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04/08/2015 05:29 CEST | Aktualisiert 04/08/2016 07:12 CEST

AfD-Scheitern: "Es fehlte an Pragmatismus und Gespür für politische Systeme"

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Zwei Köpfe im falschen System: Bernd Lucke und Hans-Olaf Henkel haben bis zum Schluss nicht wahrhaben wollen, dass politische Organisationen anders funktionieren als Hamburger VWL-Seminare und Vorstandssitzungen beim BDI.

Bernd Lucke und Hans-Olaf Henkel haben den Abgang gemacht. Vorerst zumindest. Schon wenige Wochen später ist nun die AfD-Abspaltung ALFA ins Leben gerufen: „Allianz für Fortschritt und Aufbruch" - ein übersichtlich kreativ gestricktes Phrasen-Ungetüm; gewissermaßen der rhetorische Standardfall jeder neuartigen Partei-Namensgebung.

Ob sich Bernd Lucke diesmal besser hat beraten lassen? Bestenfalls wird sich der kluge Volkswirt Lucke vor dem nächsten Schuss in den Ofen zunächst mit der Frage befasst haben, worauf es in politischen Betrieben wirklich ankommt.

Für Henkel und Lucke ist die AfD bereits gescheitert. Dieses rasche Urteil ist grundfalsch. Allenfalls die einstigen Zugpferde selbst sind an der AfD gescheitert.

Das Ausmaß eines Schadens für die Partei ist indes noch völlig offen. Gastspieler wie Lucke und Henkel verkörpern in musterhafter Weise den Typ des professoralen Polit-Laien.

Es fehlt nicht an Beobachtungen dazu, was geschieht, wenn ein gelehrter Professor die bundespolitische Manege betritt. Und sei es, wie im Fall Henkel, „nur" ein ehrenhalber ernannter. Die Einordnung Laie mag Kritik hervorrufen. Sie ist aber mitnichten beschämend oder gar karikativ gemeint.

Die beiden Polit-Laien entstammen regelrecht elitären Zirkeln innerhalb ihrer Heimatorganisationen. Dort sind - oder waren - sie die angesagten Experten. Lucke, der eloquente Lehrstuhlinhaber der Universität Hamburg mit einem analytisch hervorragenden Sachverstand in der Welt ökonomischer Zahlen und Modelle; Henkel, der geachtete Ex-Spitzenlobbyist des BDI, fraglos ein gestandener Manager der obersten Ebene.

Für solch voraussetzungsvolle Biografien muss der Weg in den Hexenkessel einer populistischen, von diffusen system- und gruppenspezifischen Ressentiments genährten Sammlungsbewegung beinahe zwangsläufig im Niedergang enden. Mit der Elite des Systems gegen die Eliten des Systems? Ein ziemlich waghalsiges Unternehmen mit zahlreichen Negativ-Beispielen.

Sind die einstigen Vorzeige-AfD-ler an ihrem Ungemach nun selbst schuld? Zumindest haben sich beide ziemlich verkalkuliert und eigentlich kostbare Jahre verschwendet.

Einiges haben sie völlig unterschätzt und Anderes vermutlich überhaupt nicht begriffen. Etwa nicht, dass Spitzenpolitik im Modus der Retardation geschieht. Zwei Schritte geht es nach vorn - und dann auch wieder drei zurück. Verzögerung ist allgegenwärtig.

Entweder wird man ihretwegen von anderen kleingehalten oder schaltet mit ihr die anderen aus. Steter Tropfen höhlt zwar den Stein, doch ohne Langmut und jahrelange Bereitschaft, sich mit schwerfälligen Debatten (und zuweilen noch schwerfälligeren Menschen) befassen zu wollen, bleiben alle Erfolgsaussichten Illusion.

Typen wie Lucke und Henkel sind das Zuhören und Warten natürlich kaum gewohnt. Ein deutscher Professor macht nach dem Gesetz sowieso bevorzugt das, was er will. Und ein Spitzenmanager weiß um die Vorzüge einer wohlsortierten Entourage, die ihn immer genau in dem pflichtschuldig bestätigt, wovon er gerade überzeugt ist.

