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19/11/2015 05:03 CET | Aktualisiert 19/11/2016 06:12 CET

"The Fall": Packender Thriller mit Anderson und Dornan

Getty

In der außergewöhnlichen BBC-Thrillerserie "The Fall" ist Gillian "Akte X" Anderson dem perfiden Frauenmörder Jamie "50 Shades" Dornan auf der Spur - und wird bald selbst zur Gejagten. Großartiges Katz-und-Maus-Psychoduell, das an ein Crime-Kammerspiel erinnert.

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Bevor Gillian Anderson, der wohl berühmteste Rotschopf der Fernsehgeschichte, wieder in ihrer Paraderolle der skeptischen FBI-Agentin Dana Scully im „The X-Files"-Revival Anfang 2016 die Bildschirme erobert, darf sie sie vorher noch im ZDF auf Mörderjagd gehen, nämlich im Thriller „The Fall" (seit 15.11., 22 Uhr).

Und wer sich jetzt denkt: Mei, jetzt spielt die Anderson schon wieder jemanden, der Mörder und andere Ungustl jagt - stimmt schon, irgendwie. Aber irgendwie auch nicht. Denn die britische BBC-Serie „The Fall" (die in England bereits in die dritte Runde geht) sticht angenehm aus dem Crime-Einheitsbrei in der TV-Landschaft heraus (und das nicht nur, weil sie nichts, aber so gar nicht, mit den Franchises „CSI", „Criminal Minds" oder „Law & Order" zu tun hat).

Zum einen sind es die herausragenden Hauptdarsteller Anderson und Jamie „50 Shades of Grey" Dornan, die ab der ersten Serienminute ihre Figuren verinnerlicht haben. Zum anderen ist es das außergewöhnliche Konzept der Serie: Das Whodunit fällt bei „The Fall" komplett flach, der Täter ist von Beginn an bekannt - nicht nur den Zusehern, sondern bald auch den Ermittlern.

Was danach folgt ist ein Katz-und-Maus-Spiel, das zwar an Actionszenen spart, dafür aber immer mehr an der Psyche kratzt: Einerseits folgen wir zum Teil detailgenau den Ermittlungen der örtlichen Polizei, aber auch dem Alltag des Täters, dem wir bei den - ebenfalls detailgenauen - Vorbereitungen seiner grausigen Taten folgen.

Mitunter erinnert „The Fall" an ein Crime-Kammerspiel, das allen Beteiligten die Möglichkeit gibt, ganz groß aufzuspielen, ohne dabei an die Grenzen der Karikatur zu geraten.

Wieso und wie passieren Verbrechen?

Während „Criminal Minds" oder seinerzeit „CSI" auf Schockmomente setzt(e), gehen zwar auch die Morde des Täters Paul Spector - im „wirklichen Leben" ein fürsorglicher Familienvater und Psychotherapeut - an die Nieren (er hat es auf beruflich erfolgreiche, attraktive Frauen abgesehen, die er mit Leidenschaft erdrosselt, badet und dann mit lackierten Fingernägeln am Bett platziert), das Grauen in „The Fall" vollzieht sich vielmehr langsam und beträchtlich, steigert sich mit jeder Episode.

Beim Zuseher setzt ein bisschen das Gefühl einer aufsteigenden Verkühlung ein: Wir spüren, da kommt noch was, wie schlimm es allerdings wird, können wir (noch) nicht abschätzen. Die Erzählweise der Serie ist, ähnlich wie bei „Mad Men" oder „Breaking Bad" eine langsame, überstürzt wird hier nichts - vielmehr ist es den Autoren wichtig, jedes Detail des Jäger-und-Gejagten-Konzepts auszukosten.

Zugegeben, das bringt zum Teil Längen mit sich, fasziniert aber trotzdem von der ersten Episode an, da „The Fall" interessante Fragen aufwirft wie: Wer ist nun wirklich der Jäger, wer der Gejagte? In wieweit lassen sich geschlechterspezifische (Verhaltens-)Merkmale in diesem Psychoduell zurückdrängen, wie sehr spielen sie eine Rolle?

Und vor allem: Wieso und wie passieren Verbrechen? Was geht im Kopf des Mörders vor sich? Können die Cops ihn wirklich aufhalten - und wie geht es hinter den Kulissen eines Polizeireviers wirklich zu?

Sexiest serial killer in TV

Das Interessante dabei: Die Autoren (und Kameramänner) ermöglichen es uns im Rahmen dieses perfiden Psychoduells, die Perspektive beider Seiten einzunehmen:

Wir spüren nicht nur die zunehmende Verzweiflung, Panik und Verdrossenheit der Emittlerin Stella Gibson, wenn der Täter einfach nicht zu fassen ist (zum Teil auch aufgrund der frustrierenden Bürokratie, die auch in Belfast die Polizeiarbeit fest in der Hand hält), sondern wir tauchen auch in die Gedanken- und Gefühlswelt von Täter Spector, was zu einer - beabsichtigten - inneren Zerrissenheit beim Zuseher führt.

