie besser. Überfordert oder erschöpft habe ich leider nicht gefunden. Auch nach intensivster Suche.

Das nächste Mal werde ich lieber ein paar ehrliche Mami Blogs durchlesen oder mit einigen meiner Freundinnen telefonieren, die auch ein behindertes Kind haben. Danach geht es mir meistens besser.

Es macht etwas mit einem an seine Belastungsgrenze zu kommen. Auch mit einer Mutter. Gerade mit einer Mutter. Ich bin eine tolle, liebevolle und geduldige Mutter. An vielen Tagen. Aber es gibt auch diese anderen Tage. Da bin ich am Limit. Balanciere auf einen Seil und bin oft davor abzustürzen. Manchmal tue ich das sogar.

Irgendwie schaffe ich es immer wieder aufs Seil und balanciere mich aus. Falle wieder runter und stehe wieder auf und klettere mit letzter Kraft und meinen letzten Reserven erneut aufs Seil. Für Außenstehende muss es lächerlich aussehen. Die gibt einfach nicht auf! Warum lässt sie es nicht einfach?! Die fällt doch sowieso immer wieder runter. Stimmt.

Aber jedes Mal komme ich etwas weiter. Nur ein Stückchen. Aber ich komme weiter und gebe nicht auf. Irgendwie schaffe ich es immer und immer wieder auf das Seil.

Warum ist das Muttersein immer eng mit Schuldgefühlen verknüpft?

Warum ist das Muttersein immer eng mit Schuldgefühlen verknüpft? Darf man als Mutter keine Grenzen haben? Muss man immer alles geben müssen? Jeden Tag bis an Limit gehen und dabei noch ultrabiofrisch kochen und den Kleiderschrank sowie die Wohnung nach Mustern sortieren?

Früher war der Gedanke, dass es diese anderen Tage gibt, fürchterlich für mich. Tage, Stunden oder Minuten, an denen mir alles nicht so leicht fällt. Ich habe mich für meine Gefühle und Emotionen geschämt. Ich bin eine schlechte Mutter. Ich habe ein behindertes Kind. So etwas darf ich doch nicht denken.

Ich muss Evan jeden Tag aufs Neue äußerst liebenswert und zuckersüß finden. Mittlerweile weiß ich, dass ich auch mal sauer sein darf. Ihn vielleicht auch mal doof finden darf. Sowie er mich hin und wieder auch mal doof findet (er sagt es zwar nicht, aber ich merke es deutlich. Sehr deutlich).

Es tut mir gut, zu explodieren und meine Wut herauszuschreien. Jeder Mensch hat seine Grenzen. Auch eine Mutter. Die Grenzen eines Menschen sind sein persönliches Hoheitsgebiet. Innerhalb dieses Gebietes muss jeder Mensch für sich selber bestimmen was in Ordnung ist und was nicht. Ich habe meine Grenzen. Evan hat und braucht seine Grenzen. Jeden Tag fordert er 101% meiner Aufmerksamkeit. Leider verfüge ich nach meiner Arbeit, dem Haushalt, dem Organisieren meistens noch über 60%. Mal sind es etwas mehr, mal etwas weniger. Wir werden 60% zu 101%? Gar nicht.

So einfach ist das. Früher habe ich über meine Kapazitäten gelebt. Körperlich und emotional. War bereit auf dem Schwarzmarkt die restlichen 41% zu kaufen. Heute? Würde ich dafür kein Geld mehr ausgeben. Mittlerweile nehme ich diese anderen Tagen samt Gefühlen und Emotionen dankend an. Dankend? Ja, dankend.

Nach der Nacht kommt der Tag. Nach dem Regen kommt die Sonne. Ohne Regen würde es keine wundervollen Blumen geben. Manchmal muss man sich kurz doof finden, damit man sich im nächsten Moment wieder sagen/zeigen kann, dass man sich toll findet. Ich bin eine tolle Mutter. An den guten und ganz besonders an den schlechten Tagen.

Und spätestens wenn sich Evan mal wieder heimlich in sein viel zu kleines Supermankostüm gezwängt hat und mit seiner Flasche - gefüllt mit Tee versteht sich - in unserer Küchentür steht, muss ich doch ein wenig schmunzeln und erfreue mich daran, dass ER in diesem Kostüm steckt. Mit seiner Flasche Tee in der Hand. Evan. Mein ganz persönlicher kleiner Superman.

Eine Mutter sollte sehr viel Wert darauf legen, 'was aus ihr selbst wird'. Wenn ihr Wachsen gehemmt wird, wird auch das ihrer Kinder gehemmt sein. (Prentice Mulford)

In diesem Sinne, liebe Mütter, achtet auf Euch! Ihr seid wunderbar.

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