Das Drama der Unfähigkeit zum langen politischen Atem nahm seinen Lauf, als der AfD der Einzug in die Landesparlamente gelang. Die rigiden Selbstansprüche der Partei und ihre dick aufgetragene Politik-Wandel-Neuanfang-Semantik entpuppten sich als rhetorisch garnierte Träume honoriger Herren - ohne jede Relevanz für das übliche Klein-Klein der Realpolitik. Und noch schlimmer: Ohne ausreichendes Anschlusspotenzial für eine gar nicht so kleine Gruppe leiser Sympathisanten in Unionskreisen. Wie kaum sonst jemand in der AfD reservierten Lucke und Henkel für sich den Begriff der Vernunft.

Der endlose Talk über abwechselnd „politische" und „wirtschaftliche" Vernunft offenbarte, wie exklusiv und phantasielos beide Vertreter vernünftiges Handeln beschworen, ohne einen Gedanken auf die überragende Sinnleere dieser Rhetorik zu verwenden. Ausgerechnet Vernunft - der womöglich beliebigste aller politischen Gemeinplätze. Dass in Zeiten politischer Plan- und Ziellosigkeiten die sehr ahnungslose AfD es fertig brachte, ebenso universal wie plump die ultimative Schlagwort-Superwaffe der Vernunft zu bemühen, kann rückblickend als eine Art Selbstironie dieser Partei verstanden werden. Vereinfachung und Verzerrung komplexer Zustände gehören seit den ersten Tagen zu ihrem Markenkern. Die intellektuelle Tiefe und politische Praxis der nationalen und liberalen Flügel in der AfD sowie der neu auf den politischen Markt der Beliebigkeiten geworfenen Abspaltungs-„Allianz" ist zumindest in diesem Punkt offensichtlich dieselbe.

Überdies haben die Luckes und Henkels in der Partei mit ihrem Anspruch einer „gemäßigten Kraft" nicht erkannt, wie sehr die AfD unweigerlich gerade von jener Derbheit profitiert, die ihr so sehr anhaftet und sie ausmacht.

Ohne eine satte Portion deftigen Populismus gibt es eben keine Alternative für die Alternative. Den Geistern, die sie riefen, wurden Lucke und Henkel nicht mehr Herr. Beide haben die populistisch-derbe Grundstimmung gewissermaßen als Treibstoff zum Zweck einer erfolgreichen Parteigründung billigend, ja zuweilen genussvoll - gegen die „etablierten Parteien" gewendet - in Kauf genommen.

Der Versuch, zweiseitig mit einer radikalisierten Hinterbühne und einer liberaldemokratischen Fassade klarzukommen, ging schief.

Wer A sagt, muss bekanntlich auch B sagen: Die Taktik, erst einmal von der radikal-unbelehrbaren Masse in Amt und Würden gebracht zu werden, um dann schleunigst diesen wilden Mob wieder abzuschütteln, reihum Maulkörbe zu verteilen oder zwangsweise zu exkommunizieren, kann gefährlich enden.

Lucke und Henkel sind diesem (ihrem eigenen) falschen Spiel selbst zum Opfer gefallen. Parteitags-Stimmvieh weiß sich zu rächen.

Bei alledem hat das politisch unerfahrene Spitzenpersonal sein größtes Defizit nicht beseitigen können: nämlich von Organisationswerdung zu wenig zu verstehen. Die AfD hat es in den knapp zwei Jahren ihrer fragilen Organisationsentwicklung nicht geschafft, sich zu jener etablierten, die politische Landkarte substanziell ergänzenden Kraft zu festigen, wie ihre Vertreter so gerne in Talkrunden leidenschaftlich glauben machen wollen.

Der Grund dafür liegt, anders als oft behauptet wird, nicht maßgeblich im gegenseitigen „Zerfleischen" ihrer Protagonisten. Denn was wäre natürlicher als das? Für eine junge Partei sind personelle Querelen, ja Missgunst und Intrigen, schlichtweg wahrscheinlich. Bevor Parteien sich mit großer Politik beschäftigen können, müssen sie erst einmal die mannigfaltigen Fallstricke und Interessenkonflikte innerhalb ihrer hausinternen Mikropolitik bewältigen. Andere Annahmen zeugen nur von der blumigen Naivität, die aus einer basisdemokratischen Anschauung heraus mit den üblichen Ressentiments der „anständigen Bürger", sozusagen „von unten" gegen die „politische Klasse", kurz: „die da oben" aufgefahren wird.

