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13/08/2015 08:27 CEST | Aktualisiert 13/08/2016 07:12 CEST

Lehrerausbildung: Der einstudierte Praxisschock

Leander Baerenz via Getty Images

Wer Lehrer werden will, dem wird oft schon im ersten Semester mit der Schule gedroht. Nicht „graue Theorie" sollen Studierende pauken, sondern „praxisnah" funktionieren. Statt ständig neuer Kompetenzen bräuchten engagierte Lehrer wieder ein Recht auf berufliche Souveränität.

Klagelieder über die angeblich geringe Praxisnähe der Lehrerausbildung sind wohl so alt wie die Schule selbst; und das nicht zuletzt in Deutschland. Mit allerlei Reformen wird immer wieder aufs Neue mehr Verzahnung zwischen Universität und Schule beschworen. Höhere Qualität und stetige Optimierung sowieso. Kein Jahr vergeht ohne neue Vorschläge, den Lehrernachwuchs noch ein Stück „praxisnäher" zu qualifizieren.

An vielen Universitäten gehört es zum guten Ton, angehende Lehramtler als geradezu defizitär veranlagte Spezies zu betrachten. Aus Sicht der Schulen erscheinen die Nachwuchskandidaten oft als typische Vertreter des Elfenbeinturms. Die Zahl an Klischees über Lehrer ist nicht nur in der Universität Legion. Und bedrohliche Zukunftsprognosen konditionieren den Nachwuchs von Anbeginn. Bereits in den ersten Semestern ist vielen klar, sich für eine Tätigkeit zu qualifizieren, die man ihnen andauernd wie eine völlige ferne Welt präsentiert.

Kaum ein anderes Studienfeld geht mit einer derart künstlichen Dramatisierung, ja mit einem traditionellen „Schlechtreden" der zukünftigen Berufstätigkeit einher. Die ziemlich ausgeprägte Coolness in puncto Berufspraxis, wie sie etwa für BWL- und Ingenieurwesen-Studierende allzu bekannt ist, darf sich der Otto-Normal-Lehramtler nicht einmal wünschen.

Voll im Trend: Standardisierte Studierende

Das größte Problem der heutigen Lehramtsstudierenden ist ihr Mangel an Souveränität, die ihnen entweder systematisch vorenthalten oder bei Eintritt in das Studium schnell wieder aberzogen wird. Die Zeiten dafür stehen günstig. Nie war die Lehramtsausbildung derart standardisiert wie heute. Es ist auch die Zeit für das Funktionieren und Untertauchen in der gehorsamen Masse.

Gruppenarbeit gilt als das neue Wundermittel „guter" Lehramtsausbildung schlechthin. Alles, was in Gruppen erledigt werden kann, wird auch bevorzugt in Gruppenarbeit erledigt. Geistreiche Individualisten jenseits des Erwartungshorizonts einer deutschen Landesschulbehörde, verschrobene, doch sehr talentierte Einzelgänger, müssen sich demgegenüber erklären.

Wenn es so weit überhaupt noch kommt. Der angehende Lehrer ist durch und durch ein „gruppierter Typ". Doch das wachsende Unvermögen, Erkenntnis ganz und gar aus eigener Anstrengung zu gewinnen und selbstständig zu vermitteln, wird nicht unbedingt als bedauerlicher Mangel gesehen, sondern eher als natürliche Folge zunehmender „Professionalisierung". Deshalb reproduziert das Studium, was dem Nachwuchs aus eigener Schulzeit sehr vertraut erscheint: eine klassenförmige Ausrichtung mit schlechten Chancen für Abweichlertum und ausgesprochen vorteilhaften für konformistisches Personal.

Schier diffus ist das Geflecht der Anforderungen, welchem sich angehende Lehrer heute gegenübergestellt sehen. Gleichermaßen wird erwartet, Meister aller didaktischer Methodenmoden zu sein, die Glaubensdekrete der Kompetenzorientierung in- und auswendig zu kennen und im Sinne pädagogischer Evaluations-, Kontroll- und Zieldefinitionssucht als eifrige Vermesser des Unterrichts zu brillieren.

Faszination für Managementmoden

Ebenso wie die Schulpraxis selbst ist die Ausbildung der Pädagogen überfrachtet mit einem Wust an Effizienz- und Steuerungsmaximen, die im Modus der Dauerreformen vor allem Hektik und Hysterie bewirken. Beschworen wird eine Welt der unaufhörlichen Kompetenzgelöbnisse, stetiger Vermessung und unbedingter Verwertbarkeit. Kurz, eine Welt der Schule, die wie gemacht erscheint für einen Arbeitsmarkt, der nicht so viel aufs Hinterfragen setzt, sondern mit Machern rechnet.

