BLOG
04/12/2016 10:15 CET | Aktualisiert 05/12/2017 06:12 CET

HIV und extreme Armut - ein Teufelskreis den wir durchbrechen müssen!

BigFive Images via Getty Images

Insgesamt leben 36,7 Millionen HIV-positive Menschen auf der Welt. Davon sind 1,8 Millionen Kinder, 3,9 Millionen junge Erwachsene und 17,8 Millionen Frauen. Fast 70% dieser vom HI-Virus betroffenen Menschen leben in Subsahara-Afrika (Stand 2015).

Das ist die Region der Erde, in der auch extreme Armut besonders verbreitet ist. Bei genauerem Hinsehen offenbart sich ein Teufelskreis aus materieller Armut, mangelnder Bildung und der Gefahr an Aids zu erkranken. Nur wenn wir jetzt entschlossen handeln, können wir ihn durchbrechen.

Doch der Kampf gegen HIV/Aids stagniert seit einigen Jahren. Es ist jetzt an der Zeit, die Krankheit mit neuem politischen Willen und mehr Ressourcen stärker als je zuvor zu bekämpfen - wenn wir sie beenden wollen.

Ich war dreizehn, als meine Mutter mir das erste Mal von „Kinderfamilien" erzählte. Sie war gerade von einem Dokumentarfilmdreh aus Südafrika zurückgekehrt, wo sie sich mit den Auswirkungen von HIV/Aids auf die Gesellschaft und die Familien beschäftigt hatte. „Kinderfamilien", so werden Familien genannt, bei denen beide Elternteile gestorben sind und die Kinder allein aufwachsen", erklärte mir meine Mutter damals.

Oft kümmern sich die großen Geschwister um die jüngeren Kinder und gehen arbeiten, anstatt zur Schule. In vielen Fällen haben die Kinder ihre Eltern durch HIV/Aids verloren und sind oftmals selbst HIV-positiv. Meist leben sie in extremer Armut, das bedeutet sie leben von weniger als 1,90 US$ am Tag. Sie können es sich nicht leisten, zur Schule zu gehen - in mehr als einer Hinsicht.

Zum einen fehlt das Geld für die Uniform, das Material, den Zuschuss, den manche Länder verlangen. Auf der anderen Seite benötigen sie die Zeit zum Arbeiten, um ihre Familie zu ernähren. In vielen Teilen südlich der Sahara hat das HI-Virus eine wirtschaftlich wichtige Gesellschaftsschicht zerstört - die Erwachsenen.

Die Erwachsenen, die Felder bestellen, Kinder großziehen, die Familie ernähren und arbeiten gehen und so die Wirtschaft am Laufen halten. Dadurch wurde nicht nur die Gesellschaft, sondern auch die Wirtschaft nachhaltig geschädigt. Oftmals müssen sich Mädchen prostituieren, um Geld zu verdienen. Dadurch sind sie i.d.R. Geschlechtsverkehr mit älteren Männern und ohne Verhütung ausgesetzt. Dies erhöht die Gefahr einer Ansteckung immens.

Extreme Armut und die HIV/Aids-Pandemie hängen eng miteinander zusammen. Wo die ökonomischen Mittel fehlen, das unmittelbare Überleben zu sichern, ist die Hemmschwelle zur Prostitution deutlich geringer. Denn wer macht sich Gedanken über einen in einigen Jahren tödlich endenden Virus, wenn das Wichtigste erst mal ist, die Familie satt zu kriegen.

Bildung schützt vor HIV

Wir wissen mittlerweile, dass Bildung und Aufklärung ein wichtigster Schutz gegen eine HIV-Infektion sind. Je länger ein Mensch zur Schule geht, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit ein Kondom zu benutzen. Insbesondere Frauen werden durch mehr Bildung in eine bessere Lage versetzt Verhütung mit einem Kondom einzufordern.

Aufklärung muss groß geschrieben werden. Es ist wichtig, dass sich möglichst viele Menschen dem Risiko und der Möglichkeit einer Ansteckung bewusst sind und wissen, wie sie sich davor schützen können. Es ist also umso wichtiger einen Zugang zu guter Bildung und Aufklärung für alle Kinder sicherzustellen, um die Gefahren einer Ansteckung auch für die ärmsten Kinder zu verringern.