Den passenden Anschauungsunterricht lieferte in extenso die heute nahezu bedeutungslose Piraten-Partei. - Eine Organisation, die sich ums Leben brachte, weil sie einfach nicht damit fertig wurde, eine Organisation zu sein.

Die personellen Eskalationen der Protest-Partei AfD widersprechen aber alledem, was im politisch korrekt präsentierten Politiktheater Berlins und der Länder als sozial erwünscht, das heißt gegenüber Wahlbürgern vorzeigbar und zumutbar gilt.

Womöglich waren es stets Akte besonderer Aufrichtigkeit, als die vielen Personalkämpfe der AfD medienwirksam ans Licht der Öffentlichkeit gelangten. Die AfD hatte einfach nur das Pech, ihre innerparteiliche Heuchelei nicht so professionell und stilsicher unter den Teppich kehren zu können, wie dies in anderen Parteien, die die Entwicklungsstufe des Dilettantismus längst hinter sich gelassen haben, tagtäglich vorzüglich gelingt.

Der noch geringe Grad an professioneller Entscheidungsfindung und -kommunikation innerhalb der „Alternative" führte letztendlich dazu, dass jedes pikante Detail früher oder später unkontrolliert den Weg in die Medien fand.

Der ganz übliche Mangel des Dilettantismus wurde eben spürbar. Lucke und Henkel haben keine Gelegenheit ausgelassen, sich als pragmatische Anpacker-Typen zu präsentieren. Das Gegenteil ist richtig.

Mit einer Mischung aus Politikferne und pädagogisch-gelehrtem Idealismus haben beide vom Parlamentarismus bundesdeutscher Färbung in einer solch naiven Weise gesprochen, wie man eben spricht, wenn man - selbstkritisch betrachtet - sein Leben überwiegend in den gepflegt-bürgerlichen Schonzirkeln von Universitäten und Aktiengesellschaften zugebracht hat und es gewohnt ist, mit sittsamen Doktoranden und ambitionierten Business-Entscheidern in Nadelstreifen recht komfortabel kommunizieren zu dürfen.

Und: Gerade dank dieses Beipack- und Mitlauf-Personals eine durchaus selbstbewusste, wenn nicht gar eitle Persönlichkeit zu entwickeln. In Abwandlung des bekannten Peter-Prinzips haben Lucke und Henkel schlechterdings die maximale Stufe selbsterwählter Handlungsunfähigkeit erreicht.

Der eine hätte gut daran getan, seinem Hamburger Lehrstuhl treu zu bleiben. Und der andere würde wohl nicht ein zweites Mal gleich alle Aufsichtsratsmandate niedergelegen, um mit der Aura einer politischen Rettungskraft am Ende doch nur im Dienste von Populisten zu stehen. Alles umsonst.

Beide Ausflüge ins Politische mussten enden, wie sie endeten. Weil es an Pragmatismus und Gespür für das politische System fehlte. Ein System, das Personen wahrscheinlich macht, die schmerzfrei das eine sagen können, um das andere zu tun.

Der schwedische Organisationsforscher Nils Brunsson hat vor Jahren darauf hingewiesen, wie sehr es in großen Organisationen auf strategisch lancierte Scheinheiligkeit ankommt. Anstatt Schauseite und Hinterbühne der AfD durch raffiniertes Taktieren und geschickte Personalentscheidungen für eigene Zwecke und Ideale zu gestalten, haben Lucke und Henkel allen Ernstes darauf gehofft, die radikalisierten Basiskräfte der Partei gänzlich ausschalten zu können und sich selbst zu den Leitfiguren „vernünftig" vorselektierter Alternativpolitik zu küren.

Allein mit der Vernunft eines Nationalökonomen und der eines Unternehmenskapitäns. Doch eben ohne jene emotionale Vitalität und moralische Sprunghaftigkeit, die im politischen Spitzensport so erfolgreich machen.

Mit ihren Personalschlachten und den ersten prominenten Opfern ist die AfD nun auch endlich soweit, allmählich zu werden, was sie niemals sein wollte: eine Partei wie jede andere. Vielleicht können Lucke und Henkel ein wenig Trost finden in den Worten des ebenso skrupellosen wie talentierten Politikers Frank Underwood in der US-Politserie House of Cards: „Der Weg zur Macht ist gepflastert mit Heuchelei und Opfern." Präsident Underwood könnte zumindest an Frauke Petry seinen Gefallen finden.

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