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05/12/2014 08:08 CET | Aktualisiert 17/06/2015 07:12 CEST

Kinder mit starkem Willen sind ein Segen und kein Fluch

Lynnette Shepphard

Als meine Kinder klein waren, fragte ich mich manchmal, was ich falsch gemacht hatte: Jedes Kind, das in unsere Familie geboren wurde, hatte eine ordentliche Portion "starken Willen".

Ich beobachtete sehnsüchtig andere Familien, deren Kinder so sanftmütig zu sein schienen und so leicht glücklich gemacht werden konnten.

Meine Kinder dagegen waren "lebhaft". Oft gehorchten sie mir nicht. Sie stellten meine Geduld dauernd auf die Probe.

Entweder die Dinge liefen nach ihrem Willen oder es gab Ärger -- zumindest viel Geschrei und anderes Theater. Ich fragte mich langsam, ob ein starker Willen genetisch bedingt war.

Eines Sonntags stand ich mit einem besonders aufgedrehten Andrew in der Vorhalle der Kirche. Er war damals etwa drei Jahre alt. Während er schrie, kam eine nette ältere Dame zu mir und sagte: "Ihre Kinder sind so süß."

Ich schaute herab auf mein schreiendes Kleinkind und fragte mich, ob sie mich mit jemandem verwechselte.

"Sie haben Courage", sagte sie. "Das bedeutet, dass sie später einmal große Dinge erreichen werden."

Ich sagte ihr, dass ich hoffte, dass sie recht behalten würde und sie versicherte mir, dass es so kommen würde. Ganz ehrlich, ich war erstaunt von ihrem Timing. Sie hatte mich Woche für Woche in die Kirche kommen sehen und sie bemerkte, wie ich mich mit meinen wilden Kindern abmühte.

Sie wusste, dass ich mehr Zeit damit verbrachte, herumzulaufen, um meine Kinder ruhig zu halten, als tatsächlich in den Kirchen-Treffen zu sitzen.

Ich verstand nicht, warum sie genau diesen Moment auswählte, als meine Geduld am Ende war und mein Kind herumschrie. Und gerade dann sagte sie mir, dass meine Kinder großes Potential hatten.

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Ich verstand, dass sie keine gewöhnliche Frau war. Sie war eine Frau, die jeder bewunderte. Sie hatte allein fünf Kinder großgezogen.

Sie war ruhig, aber wenn sie sprach, hörten die Leute zu, weil sie die Personifizierung der Weisheit war. Ich wollte genau wie sie sein. Und da stand sie und sagte mir, dass mit meinen Kindern alles gut werden würde, obwohl ich in dem Moment total überfordert war.

Wusste sie von dem inneren Kampf, den ich oft führte -- als ich mich fragte, warum ich überhaupt versuchte, in die Kirche zu gehen -- und mich fragte, was ich den Kleinen überhaupt beibringen konnte? Ich wollte ihr so gern glauben. Aber wie konnte sie so sicher sein? Sie kannte MEINE Kinder doch gar nicht.

Als ich später über ihre Worte nachdachte, füllte sich mein Herz mit Hoffnung. Obwohl ich kämpfte, musste ich einfach glauben, dass sie etwas wusste, das ich nicht wusste.

Ich glaube, sie wusste VIELE Dinge, die ich nicht wusste. Und vielleicht... nur vielleicht... war sie die Antwort auf meine Gebete --- jemand, der mir auf liebevolle Art versicherte, dass dieses Stadium in meinem Leben nicht für immer dauer würde und dass meine scheinbar unmöglichen Kinder einen starken Willen haben, weil sie ihn BRAUCHEN, um großartige Dinge im Leben zu erreichen. Ich fand darin Trost.

Ich habe seitdem oft an diesen Moment zurückgedacht. Ich habe über ihre Worte nachgedacht, als ich viele schwierige Phasen mit meinen Kindern durchmachte.

Ich habe an sie gedacht, als ich sah, wie die schwierigen Phasen vergingen und zu schönen Momenten des Verständnisses und des Wachstums wurden.

Ich habe an sie gedacht, als ich Zeuge wurde, wie unvernünftige Kinder zu aufmerksamen und motivierten Teenagern wurden, deren starker Wille nun ihren Charakter prägt. Auf eine Weise, die sie und andere stärker macht.

Ich habe jetzt keine Zweifel mehr daran, dass diese liebenswürdige Frau wusste, wovon sie an jedem Tag vor so vielen Jahren sprach. Sie wusste, dass ein starker Wille bei einem Kind nichts ist, wovor man sich fürchten sollte. Es ist ein SEGEN.

Natürlich brauchen solche Kinder Führung. Sie brauchen besonders viel Geduld. Sie brauchen starke Vorbilder (Eltern), die sie sanft aber bestimmt daran erinnern, dass sie noch viel lernen müssen - dass ihr Weg nicht immer der beste Weg ist.

Sie brauchen Eltern, die ihnen beibringen, ihren starken Willen für sinnvolle Zwecke einzusetzen, was manchmal ganz schön entmutigend sein kann.

Es gab Zeiten, in denen ich mir vorkam, als würde ich auf eine Mauer einreden.

Es gab Zeiten, in denen ich mich fühlte, als würde es rückwärts statt vorwärts gehen. Es gab Zeiten, in denen ich meine Hände verzweifelt über dem Kopf zusammenschlagen und schreien wollte. Und es gab Zeiten, in denen ich genau das tat.

Aber genauso gab es Momente, in denen ich mich wie der Schüler fühlte und nicht wie der Lehrer. Es gab Momente, in denen ich mich zurücklehnte und zusah, fasziniert von dem Ehrgeiz und der Überzeugung, die von genau diesen Kindern ausgingen.

In jenen Momenten sah ich kleine Ausblicke auf die Größe, die in ihnen steckte. Jene Größe, die immer noch dabei ist, sich zu entfalten.

Mein ältestes Kind ist erst 15. Ich weiß also, dass ich noch viel lernen muss und noch Jahre vergehen werden, bis ich das ganze Ergebnis meiner Arbeit sehen werde. Ich weiß, dass es keine Garantien gibt, trotz meiner Anstrengungen.

Dennoch vertraue ich inzwischen den Worten meiner älteren Freundin, deren Wissen und Weisheit meine Erkenntnis weit übertroffen haben. Sie machen mir in harten Zeiten Mut.

Vielleicht ziehen auch Sie aus ihren Worten Kraft. Hoffentlich können Sie darin Halt finden, wenn sie den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr sehen können. Wenn Sie sich fragen, ob die Verwandlung von der Raupe zum Schmetterling jemals passieren wird.

Hoffentlich können Sie sich auf die Worte besinnen, wenn Ihre Geduld wieder auf eine harte Probe gestellt wird und wenn Sie das Gefühl haben, dass Sie an einem weiteren Tag voller Frust zerbrechen werden.

Vertrauen Sie meiner weisen, älteren Freundin. Sie weiß es.

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Dieser Beitrag erschien ursprünglich bei Simply For Real.

Video: Wie lässt sich dieses schreiende Baby beruhigen? Die Antwort ist so einfach

Dieser Beitrag erschien bei der Huffington Post USA und wurde aus dem Englischen übersetzt.


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