Dabei ist der Praxiskult in der Lehrerausbildung untrennbar mit dem Kompetenzkult der Schule verbunden. Alles muss berechenbar, ständiger Kontrolle zugänglich, überwacht und in Daten übertragbar sein. Der Druck auf die Schüler verlagert sich schließlich auf die Lehrerschaft. „Bildungsmonitoring" lautet das schicke Zauberwort von Pädagogikprofessoren und Ministerialräten: Gestaltung des Schulbetriebs nach den Maßstäben einer fabrikmäßigen Leistungsüberwachung. Kennzahlensysteme und gefühlt bergeweise Schulevaluationen inklusive.

Die Faszination hinsichtlich privatwirtschaftlicher Managementansätze ist bemerkenswerterweise gerade unter jenen groß, die von Hause aus mit dieser Materie eigentlich wenig bis nichts zu tun haben.

Auf Schulleiterkongressen stößt man heute beispielsweise auf ziemlich junge „Business Mentalisten", die - quasi als Mischung aus Magier und Coach - den gestandenen Schulleitern erklären, wie sie die Gedanken ihrer Mitarbeiter lesen können. Ganz zu schweigen von der Vielzahl an Unternehmensberatern, die sich auf den Großveranstaltungen des pädagogischen Führungspersonals mit den neuesten Managementmoden im Gepäck gegenseitig die Klinke in die Hand geben.

Der perfekte Praxisschock will gelernt sein

In der Lehrerausbildung selbst ist derweil dauerhaft die Rede vom Praxisschock - ein Grund, warum Management-Impulse auch auf fruchtbaren Boden fallen. Das Kuriose daran ist: Je mehr Praxis gerade in den vergangenen Jahren über die Bologna-Reform in die Lehrerausbildung integriert wurde, desto beliebter ist es geworden, pauschal vom Praxisschock zu sprechen. Gibt man in Suchmaschinen den Begriff Lehrer ein, kommt gleich als einer der ersten Vorschläge dieses Wort zum Vorschein. Muss das nicht bedenklich stimmen?

Nüchtern und unaufgeregt betrachtet, ist der Praxisschock das Ergebnis einer lange und gut vorbereiteten Suggestion, die ihrerseits aus einer im Lehramtsstudium geradezu antrainierten Unmündigkeit herrührt. Denn weitaus weniger die Konfrontation mit der Praxis ist defizitär, als vielmehr der Weg in diese und damit die Einstellung zur selbigen.

Wer vom Praxisschock spricht, unterstellt Mangel an guter Vorbereitung. In der Rhetorik der Qualifikationsdebatten kommt es zum Frontalzusammenstoß der Absolventen mit einer lange gefürchteten und daher fix imaginierten Wirklichkeit. Und so ist es die natürliche Folge eines stets angstvollen Blicks auf die Schule, wenn schließlich tatsächlich jener Praxisschock eintritt.

Nach dem Muster selbsterfüllender Prophezeiung sehen sich die werdenden Praktiker schon in der Universität ohne Not gewissermaßen vorsorglich als gescheitert. Der jahrelange Glaube an den Moment des Scheiterns macht es unwahrscheinlich, noch ansatzweise souverän und gelassen vor eine Schulklasse zu treten. Hospitanten und Praktikanten können davon ein Lied singen. Nicht Examen oder Masterarbeit werden zur schlimmsten Prüfung, sondern der unvermeidliche Gang ins Klassenzimmer.

Im Referendariat offenbart sich der Praxisschock dann häufig als eigentlicher Schulbehörden-Schock. Nicht die Schüler sind die eigentliche Zumutung, sondern mitunter eher staatliche Prüfungsämter, Ministerialbeamte und die ausbildenden Kollegen. Viele Referendare können von diesem Spiel (Lehrer gegen Lehrer) berichten.

In puncto Praxisschock ist dabei alles schon früh vorgezeichnet. Die Praxis der Universitäten ist die der Erkenntnis. Geht es in Universitäten um Praxis, so kann damit nur die Praxis der Wissenschaft selbst gemeint sein - und allenfalls mittelbar jene von Schulen.

Jeder Versuch, Praxiswelten außerhalb der Universität zum maßgeblichen Gegenstand derselben zu machen, führt stets in beliebige Rekonstruktionen. Offensichtlich erscheint, dass akademische Trockenübungen an Qualifizierung nicht leisten können, was von ihnen erwartet wird. Denn ebenso wie angehende Betriebswirte mit Blick auf die Unternehmenswelt, leben Lehramtsstudierende jahrelang in einer Art Simulator von Praktiken.

Schulreformen: oft reines Polit-Theater

Umgekehrt geht allerdings die Klage über angebliche Praxisferne zukünftiger Lehrer an der Realität völlig vorbei. Tatsächlich prägt die Pädagogik ihr Studium in hohem Maße. Eine ganze Reihe deutscher Hochschulen haben den Ruf, faktische „Lehrer-Unis" zu sein. Auch die Zahl der Professuren für Schulpädagogik, Unterricht und Didaktik ist enorm.