Spector wird derart sympathisch (und sexy!) dargestellt, die Kamera nimmt immer wieder seine Perspektive ein, dass wir vorm TV-Bildschirm quasi zum Mittäter gemacht werden. Das ist natürlich auch Jamie Dornan zu verdanken, der hier - anders als im Hausfrauen-Erotikstreifen „50 Shades of Grey" - endlich zeigen darf, dass er zurecht auf ambivalente Figuren abonniert ist.

Es wäre nicht überraschend, wenn Dornan die Rolle des Christian Grey aufgrund von „The Fall" bekommen hätte: Der Ire (auch die Serie spielt übrigens im irischen Belfast) verkörpert die Ambivalenz seiner Figur, das Anziehende und das Abstoßende, die Sexyness und den Horror, mit jeder Faser seines Körpers.

Die Rolle des fürsorglichen Daddys nimmt man ihm genauso ab wie jene des kaltblütigen Mörders, der auch nicht vor Verführung Minderjähriger zurückschreckt und dessen Obsession immer mehr überhand zu nehmen droht.

Übrigens, wenn auch wenig überrascht: Von einem britischen Magazin wurde Jamie Dornan beziehungsweise Paul Spector als „hottest TV-serial killer" gewählt, ein anderes Magazin nannte Dornan „hottest man on earth". Sorry, Dexter.

The most feminist show on television

Neben Dornan besticht natürlich Gillian Anderson in ihrer Rolle der toughen und forschen Sonderermittlerin Stella Gibson. Gibson, wegen der Morderserie von London nach Belfast berufen, muss sich in einem Pool aus korrupten Macho-Polizeikollegen behaupten - was sie auch ohne Anstrengung tut:

Der Chef ist hier Gibson, daran lässt sie keinen Zweifel, auch wenn sie sich wegen selbstverschuldeten Fehlern wiederum ihren Vorgesetzten verantworten muss. Dabei achtet Anderson (und das Drehbuch) darauf, Gibson nicht als kaltes, abgestumpftes Mannweib darzustellen:

Die Ermittlerin ist sich ihrer weiblichen Seite durchaus bewusst, geht in den Ermittlungen mit weiblicher Intuition und Taktik vor: In Polizeibesprechungen ist sie ruhig und besonnen, hört auf ihre Kollegen und versteht es, sich in die Psyche des Frauenhassers (!) Spectors hineinzuversetzen.

Aber auch die Erotik geht dabei nicht verloren: Nicht nur, dass Gibson mit ihrem Vorgesetzten eine ehemalige heiße Affäre verbindet, gleich nach ihrer Ankunft bestellt sie einen feschen Jung-Cop (der kurz danach ermordet wird) zum One-Night-Stand ins Hotelzimmer. Und Frauen ist sie zudem auch noch zugetan. Kein Wunder, dass die amerikanische Zeitschrift „The Atlantic" „The Fall" mit Begeisterung als „the most feminist show on television" betitelte.

Das hat natürlich auch mit Andersons Darstellung zu tun: Wie schon in „Akte X" verkörpert sie mit an Perfektion grenzend eine Mischung aus Verletzlichkeit und Stärke, aus Willenskraft und Sensibilität. Anderson versteht es, mit nur wenigen Blicken viel auszusagen. Sie ist eine jener SchauspielerInnen, die mit ihren Augen, ihren Blicken, ihrer Gestik sprechen.

Stella benötigt nicht immer viele Worte, um klarzustellen, was in ihr vorgeht. Kudos an Anderson, die in „The Fall" ihrer Darstellung komplexer Frauenfiguren treu bleibt: Seit dem Ende von „Akte X" verkörperte sie unter anderem Blanche DuBois in „A Streetcar named Desire", die Psychologin Dr. Bedelia Du Maurier in „Hannibal", die zur Mittäterin wird, oder Lady Honoria Dedlock in „Bleak House".

Auch wenn Anderson in den letzten Jahren große Erfolge am Theater, Miniserien und in Independent Filmen feierte - es ist schön, sie wieder in einer Hauptrolle in einer TV-Serie zu sehen. Besonders in solch einer gelungenen wie „The Fall". Da könnte sich „X Files"-Kollege David Duchovny noch einiges abschauen.

Dieser Text erschien bereits bei "Das Popfenster". Mehr Infos findet ihr hier.

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