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20/06/2015 07:15 CEST | Aktualisiert 20/06/2016 07:12 CEST

Was sich alleinerziehende Mütter leisten ist wirklich unglaublich. Über die Legende des Mutterhasses

Prinzipiell finde ich es als alleinerziehender Vater ja auch durchaus lobenswert, wenn man mal die Leistungen von jenen Alleinerziehenden lobt, die ihren Job gut machen und selbstbewusste, lebens- und beziehungsfähige Menschen in die Welt schicken. Aber...

FotoimperiyA via Getty Images

Liebe Frau Hoffmann,

Sie sahen sich heute zur Klage genötigt. Ein Vater übte Kritik an diesem Artikel. Ihr Klagelied enttäuscht mich ein wenig, weil es durchaus die hochgelobte weibliche Empathie missen lässt. Natürlich kann das Video, auf welches der Artikel verlinkt, als Wertschätzung für die Leistung alleinerziehender Mütter gesehen werden. Prinzipiell finde ich es als alleinerziehender Vater ja auch durchaus lobenswert, wenn man mal die Leistungen von jenen Alleinerziehenden lobt, die ihren Job gut machen und selbstbewusste, lebens- und beziehungsfähige Menschen in die Welt schicken. Gerade der erste Satz

„mein Vater starb, als ich drei war"
legt ja die Vermutung nahe, dass es sich hierbei durchaus auch um unfreiwillig alleinerziehende Mütter handelt, die aus der Notsituation heraus das Beste gemacht haben. Aber zugegeben, mir von meinen Kindern zum Muttertag gratulieren zu lassen, würde ich dann doch eher als angebrachte Herabwürdigung ihrer Mutter empfinden, selbst wenn diese nicht mehr unter uns weilen würde. Sie unterstellen dem Kritiker Mutterhass wenn er schreibt
"Euer Beitrag über alleinerziehende Mütter ist ein Schlag ins Gesicht jeden Vaters! Hier wird propagiert, ein Kind braucht nur eine Mutter und keinen Vater!"
Sie schreiben u.a.
Wieso liebe Worte über Mütter eine Beleidigung für Väter sein sollen, ist mir ein Rätsel.

Ich will Ihnen gerne helfen, das Rätsel zu lösen:

Selbstverständlich ist es möglich, für ein fünf Minuten-Video aus einem Pool von mehreren Millionen (Ex-)Kindern von alleinerziehenden Müttern fünf oder sechs zu finden, die rührende Dinge über ihre aufopferungsbereite Mutter sagen (die Oscarrede von Jered Leto hätte hier ja auch wunderbar hingepasst).

 

Niemand würde bezweifeln, dass es solche Kinder gibt.

Ebenso wird hoffentlich niemand bestreiten, dass es solch lobenswerte alleinerziehende Eltern gibt.

Und noch weniger würde vermutlich jemand bestreiten, dass es auch manchmal nicht anders geht, als ein Kind alleinerziehend durchzubringen.

Und nicht nur als Eigenlob sage ich, dass aus Kindern die so ins Leben geschickt werden, durchaus tolle Menschen werden können.

Der Kritiker, liebe Frau Hoffman, bestreitet das auch nicht. Er bestreitet nur, dass die in dem Video beschriebenen Mütter gute Beispiele sind, um die voreilige Verallgemeinerung zu rechtfertigen, welche der Autor des Artikels mit seinem Titel, dem Begleittext betreibt. Wenn man ein Video unter dem Titel „Die bewegende Wahrheit über alleinerziehende Mütter" veröffentlicht, dann kehrt er leider unter den Teppich, dass ein Video mit dem Titel „Wahrheit über alleinerziehende Mütter" genauso von den willentlichen Alleinerziehenden berichten müsste, die sich mit Händen und Füßen dagegen wehren, dass der Vater Anteil an der Entwicklung des Kindes teil hat.

Jene, die in ihren Blogs mit Slogans wie „Alleinerziehend ist das neue Verheiratet" die soziale Problemlage von 40% der an der Armutsgrenze lebenden Müttern und ihren Kindern zum Lifestyle-Event erklären. Jene Frauen, die vor Gericht lieber Missbrauchs- und Gewaltvorwurfe erfinden, als den Vater via gemeinsamen Sorgerechtes oder gleichberechtigten Umgang am Leben des Kindes teilzuhaben zu lassen und mehr zu sein, als ein Eintrag auf ihrem Kontoauszug.

Diese „Cry Wolf"-Mütter sind dafür verantwortlich, wenn Richter heute bei mütterlichen Mißbrauchsvorwürfen die Ohren zumachen, wie mein Neufundländerrüde, wenn er eine läufige Hündin sieht.

Zu oft waren diese Vorwürfe haltlos und vermutlich hat es sich inzwischen doch bis zu den Jugendämtern herumgesprochen, das der Mißbrauchsvorwurf lange Zeit in Mütterlobbykreisen als gutes Mittel propagiert wurde, um den Zustand des Alleinerziehens zu erzwingen, egal ob das Kind den anderen Elternteil vermisste oder ob er eigentlich ein ganz netter Kerl war.

Solchen Müttern scheint es auch nicht darum zu gehen aus der finanziellen und für das Kind auch durchaus auch emotionalen Problemsituation „Vaterlos zu sein" das Beste zu machen, sondern ohne Rücksicht auf die UN-Kinderrechtskonvention Ihr Ding durchzuziehen. Deren Paragraph sieben sagt sehr schön geschlechtsneutral:

Artikel 7 (1) Das Kind ... hat ... soweit möglich das Recht, seine Eltern zu kennen und von ihnen betreut zu werden.

