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30/08/2015 06:07 CEST | Aktualisiert 30/08/2016 07:12 CEST

Gibt es eigentlich Erziehung, die immer funktioniert?

ullstein bild via Getty Images

Jede Mutter, jeder Vater wünscht sich das eine Erfolgsrezept, mit dem man die eigenen Sprösslinge genau so erzieht und auf das Leben vorbereitet, dass der Weg der Kinder später von Erfolg, Harmonie und Freude geprägt ist - gut erzogen, fleißig, eloquent ... das wäre perfekt!

Bestenfalls verläuft der Weg zu diesem tollen Menschen mit der Bilderbuchkarriere problemfrei - ohne Trotz, Ausreißen, Sitzenbleiben, Polizeibesuche, emotionale Abnabelung oder ständigen Streits ab.

Eines nun vorweg: Es gibt keine Methode, die bei jedem Kind in jedem Elternhaus funktioniert!

Wir müssen uns davon verabschieden, die perfekte Familie darstellen zu wollen und unser Zusammenleben ohne Streit und Misserfolge gestalten zu können. Dafür menschelt es zu sehr in Familien - und so soll es ja auch sein!

Es gibt dennoch ein beruhigendes ABER:

Jede Mutter und jeder Vater hat Einfluss auf sein oder ihr Kind, also kann er oder sie auch etwas verändern. Es stellt sich nur die Frage, wie! - und das auch noch so, dass man beiden „Seiten", Eltern und Kind, gerecht werden kann!

Und in diesem Zusammenhang gibt es tatsächlich eine Art „Patentrezept" :

Das Beleuchten der inneren Haltung und der Erwartungen an das eigene Kind.

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Wenn Mütter oder Väter mit mir über ihre „problematischen" Kinder gesprochen haben - unabhängig davon, ob ich als Elterncoach oder als 4-fach-Mama gefragt wurde- fiel mir eins in fast allen Fällen auf:

Die Erzählungen waren in erster Linie von sehr negativen Schwingungen geprägt und eine klare eigene Meinung und gefestigte Position zu dem Sachverhalt konnte ich meist auch nicht raushören.

Wie würde sich die Situation in den meisten Fällen verändern, wenn sich die Eltern erst einmal von der negativen Einstellung oder überzogenen Erwartungshaltung befreien könnten und ihren eigenen Standpunkt wüssten? Als klassisches Beispiel ist hierbei der Geschwisterstreit. Jeder sagt:

„Geschwister streiten nun mal. Das gehört dazu!"

Aber uns als Eltern belastet dieser ewige Kampf und wir würden unsere Kinder auch gerne vor den Verletzungen bewahren, die sie sich ja doch ab und zu dabei holen - emotional wie auch rein physisch.

Also passiert oft Folgendes: Das in dem Moment wahrgenommen verletze Kind wird getröstet, mit dem anderen Kind wird geschimpft oder es wird bestraft. Für die Kinder heißt das nun: Das eine bekommt ein super gutes Gefühl und volle Aufmerksamkeit und das andere fühlt sich schlecht und weggestoßen.

Wenn ich aber als Mutter oder Vater verinnerlicht habe, dass Geschwisterrivalitäten für den Aufbau einer Beziehung und das Aufstellen einer internen Hierarchie wichtig sind, kann ich ganz anders damit umgehen.

Hinzu kommt, dass die Streits häufig umso heftiger ausfallen, je mehr die Eltern sich einmischen.

Durch die neutrale Haltung erhalten die Kinder ein klares und verständliches Signal:

„Ich mische mich nicht ein und ich richte nicht zwischen Euch!"

Hinterher verteile ich Pflaster und frage, ob wir jetzt gemeinsam nach draußen gehen wollen.

Übrigens: Sollten Sie hinterher Gips und Verbände benötigen und gemeinsam nach draußen gehen, um den Weg ins Krankenhaus begehen zu müssen, haben Sie sich doch ein Stück zu lange rausgehalten. ... Spaß beiseite: Das passiert nicht, auch wenn Sie beim Lesen vielleicht dachten, dass es bei Ihnen genau so kommen würde.

Nehmen wir mal ein anderes Paradebeispiel: Die Pubertät

Was werden Eltern mit Kindern zwischen 13-16 gefragt?

„Und, ist es schlimm?"

Oder

„Wie ist es so mit einem pubertierenden Teenager?"

Und oft lautet die Antwort:

„Mitten in der Pubertät eben, zickt oder trinkt oder zieht sich völlig zurück."

Also erwarten wir regelrecht , dass Jugendliche Probleme machen - da wird auch mein Sohn oder meine Tochter keine Ausnahme machen.