Praktika gehören vielerorts seit eh und je zum Studium. Selbst dort, wo das lange weniger der Fall war, hatten angehende Pädagogen alle Möglichkeiten, sich freiwillig in die Praxis aufzumachen. Niemand braucht akademische Genehmigungsschleifen und prüfungsamtliche Zertifikate, um Schule hautnah zu erleben. Wer die vielen sich bietenden Tauchgänge in die beschworene Praxis einfach nicht nutzt und auf „Fremdbeschulung" und betreutes Lernen wartet, ist schlicht behäbig.

Für pauschales Klagen über unqualifizierte Lehrer gibt es sachlich wenig Grund. Doch die ständigen Reformansagen haben einen Vorteil für die politische Entscheidungsebene: man versteht es, sich öffentlichkeitswirksam zu legitimieren. Aus der Organisationsforschung ist bekannt, dass Reformen vielfach nicht in erster Linie auf messbare Verbesserung zielen, sondern deshalb betrieben werden, um Stabilität zu erzeugen und Entschlossenheit zu signalisieren.

Ganz besonders Schulreformen sind oft genug inszeniertes Polit-Theater. Denn die Schulpolitik bietet in Deutschland die ideale Steilvorlage für alle Parteien, jeweilige gesellschaftliche Lager- und Interessenkonflikte sichtbar zu machen (und damit die eigenen Wählerschaften mit in Wirklichkeit gesellschaftspolitischen - und allenfalls indirekt pädagogischen - Aktivitäten zu bedienen). Politischer Aktionismus prägt die Schulpolitik von Nord nach Süd und quer durch die Parteienlandschaft.

Natürlich passt das nicht ins Bild des landläufig beliebten Lehrer-Bashings. Beinahe scheint es so zu sein: Je mehr in die Lehrerbildung investiert wird, desto mehr wird sie schlechtgeredet. Doch hinter den hartnäckig gepflegten Lamenti stecken im Grunde zwei Konflikte.

Der eine betrifft verbreitete Theorieaversion, der andere ein fehlendes Vermögen, Widersprüche auszuhalten. Universitäten brauchen Diskussion und Lehrstreit. Dies ärgert viele, die sich hier auf die Suche nach schneller Information machen und es als mühevolle Last, wenn nicht Schikane empfinden, allerlei diskursive Umwege inkaufnehmen zu müssen.

Für einen Großteil der Studierenden gilt ohnehin die Wissenschaft im Ganzen als künstlich erzeugtes, „unpraktisches" Problem. Abwehrverhalten erscheint vielen attraktiver als die Bereitschaft zur geistigen Tiefenbohrung. Genau jene, wachsende Studierendensorte ist an der Universität eigentlich schlicht deplatziert, muss aber - eingedenk politischer Korrektheit - „mitgeschleppt" werden.

Querköpfe fehlen

Besonders eine Klientel leidet unter dem Korsett der vollstandardisierten Lehrerbildung: Theorieaffine Studierende, die als gelassene Freigeister und Individualisten wenig Sinn für Hamsterradbetrieb und Totalkontrolle mitbringen, stattdessen ein hohes Maß an Entfaltung und Eigensinn benötigen. Ihnen muss man nicht ständig mit den Lehrformeln einer kaum existenten, aber eifrig behaupteten „richtigen" Praxis begegnen, sondern lernen, sie als erwachsene Menschen ernst zu nehmen.

Zu den kuriosen Eigenarten der Lehrerausbildung gehört es ja, dass man sie selbst in der Form einer Schule veranstaltet. Typisch ist für diesen Betrieb, dass inzwischen niemand mehr auf die Gattung der selbstbewussten und kritischen Nachdenker eingestellt scheint und hierfür in Zukunft noch weniger Bereitschaft zu erwarten sein dürfte.

Statt wissenschaftlichen Tiefgang fortwährend dem diffusen Dogma der Praxisnähe preiszugeben, könnte es lohnen, mehr Interesse für einen souveränen und akademisch leistungsstarken Lehrernachwuchs aufzubringen, dem intellektueller Selbstanspruch mehr bedeutet als die Sehnsucht nach Haltegeländer und klaren Ansagen.

Dazu braucht man gerade nicht die Zauberkoffer der pädagogischen Modetrends, sondern vor allem mehr Freiraum, Ruhe und Vertrauen. Es gibt nicht wenige Anzeichen dafür, dass diese Dinge dem gegenwärtigen Nachwuchs weitestgehend erspart bleiben. Nur: kann man dann ernsthaft noch die viel gerühmten „Besten" locken?

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