BLOG
20/08/2015 08:28 CEST | Aktualisiert 20/08/2016 07:12 CEST

An alle Aldi- und Lidl-Kunden: Ihr könnt euch nichts anderes leisten? Das sind faule Ausreden

dpa

Liebe Discounter-Kunden (oder soll ich besser sagen: Schnäppchenjäger?),

es gibt viele gute Gründe, nicht bei Aldi und Lidl einkaufen zu gehen.

Da ist zum einen das mit multiresistenten Keimen verseuchte Billigfleisch, das zuhauf in Kühlregalen liegt. Oder die mit Enzymen vollgepumpten Brötchen-Attrappen, die als tiefgekühlte Teiglinge unter dem Label „frisch gebacken" verkauft werden.

Hinzu kommt das derzeitige Preisdumping bei Grundnahrungsmitteln wie Milch und Butter, mit dem die Discounter Landwirte an den Rand des Ruins treiben. Und, nicht zu vergessen: die katastrophalen Arbeitsbedingungen für Mitarbeiter. Zuletzt berichteten Lidl-Beschäftigte von einer „Kultur der Angst".

Das alles wisst ihr, habt es hundert Mal gehört oder gelesen. Und doch kommt von euch immer nur die eine Reaktion: „Na und, ich kann mir halt nichts anderes leisten."

Für mich sind das faule Ausreden.

Ihr entscheidet, wo ihr einkauft und was ihr einkauft. Die Verantwortung für euer Konsumverhalten schiebt ihr gern dem Staat zu oder der Wirtschaft. Die müssen was ändern, findet ihr.

Aber die einzigen, die etwas ändern können, seid ihr.

Deutschland ist in den vergangenen Jahren zum Land der Billig-Lebensmittel verkommen. Im weltweiten Vergleich gehört es zu den Ländern, in denen die Haushalte prozentual mit am wenigsten für Lebensmittel ausgeben - im Schnitt nur 10,6 Prozent ihres Einkommens.

In Italien geben die Menschen pro Haushalt 14,2 Prozent ihres Einkommens für Lebensmittel aus. In Griechenland sogar 16,5 Prozent. Und das, obwohl das Grundeinkommen der meisten Menschen in diesen Ländern noch weitaus geringer ist als das der Deutschen.

Die Frage sei erlaubt: Ist uns die Qualität des Essen egal, solange der Preis stimmt? In vielen Fällen heißt die Antwort: ja. Und ihr tragt einen großen Teil dazu bei.

Wisst ihr, dass es gar nicht die Supermärkte sind, die zu teuer sind? Es ist eure Form der Ernährung. Menschen mit geringem Einkommen ernähren sich öfter ungesund als andere. Und ob ihr es glaubt oder nicht: Ungesunde Ernährung kostet viel Geld.

Eine Vollwerternährung ist billiger als die in den meisten deutschen Haushalten übliche Kost. Das ergab eine Studie der Universität Gießen 2009.

Die Vollwerternährung setz auf frische und unbehandelte Nahrungsmittel sowie Vollkornprodukte - ein Gegensatz zu dem, wie sich viele Menschen in Deutschland ernähren.

In der Studie zahlten die Testpersonen, die sich bei der Untersuchung bewusst gesund ernährten, monatlich pro Kopf 227,30 Euro für Lebensmittel - Probanden, die beim Essen weniger Wert auf Gesundheit legten, gaben im selben Zeitraum 259,07 Euro aus.

Für Verbraucher wie euch, die sich Tag für Tag auf die Jagd nach günstigen Produkten begeben, ist das wahrscheinlich schwer begreiflich. Aber in der Regel ernährt ihr euch teurer, wenn ihr zu Aldi und Lidl geht, anstatt frische Lebensmittel vom Markt oder aus dem Bio-Laden zu kaufen.

Einer der Gründe: Ihr esst viel zu viel Fleisch. Eine Untersuchung der Techniker Krankenkasse aus dem Jahr 2013 zeigt, dass besonders Geringverdiener dazu neigen, jeden Tag Fleisch zu essen.

Ich frage euch: Müsst ihr wirklich jeden Tag (Billig-)Fleisch essen? Einmal die Woche würde völlig genügen. Dann könntet ihr euch bessere Qualität leisten. Dass es besser für die Gesundheit, für die Umwelt und für die Tiere ist, muss ich wohl nicht extra erwähnen.

Ein weiterer Grund: Fertigprodukte sind teurer. Das hat unter anderem die Verbraucherzentrale Hamburg in Tests nachgewiesen, nachgewiesen. Mit Fertigprodukten meine ich nicht nur Tiefkühl-Lasagne oder Tütensuppe. Sondern alle Waren, die vor dem Verkauf zum Beispiel geschält oder vorgegart werden.

Bei Vergleichen einzelner Lebensmittel wie Karotten, Kartoffeln oder Tomatensauce waren frisch zubereitete Lebensmittel halb so teuer - manche waren sogar bis zu fünfmal billiger als Fertigprodukte.

Es gibt also viele andere Wege Geld zu sparen, als im Discounter einzukaufen. Wie man sich das im Alltag zunutze machen kann, hat Jack Monroe gezeigt - eine arbeitslose, allein erziehende Mutter aus Großbritannien.

Die Frau musste zusehen, dass sie und ihr dreijähriger Sohn über die Runden kommen - obwohl sie lediglich zehn Pfund pro Woche für Essen zur Verfügung hatte. Sie hat es dennoch geschafft, dass ihr Kind gesunde Lebensmittel bekommt.

Sie fing an, sich einfache Rezepte auszudenken und Lebensmittel so zu verwerten, dass sie für mehrere Mahlzeiten ausreichten. Mit anderen Worten: Sie kaufte bewusster und strukturierter ein. Und warf einfach weniger weg.

Habt ihr auch schon darüber nachgedacht, wie viel zusätzliches Geld euch zur Verfügung stünde, wenn ihr nicht so viele Lebensmittel verschwenden würdet?

Die Welternährungsorganisation hat einmal ausgerechnet, dass die EU-Bürger jährlich 280 Kilogramm Lebensmittel pro Kopf in den Müll schmeißen - noch ehe das Mindesthaltbarkeitsdatum abgelaufen ist.

In Deutschland landen laut einer Studie der Uni Stuttgart jedes Jahr 11 Millionen Tonnen Lebensmittel auf dem Müll. Das entspricht einer jährlichen Verschwendung von 940 Euro pro Haushalt oder insgesamt 22 Milliarden Euro.

Ist das nicht Anlass genug, dass ihr neu nachdenkt über Essen und seinen Preis? Über Aldi, Lidl und die Lebensmittel aus dem Discounter?

Um es klar zu sagen: Mir geht es nicht darum, Menschen mit geringem Einkommen bloßzustellen.

Ich argumentiere nicht wie Thilo Sarrazin, der Hartz-IV-Empfängern ein Frühstück für vier Euro pro Tag vorsetzen will und dafür plädiert, dass sie im Winter Wollpullover tragen, um Heizkosten zu sparen.

Das ist Populismus. Das ist menschenverachtend.

Mir geht es vielmehr darum euch zu fragen, ob ihr euch selbst nicht viel mehr wert seid. Ich finde, darüber lohnt es sich immer nachzudenken.

Ihr habt auch ein spannendes Thema?

Die Huffington Post ist eine Debattenplattform für alle Perspektiven. Wenn ihr die Diskussion zu politischen oder gesellschaftlichen Themen vorantreiben wollt, schickt eure Idee an unser Blogteam unter

blog@huffingtonpost.de.