Behandlung als Prävention

Eine weitere wichtige Maßnahme im Kampf gegen HIV/Aids ist die Ausweitung der Behandlung. Noch immer haben nicht alle infizierten Menschen Zugang zu einer lebenswichtigen Antiretroviralen Therapie (ART). Diese Therapie verhindert die Ausbreitung des Virus im Idealfall soweit, dass die Viren kaum noch im Blut nachgewiesen werden können, und die Menschen trotz der Erkrankung überleben und weiterhin ein vergleichsweise beschwerdefreies Leben führen können.

Erhält eine schwangere HIV-positive Frau diese Medikamente, kann auch das Risiko einer Übertragung von der Mutter auf ihr Kind während der Geburt minimiert werden. Die Behandlung mit ART ist nicht nur eine lebensnotwendige Maßnahme für die Betroffenen, sondern auch eine effektive Prävention.

Der Kampf gegen HIV/Aids stagniert

Doch in den letzten Jahren hat der Ehrgeiz der internationalen Gemeinschaft Aids zu beenden gelitten. HIV/Aids ist nach wie vor ein ernstzunehmendes und verbreitetes Problem. Doch der aktuelle Aids-Report von ONE „Im Leerlauf verfangen" und die aktuellen Zahlen von UNAIDS zeigen, dass es im letzten Jahr kaum Fortschritte im Kampf gegen die Epidemie gegeben hat.

Die Neuinfektionen stagnieren seit einigen Jahren bei 2,1 Millionen im Jahr anstatt, wie angestrebt, zurückzugehen. So lässt sich das Ziel, die Neuinfektionen von jungen Mädchen und Frauen von 390.000 (Stand 2015) auf 100.000 pro Jahr zu senken, nicht erreichen, sondern wird laut Berechnungen von ONE 2020 immer noch bei ca. 364.000 liegen.

Die Zahl der neu in Behandlung aufgenommenen Menschen stagniert ebenfalls: Laut ONE haben das dritte Jahr in Folge zwei Millionen Menschen mehr Zugang zu dieser Behandlung erhalten. Insgesamt sind ca. 18,2 Millionen Menschen in Behandlung.

Die demografische Entwicklung könnte Erfolge zunichte machen

ONE warnt sogar, dass wir Gefahr laufen, den Status Quo zu verlieren und einen Anstieg der Infektionsrate zu riskieren. Die aktuell bereitgestellten finanziellen Mittel stehen in keinem Verhältnis zum erwarteten Bevölkerungswachstum.

Die Zahl der jungen Menschen in Subsahara Afrika zwischen 15 und 24 Jahren, die besonders anfällig für eine Infektion sind, wird sich in den nächsten 20 Jahren verdoppeln. Doch anstatt dieser Herausforderung aktiv entgegenzutreten, stagniert der finanzielle Beitrag der Geberländer zur Aidsbekämpfung im vierten Jahr in Folge bei 19 Milliarden US-Dollar.

Bereits vor über 20 Jahren bezeichnete Der Spiegel HIV/Aids als „größtes Hemmnis für Entwicklung und Wachstum". Es hat große Erfolge bei der Aidsbekämpfung gegeben, doch seit einigen Jahren tritt die Weltgemeinschaft auf der Stelle. Wenn nicht mehr Ressourcen in den Kampf gegen HIV/Aids investiert werden, kann das Ziel der Vereinten Nationen, HIV/Aids bis zum Jahr 2030 zu beenden, nicht erreicht werden.

Die Weltgemeinschaft muss dafür sorgen, den Menschen, die besonders gefährdet sind, ein Umfeld zu schaffen, das es ihnen ermöglicht, sich zu bilden und individuell zu entwickeln, um den Teufelskreis durchbrechen zu können. Wir dürfen nicht zulassen, dass die hart erarbeiteten Erfolge der letzten 15 Jahre zunichte gemacht werden.

Auch auf HuffPost:

Leserumfrage: Wie fandet ihr uns heute?

2016-07-11-1468249306-1333267-umfrage.jpg

Hier geht es zur Umfrage.

Lesenswert:

Ihr habt auch ein spannendes Thema?

Die Huffington Post ist eine Debattenplattform für alle Perspektiven. Wenn ihr die Diskussion zu politischen oder gesellschaftlichen Themen vorantreiben wollt, schickt eure Idee an unser Blogteam unter blog@huffingtonpost.de.