Unter der Überschrift "Die bewegende Wahrheit über alleinerziehende Mütter" werden solche Mütter leider mit der tollen Mutter von Jared Leto in einen Topf geworfen, und genau darüber beklagt sich der Kritiker.

Sie unterstellen dem Kritiker Mutterhass, was schon in der Pauschalität bemerkenswert ist, denn natürlich hat der Autor an keiner Stelle seiner Kritik generellen Hass auf Mütter durchblicken lassen. Er kritisiert eine ganz spezielle Muttergruppe:

Wir wollen mal nicht vergessen, der Großteil der Fälle von PAS und Kindesentzug wird gegenüber der Mutter gegen den Vater betrieben - und das gegen das Recht des Kindes auf BEIDE Elternteile! Aber das beleuchtet Ihr nicht!

Männer sind zugegebenermaßen leider etwas empfindlich auf diesem Ohr, weil sie erst mal 40 Jahre kämpfen mussten, um vom EuGh das Recht zu erstreiten, auch ohne Zustimmung der Mutter mehr als nur Unterhaltszahler zu sein. Deshalb findet ein Artikel mit so einer Überschrift vermutlich bei entsorgten Vätern so wenig Gegenliebe, weil der Vater hier wie schon in den vergangen vierzig Jahren als samengebendes, aber sonst nicht notwendiges Anhängsel rüberkommt.

Ich versuche einmal, Ihrer Empathie für solche betroffenen Väter auf die Sprünge zu helfen:

Vielleicht versuchen Sie sich mal einen Werbefilm vorzustellen, in dem Mitarbeiter von verschiedenen Dax-Unternehmen ihren männlichen Vorständen und Unternehmensgründern danken, dass sie die Firma durch schwierige Wirtschaftslagen geführt haben, dass sie dafür gesorgt haben, dass die MitarbeiterInnen ihre Familien finanzieren konnten, und regelmäßig Gehaltserhöhungen bekommen konnten. Sprich: Stellen Sie sich so einen Werbefilm vor, der unter dem Titel "Die rührende Wahrheit über mannliche Unternehmer" vor, wo ein Loblied auf die Herren der Wirtschaft gesunden wird und alle weiblichen Leistungserbringer unter den Tisch fallen gelassen werden.

Was glauben sie wäre die Reaktion der weiblichen Vorstandvorsitzenden oder jener Frauen, die durch unlautere Machenschaften und männliche Seilschaften an der „gläsernen Decke" gescheitert sind? Was glauben Sie, würden Sie von denen oder von Frau Schwarzer zu hören bekommen? Geht es dann auch um pauschalen Hass auf männliche "Jobcreator" oder um Kritik an einer völlig unreflektierten männlichen Nabelschau?

Es geht nicht darum, dass ein paar Kinder „Danke Mama." sagen, sondern darum, dass der Autor des verlinkenden Textes so tut, als wäre das für alle gleichermaßen angebracht, egal mit welchen Mitteln und mit welchen Konsequenzen sie alleinerziehend geworden sind.

Und was den Kritiker deutlich von den bindungsintoleranten Frauen der Mütterinitiative unterscheidet ist folgender Satz seiner Kritik:

„Ein Vater ist NICHT ersetzbar- genauso wie eine Mutter."

Ich wäre dankbar, wenn die Mütterinitiative und andere Mütterlobby-Vereinigungen eine solche gegenseitige Wertschätzung vom Stapel lassen würden, aber komischerweise sind es seltener die Väter die dem anderen Geschlecht die Erziehungsrelevanz absprechen wollen. Auch versuchen sie seltener mit erfundenen Gewaltvorwürfen den anderen Elternteil aus dem Leben der Kinder zu entfernen oder mit traurigen Einzelschicksalen pauschale Stimmung gegen das gesamte Geschlecht zu machen. Das ist leider eine Domäne solcher Mütter.

Und ganz ehrlich: Solche Mütter sollten sicherlich nicht Adressaten "Dieser Wahrheit über alleinerziehende Mütter" sein.

Und Birgit Na'amni bringt es in ihrem facebook Kommentar wunderbar auf den Punkt:
Birgit am Rande des Nervenzusammenbruchs. Jetzt haben sie es geschafft. MAMAS (ja, da steht Mamas) LEISTEN U N G L A U B L I C H E S. Das einzige, was hier unglaublich ist, ist der Begriff 'unglaublich.' Irgendwo habe ich gelernt, dass der Mensch für SONDEROPFER (so verstehe ich das 'unglaublich') zu entschädigen ist. Die Hälfte der Menschheit kann kein SONDERopfer erbringen. Wenn meine Tochter irgendwann demnächst vielleicht mal Kinder bekommt, werde ich ihr einen Altar errichten. Ich fasse es nicht. (Ich werde ihr natürlich sagen, dass sie mal schön den Ball flach halten und nicht in das Mainstreamhorn blasen soll.)
Vielleicht denken Sie das nächste mal darüber nach, bevor Sie 50% der Eltern unabhängig von ihrer tatsächlichen Leistung ein solches Denkmal errichten wollen.
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Rührend: So reagieren Männer, wenn Sie hören, dass sie Vater werden

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