Bessere Fragen -die aber nie kommen, weil ja die Fragenden ohnehin meinen, die Antwort zu kennen - wären vielleicht:

„Was für ein Mensch ist Dein Sohn oder Deine Tochter jetzt?"

„Ist er oder Sie mit sich selbst im Reinen?"

„Hast Du das Gefühl er oder sie hat Ihren Platz in der Reihe der Erwachsenen schon gefunden?"

„Wie ist euer Verhältnis zueinander?"

„Wie ist es, wenn man mit seiner Tochter oder seinem Sohn wie mit einem Freund reden kann?"

Das würde dem Teenager unvoreingenommen die Chance geben, in seiner Persönlichkeit und nicht in seiner Problematik wahrgenommen zu werden. Und das brauchen die Jugendlichen in diesem Alter. Auch wenn mal als Mutter oder Vater eines pubertierenden Jugendlichen diese Fragen nicht verhindern kann, so kann man aber sicherlich an seiner Einstellung zu diesem Lebensabschnitt arbeiten.

Sich als Eltern vom Erziehen zu lösen und „nur noch" Wegbegleiter und ein echter Rückhalt zu sein, ist eine der schwersten Aufgaben!

Wir sind so sehr durch unsere Eltern und unsere festgefahrenen Meinungen geprägt, dass es uns schwerfällt, uns von Klischees zu befreien. Einen Blick auf normale Entwicklungsschritte zu werfen und anzuerkennen, welche Veränderungen, Entwicklungen und Lernprozesse unsere Kinder durchlaufen, würde für viel mehr Verständnis, weniger Vorurteile und damit entspanntere Eltern sorgen.

Mit diesem Verständnis könnten Eltern in Zukunft auf die mitleidige Frage: „Wie ist es mit einem pubertierenden Teenager?" wie folgt antworten:

„Frag Du Dich einfach mal jeden Tag, wer Du bist und wo Du hingehörst!!

Wie würde es Dir damit gehen? Was würdest Du am meisten brauchen? - Wahrscheinlich einen Freund, der Dich unterstützt und Dich so nimmt wie Du bist!"

Verständnis und eine positive Einstellung können hier Wunder wirken.

Es ist übrigens sogar so, dass diese Phase sehr viele positive Dinge bereithält. Das Kind wird selbstständiger -was bei den Eltern zu mehr Zeit für sich selbst führt- die Gespräche mit den Kindern können noch einmal auf einer ganz anderen Ebene geführt werden und, und, und ... . Das funktioniert aber nur, wenn man auch bereit ist, die positiven Dinge wahrzunehmen, auch wenn es vordergründig mal herausfordernd wird.

Das Gleiche Prinzip gilt für viele Phasen.

Ein „Trotzkopf" entdeckt gerade seine Selbstständigkeit, aber wenn er der Mama helfen will und im Supermarkt die Regale leer räumt, wird mit ihm geschimpft. Dabei wollte er oder sie nur sein wie Mama.

Die 3-Jährige ist völlig überfordert, wenn sie in der Früh vor ihrem großen Kleiderschrank steht: Sie will doch nur eine Große sein und sich selbst anziehen. Und wenn sie dann ihr Lieblingskleid anzieht -mit den roten Blümchen und den schönen schwarzen Sandalen dazu- und die Mama zieht sie wieder um, weil es draußen schneit, ist ein Anfall vorprogrammiert.

Natürlich plädiere ich jetzt nicht die Töchter in Zukunft bei -20 Grad in einem sommerlichen Blümchenkleid zum Kindergarten zu schicken, aber vielleicht hätte es schon geholfen, am Abend vorher gemeinsam etwas rauszusuchen, was sie dann selbst anziehen kann.

Der Sohn findet Papa cool und der sitzt gerne abends auf der Couch, guckt Fußball oder zockt an der Spielekonsole. Aber warum darf er selbst nicht so lange fernsehen, wie er will? Er ist doch auch schon fast ein Mann und die dürfen doch zocken und Fernsehen schauen, oder etwa nicht?

Eltern sind die entscheidenden Vorbilder für ihre Kinder!

Was wir von ihnen erwarten, müssen wir auch vorleben. Den Rest bringen sie selbst mit.

Wir müssen den Kindern liebevolle Wegbegleiter sein, die die Straße ein wenig vorgeben, aber wir dürfen die Straßen unserer Kinder nicht zu unseren eigenen machen!

Jeder muss für sich selbst einstehen können und dürfen. Und in der Mitte finden wir einen gemeinsamen Nenner für eine gute Beziehung!


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