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23/01/2016 05:14 CET | Aktualisiert 23/01/2017 06:12 CET

Zuwanderung sichert deutschen Wohlstand

dpa

Die Studie „Zuwanderungsbedarf aus Drittstaaten in Deutschland bis 2050" der Bertelsmann Stiftung kommt zu dem Ergebnis, dass Deutschland bis zum Jahre 2050 durchschnittlich bis zu 533.000 Zuwanderer pro Jahr braucht, um das Erwerbspersonenpotenzial auch langfristig zu sichern.

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Ein stark und schnell sinkendes Erwerbspersonenpotenzial kann zu wirtschaftlicher Stagnation und zu Problemen in der Finanzierung der Sozialen Sicherungssysteme führen. "The Mig Post" sprach mit Dr. Matthias M. Mayer, Migrationsexperte bei der Bertelsmann Stiftung.

The Mig Post: Wieso ist der Zuwanderungsbedarf in den deutschen Arbeitsmarkt zukünftig so hoch?

Matthias M. Mayer: Hauptgrund ist der demografische Wandel. Wir werden älter und weniger. Ohne Zuwanderung würde das Erwerbspersonenpotenzial bis zum Jahr 2050 von heute rund 45 Millionen auf unter 29 Millionen sinken. Das wäre ein Rückgang um ungefähr 36 Prozent.

Uns droht ein demografischer Klippensprung

Vor allem ein schlagartig sinkendes Erwerbspersonenpotenzial ist problematisch. Wenn beispielsweise in gut zehn Jahren die Generation der Babyboomer in Rente geht, droht ein demografischer Klippensprung. Die Folgen eines rückläufigen Erwerbspersonenpotenzials sind zum Beispiel, dass nicht alle vorhandenen Arbeitsplätze besetzt werden können und weniger Beschäftigte die steigenden Ausgaben für Rente und Gesundheit schultern müssen.

Zuwanderung ist dabei einer von mehreren Handlungspfaden, um mit diesen demografischen Veränderungen umzugehen.

The Mig Post: Könnte der entstehende Bedarf nicht durch die Aktivierung inländischer Ressourcen gedeckt werden? In diesem Zusammenhang wäre doch eine Erhöhung des Renteneintrittsalters oder eine Steigerung der Frauenerwerbstätigkeit denkbar?

Matthias M. Mayer: Auch bei einer extremen Steigerung der Erwerbsquoten der inländischen Bevölkerung wie der Rente mit 70 ab 2035 und einer Angleichung der Frauenerwerbsquoten an die Erwerbsquoten der Männer kann bis 2050 das Erwerbspersonenpotenzial nur um circa 4,4 Millionen Personen gesteigert werden.

Wir sind auf Zuwanderung angewiesen

Wir sind also auch auf Zuwanderung angewiesen, damit in Deutschland in Zukunft genug Arbeitskräfte zur Verfügung stehen und der Wohlstand gesichert wird.

The Mig Post: Welches Qualifikationsniveau müssen die Zuwanderer mitbringen? Zielen die Berechnungen nur auf die Gewinnung von hoch qualifizierten Zuwanderern?

Matthias M. Mayer: Prognostiziert wird eine steigende Nachfrage nach Akademikern. Außerdem wird vor allem der Ersatzbedarf an Personen mit Qualifikationen in Ausbildungsberufen sehr hoch sein.

Die in der Studie genannten Zuwanderungsbedarfe beziehen sich aber nicht nur auf die Fachkräftemigration, sondern auf die gesamte Migration, das heißt auch auf Kinder, Jugendliche, Rentner und Flüchtlinge.

The Mig Post: Welche Rolle spielen dabei Flüchtlinge, die in Deutschland Asyl suchen? Wie können sie die beschriebenen Entwicklungen am Arbeitsmarkt beeinflussen?

Matthias M. Mayer: Zunächst müssen schutzbedürftige Flüchtlinge nach humanitären Kriterien eine Aufenthaltserlaubnis in Deutschland bekommen - Qualifikationen dürfen hier keine Rolle spielen. Natürlich ist es wichtig, dass Personen, die einen Schutzstatus in Deutschland bekommen, auch arbeiten. Das ist zentral für ein selbstbestimmtes Leben und die gesellschaftliche Integration.

Momentan gibt es noch keine repräsentative Datengrundlage über die Qualifikationen von Flüchtlingen. Studien geben aber Hinweise darauf, dass sich unter den Flüchtlingen auch Personen mit beruflichen oder akademischen Qualifikationen befinden.

Die beruflichen Qualifikationen sind jedoch geringer als beim Durchschnitt der einheimischen Bevölkerung und der bereits im Land lebenden Migranten. Eine gute Nachricht ist, dass die Flüchtlinge deutlich jünger sind als die deutsche Bevölkerung - im Jahr 2014 waren unter den Asylerstantragstellern beispielsweise 81 Prozent 35 Jahre und jünger.

Es steckt ein großes Potenzial in der Gruppe der anerkannten Flüchtlinge

Auch sind schutzbedürftige Personen hoch motiviert, sich am Arbeitsleben zu beteiligen. Es steckt also ein großes Potenzial in der Gruppe der anerkannten Flüchtlinge. Um dieses bestmöglich zu nutzen, müssen wir jetzt investieren.

The Mig Post: Was genau muss passieren, damit ihr Potenzial besser genutzt werden kann?

Matthias M. Mayer: Dazu sind eine Reihe von Maßnahmen nötig. Zunächst müssen Flüchtlinge mit guter Bleibeperspektive Sprachunterricht bekommen - inklusive berufsbezogener Sprachkurse.

Zudem ist es wichtig, Qualifikationen und Kompetenzen der Flüchtlinge systematisch zu erfassen und anzuerkennen. Das ermöglicht passgenaue Qualifizierungsmaßnahmen, den Übergang in Ausbildung sowie die Vermittlung in angemessene Beschäftigungsverhältnisse und berufsbezogene Praktika.

Darüber hinaus muss möglichst schnell Klarheit über die Bleibeperspektive in Deutschland bestehen. Das Asylverfahren muss zügig durchgeführt werden. Außerdem spielen der Familiennachzug sowie die dezentrale Unterbringung von anerkannten Flüchtlingen eine entscheidende Rolle für die Integration in die Gesellschaft.

The Mig Post: Herzlichen Dank für das Interview!

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