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05/11/2014 12:15 CET | Aktualisiert 05/01/2015 06:12 CET

Angst im Management: So durchbrechen Sie das Tabu

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"Mut ist nicht, keine Angst zu haben, sondern die eigene Angst zu überwinden." Wie wahr, dieser Spruch - doch in Unternehmen, insbesondere im Management, scheint er nicht zu gelten. Angst gehört im Führungskräftebereich zu den großen Tabuthemen: Ein Manager, der Angst hat? No way! Manager müssen Stärke zeigen und dürfen keine Angst haben.

Dass dies eine geradezu gefährliche Einstellung ist, zeigt nicht zuletzt die Vielzahl an Burnout-Fällen im Management: Zum hohen Leistungsdruck gesellt sich der Druck, nach außen funktionieren zu müssen.

Die Wahrheit aber ist: Der vermeintliche Macher im Management ist häufig von Angst geplagt - und er leidet umso mehr, je weniger er diese Angst zeigen kann. So passiert es immer öfter, dass erfolgreiche Führungskräfte in ihrem Inneren todunglücklich sind und richtiggehend krank werden. Oder Projekte werden mit „sicherer Hand und voller Stärke" ohne der Beachtung von Warnsignalen an die Wand gefahren.

Nicht zuletzt vor dem Hintergrund solcher Worst-Cases wird es Zeit für eine neue Bewertung der Angst im Management: Der Heidelberger Psychotherapeut Hans Rudi Fischer liefert da einen guten Ansatz: Für ihn sind Ängste eine Quelle persönlichen Wachstums: Wenn wir die Angst zulassen und nicht bekämpfen, erkennen wir, dass sie einen Freiraum ermöglicht, den wir dringend brauchen, um herauszufinden, was wirklich los ist.

Bei Warnsignalen Tempo rausnehmen!

Nehmen Sie also die Angst als Hinweisschild - und das bereits bei kleinen Anlässen. Ich möchte mich selbst als Beispiel anführen: Ich mag meine Angst, sofern sie mir in Krisenzeiten nicht gerade die Kehle zudrückt oder schlaflose Nächte bereitet. Im Rückblick steht für mich fest: Ich hätte öfter auf meine Angst hören müssen und gleichzeitig meinem Bauchgefühl vertrauen sollen.

Heute weiß ich: Wenn mir ein angehender Geschäftspartner in den ersten Sekunden unsympathisch ist, lasse ich meine Finger von ihm. Wie oft habe ich das ungute Bauchgefühl schon überhört und wollte unbedingt nur das Positive sehen. Wie oft habe ich mir schon gesagt, ich solle besser nicht auf meine "Vorurteile" hören, die innerlich in mir hochkamen - dabei waren das gar keine Vorurteile, sondern die besten Warnschilder meiner intuitiven Angst.

Mittlerweile achte ich auch auf die Signale meines Körpers. Warum fange ich mitten in einer Verhandlung massiv an zu schwitzen? Warum traue ich mich nicht, hier und jetzt meine Meinung deutlicher zu sagen? Wieso pocht mein Herz auf einmal schneller, als es sein müsste? Für mich steht fest: Bei diesen körperlichen Signalen handelt es sich um eine innere Stimme, die mich ganz konkret vor etwas warnt. Wenn ich heute Warnsignale erspüre, nehme ich sofort das Tempo raus.

Angstszenarien vom Ende her denken

Wichtig ist, sich mit seinen Ängsten zu beschäftigen, sich ihnen zu stellen und sie bezüglich der eigenen Ziele und Lebensentscheidungen angemessen einzuordnen. Nur dann ist es möglich, wieder unternehmerischen Mut zu entwickeln und entscheidungsfähig zu werden, statt bloß "zu funktionieren".

Sich seinen Ängsten zu stellen heißt dabei zunächst, sich die jeweilige Angst einzugestehen und sie zu akzeptieren. Um dies sich selbst leichter zu machen, ist der Gedanke hilfreich, dass Ängste etwas Normales sind - und etwas Positives bergen: Sie können uns nämlich vor Fehlentscheidungen schützen. Wichtig darüber hinaus: die Angst zu adressieren, sie genau benennen zu können.

