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11/12/2015 13:07 CET | Aktualisiert 11/12/2016 06:12 CET

So klappt es mit dem schönen Leben

Karan Kapoor via Getty Images

Eine Freundin von mir änderte letzte Woche auf Facebook ihr Titelbild und länger als normalerweise üblich, blieb ich bei dem neuen Motiv hängen. Es zeigte eine Häuserfront auf die Graffiti-Künstler in roter Schrift „Her mit dem schönen Leben!" gesprüht hatten. Bäm.

„Das will ich auch", schoss es mir in den Kopf „ich will auch ein schönes Leben haben". Blöd nur, dass ich so gar keine Ahnung hatte, wie (m)ein schönes Leben denn überhaupt aussehen sollte. Irgendwie war in meinem Alltag voll von Stress, Lärm, Hektik, Druck und Anforderungen in den vergangenen Monaten kaum die Möglichkeit gewesen, mich mit Freunden zu treffen oder ins Fitnessstudio zu hetzen, wie sollte ich da auch noch Zeit finden, mir über mein Leben Gedanken zu machen? Ich kam mir vor wie ein Artist im Zirkus, der wild die Bälle jonglierte, um bloß keinen aus der Hand zu verlieren.

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Mein Kopf dröhnte und diese bleierne Müdigkeit wollte sich einfach nicht mehr verziehen.

Trotzdem blieb mein Blick wie magisch an diesem Titelbild hängen und ich fragte mich „Wie geht es mir eigentlich?" Diese Frage war das mindeste, wenn ich schon nicht über mein ganzes Leben nachdenken wollte oder konnte, die ich mich zu stellen traute.

Ja, wie ging es mir? Ich fand meinen Chef gerade mal wieder schrecklich, meine Freundin redetet von nichts anderem, als ein Kind in diese Welt zu setzen und seit einiger Zeit fühlte ich mich jeden Morgen wie ausgebrannt.

Mein Kopf dröhnte und diese bleierne Müdigkeit wollte sich einfach nicht mehr verziehen. Ich fühlte mich unerfüllt und leer irgendwie. Zweifel machten sich breit. An meinem Job, an meiner Beziehung, an meinem Lebensplan und ich überlegte, was mir denn zum Glück fehlte? Wieso fühle ich mich so fremdbestimmt und was könnte ich ändern?

Die Berliner Strategieagentur „Diffferent" fand interessanterweise heraus, dass die größten Wünsche der Deutschen nichts Materielles beinhalten, an erster Stelle steht nämlich „mehr Zeit für sich haben".

In meinem Freundeskreis merkt man dies auch mehr als deutlich, alle schwärmen von einem Beruf, der ihnen mehr Freiheiten gibt, einer längeren Auszeit mit der Familie oder davon, lang gehegte Träume, wie ein eigenes Café, in die Tat umzusetzen.

Dabei steht, je länger ich darüber nachdachte und auf den Graffiti-Spruch starrte, im Vordergrund immer der Wunsch nach Selbstbestimmung. Ist es also das, was mir auch fehlte? Dass ich wieder der eigene Regisseur meines Lebens werde? Mir kein Chef vorschreiben kann, dass ich meinen lang geplanten Urlaub stornieren muss, weil eine Kollegin krank geworden ist, dass ich meiner Freundin ehrlich sagen sollte, dass ich aber noch keine Kinder möchte und dass ich mehr Zeit für mich bräuchte, um so unter anderem endlich wieder diesen Müdigkeitsmantel an den Haken hängen zu können?

Studien ergaben, dass viele danach streben, in der beruflichen Karriere und damit auch in einer gewissen finanziellen Unabhängigkeit ihre Sebstbestimmung zu finden. Doch, um es mit den Worten des Philosophen Jean-Jacques Rousseau zu sagen: „Die Freiheit des Menschen liegt nicht darin, dass er tun kann, was er will, sondern viel mehr darin, dass er nicht tun muss, was er nicht will"!

„Nein, ich muss jetzt gerade nicht funktionieren. Ich brauche eine Pause"

Und damit fängt es an, das gute Leben: wir sollten klare Grenzen ziehen und uns immer dessen bewusst sein, dass wir eine Wahl haben. Wir haben die Wahl auch mal sagen zu dürfen „nein, ich muss jetzt gerade nicht funktionieren. Ich brauche eine Pause". Wir haben die Wahl, unser Handy auszuschalten und nicht dauer-online zu sein. Wir haben die Wahl, unser Leben selber zu gestalten, wie ein Bild, das wir malen und nein, unser Lebenslauf muss dabei nicht immer gradlinig sein. Wir haben die Wahl.

Ich möchte das schöne Leben. Und ich möchte mir Zeit nehmen, um wieder Freunde zu treffen, um zum Sport zu gehen und um klare Grenzen zu ziehen, ohne egoistisch zu sein, aber eben auch, ohne all zu viele Kompromisse machen zu müssen. Ja, das möchte ich. Einfach wieder selbstbestimmter sein. Ich habe ja schließlich die Wahl.

* Blogger-Essay - den Artikel „Vom Glück der Selbstbestimmung" gibt es in der ma vie, Ausgabe November/Dezember 2015 ab S. 18

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Mehr Dinge, die glücklich machen, gibt es hier.

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