Sonst bleibt sie zu abstrakt. Auch sollten Sie sich anschauen, wovor Sie Angst haben - um dann schließlich die Frage zu beantworten: Was kann eigentlich passieren? Wenn Sie die Angstszenarien vom Ende her denken, haben Sie die Chance, den Teufelskreis im Denken zu durchbrechen. Dabei sollten Sie auch das Scheitern einbeziehen. Damit geben Sie sich nämlich gleichzeitig die Erlaubnis, dass Sie scheitern dürfen.

Dass Scheitern als Option infrage kommen darf, ist enorm wichtig, wie ein Coaching eines Inhabers und Geschäftsführers zeigt: Er war vor Jahren mit seinem Betrieb in eine Schieflage geraten und kämpfte und kämpfte. Da "Scheitern" für ihn Tabu war, war seine GmbH in einer Krise schnell überschuldet, und dann kommt für Geschäftsführer die sogenannte Durchgriffshaftung zum Tragen: Wer nicht rechtzeitig eine Insolvenz anmeldet, haftet persönlich. Seine Freunde und Verwandten hatten ihm bereits Geld zugesteckt, die Banken signalisiert, dass von ihnen keine Hilfe zu erwarten war. Es gab also definitiv keine finanziellen Ressourcen mehr.

Im Coaching wollte er immer Lösungen, aber nach einiger Zeit redeten wir über das Thema "Scheitern erlaubt" und die praktischen Konsequenzen. Das Gespräch drehte sich um die Privatinsolvenz, Hartz IV und "die Schande". In dem Moment, als er das Scheitern akzeptiert hatte, entspannte sich sein ganzer Körper. Eine riesige Last fiel von ihm ab. Nun war der Weg frei, um sich in Ruhe die erforderlichen Maßnahmen zu überlegen. Er musste in die Insolvenz gehen, hat sich dann ein halbes Jahr Auszeit genommen, um innerlich wieder aufzutanken - und ließ sich währenddessen von seiner Frau und der Arbeitsagentur finanzieren. Das war nicht einfach. Hätte er aber das Scheitern nicht akzeptiert, wäre er wohlmöglich komplett zusammengebrochen.

Angstszenarien vom Ende her denken

Sie können den Teufelskreis der Angst in Ihrem Denken auch durchbrechen, indem Sie ganz bewusst an Situationen denken, die mit dem gleichen angstbesetzten Thema zu tun haben, und bei denen Ihre Befürchtungen eingetroffen sind. Als Zwanzigjähriger wollte ich unbedingt Straßenkünstler werden und mit Fackeln und dem Hochrad vor großen Menschenmengen auftreten. Allerdings gab es immer diese nagende Angst, sich richtig zu blamieren.

Ich habe es trotzdem gemacht: mich der Angst gestellt. Und prompt passierte der Gau: Als ich auf einer Hochzeitsfeier das erste Mal eine Hochrad-Show gab, riss meine Hose genau im Schritt. Unvorteilhaft, ich trug eine weiße Unterhose unter der schwarzen Anzugshose! Ein Gast rief: "Die Hose ist offen". Ich konterte: "Ach, das fällt kaum auf" - und hatte die Lacher auf meiner Seite.

Manchmal, wenn ich merke, dass wieder die Angst vor einer Blamage in bestimmten Situationen in mir auftaucht, führe ich mir diese Geschichte vor mein geistiges Auge. Schlimmer kann es nicht werden, und auch das habe ich überlebt. Sprich: Ich habe die Panne gemeistert. Ich weiß also, dass es mir gelingen kann, die Angst einer gewissen Menschenfurcht zu besiegen, es liegt ein konkretes Beispiel dazu vor.

Es wird auch Ihnen in kritischen Situationen helfen, sich ein passendes durchlebtes Beispiel zu vergegenwärtigen. Damit zeigen Sie Ihrer Angst die Rote Karte. Doch um diese "Technik" anwenden zu können, ist es wichtig, dass Sie zuvor einmal ins Handeln gekommen sind. Sich immer wieder Situationen auszusetzen, vor denen man sich fürchtet - sie aber meistern kann -, ist ohnehin die praktischste Medizin gegen die Angst. Begegnen Sie also Ihrer Angst mit Taten!