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10/12/2016 09:36 CET | Aktualisiert 11/12/2017 06:12 CET

Beginnt endlich mit einer ehrlichen Debatte: 7 Forderungen für ein Update der Rente

Karl-Josef Hildenbrand/dpa

Wir sehen uns heute Veränderungen unserer Lebenswirklichkeit gegenüber, auf die unsere Rentenversicherung keine Antworten mehr bietet. Auf der einen Seite können wir erfreulicherweise feststellen, dass die Menschen immer älter werden und dabei fit bleiben. Gleichzeitig verändert sich auch unserer Arbeitswelt grundlegend.

Angetrieben durch die Digitalisierung und Globalisierung als Megatrend, arbeiten wir heute freier und flexibler als je zuvor.

Das heutige Rentensystem hat den Anschluss an diese Veränderungen verpasst und muss daher dringend überarbeitet werden.

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Die „Nahles-Reform" ist eher ein Rückschritt als Fortschritt und bringt das Rentensystem endgültig ins Wanken. Dabei schützt die angepriesene „Lebensleistungsrente" (dieses Wort hätte sich eine Werbeagentur nicht besser ausdenken können) die tatsächlichen Problemgruppen, wie Erwebsgeminderte und Langzeitarbeitlose nicht.

Hierfür werden Milliarden an Steuergeldern verwendet, die gerade nicht aus den Beiträgen zur Rentenkasse stammen. Ebenso schlimm ist jedoch, dass eine notwendige Debatte über die Zukunft der Rente durch teure Wahlgeschenke überdeckt wird.

Es muss daher unsere Aufgabe sein, eine Debatte zu beginnen, die zu einer Modernisierung der Rente führt, damit diese wieder schritthalten kann mit den Entwicklungen der Zukunft.

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7 Forderungen für eine generationengerechte Rente

1. Versicherungsfremde Leistungen müssen draußen bleiben

Grundpfeiler unserer Rente ist das gesetzliche Umlagesystem. Die arbeitende Generation zahlt in das System ein, aus dem die heutigen Rentner bezahlt werden, in dem Vertrauen, später eine äquivalente Rente zu beziehen.

Klar muss uns dabei sein, dass die Rente von heute immer erst verdient werden muss. Euphemismen wie „Mütterrente" oder „Lebensleistungsrente" täuschen darüber hinweg, dass einzelne Personengruppen bezuschusst werden, welche vorher nicht in diesem Maß eingezahlt haben. Letztlich handelt es sich somit um versicherungsfremde Leistungen, die als Wahlgeschenke an eine wichtige Zielgruppe der großen Koalition verteilt werden. Der Fehlbetrag der sich durch diese Wahlgeschenke im Rentensystem ergibt, muss im Ergebnis von den Steuerzahlern bezahlt werden.

Wenn schon höchst zweifelhafte Wahlgeschenke gemacht werden, darf dies nicht auf dem Rücken der Rentenkasse geschehen. Das schon heute instabile System kommt dabei nur noch mehr ins Wanken und schadet der Glaubwürdigkeit einer leistungsgerechten Rente.

2. Das Renteneintrittsalter muss sich an das durchschnittliche Lebensalter anpassen

Die Menschen werden immer älter. Das bedeutet auch, dass sie immer länger Rente beziehen können. Kamen vor 20 Jahren auf vier Erwerbstätige ein Rentner, sind es 2030 nur noch zwei. Dies liegt nicht nur daran, dass weniger Kinder geboren werden, sondern auch an dem Umstand, dass Menschen immer älter werden und somit auch länger Rente beziehen.

Klar ist angesichts dieser Zahlen, dass wenn bei gleichbleibender Rente die Dauer der Auszahlung steigt, entweder die Beiträge steigen oder aber die Dauer der Erwerbstätigkeit ausgedehnt werden muss.

Die Beitragshöhe hat dabei schon heute eine Schmerzgrenze erreicht. Fair ist es, das Renteneintrittsalter an die durchschnittliche Lebenserwartung zu koppeln. Die Rente mit 63 kann unter diesen Umständen keine vernünftige Lösung sein.

3. Flexibler Renteneintritt für individuelle Lebenspläne

Unsere Arbeitswelt wird immer flexibler und Lebenspläne immer individueller. Warum geben wir den Menschen nicht die Möglichkeit flexibel in den Ruhestand einzutreten?

Wer länger arbeiten möchte, soll dies auch tun dürfen. Wer früher in Rente will, dem soll das ebenfalls möglich sein. Einzige Voraussetzung: Die Rentenansprüche aus gesetzlicher, betrieblicher und privater Rentenversicherung liegen über dem Grundsicherungsniveau.

4. Stärkung der privaten Altersvorsorge durch Freibeträge die der Staat nicht abgreift

Die aktuell niedrigen Zinsen belasten die private Altersvorsorge erheblich. Der Staat, der Nutznießer der Niedrigzinspolitik ist, muss die Bürger stärken und zusätzliche Steuern- und Abgaben auf die private Altersvorsorge abschaffen, anstatt Zweifel an der notwendigen individuellen Altersvorsorge zu schüren.

5. Schuldenbremse 2.0 für eine echte Generationengerechtigkeit

Die Einführung der Schuldenbremse war ein wichtiger Schritt hin zu einer generationengerechten Politik. Sie ist das Versprechen, dass eine Generation nicht auf den Kosten der nächsten lebt.

Um Ausgaben und Wahlgeschenke, wie etwa Lebensleistuns- und Mütterrente im Steuerhaushalt abzubilden, müssen auch die sozialen Sicherungssysteme miteinbezogen werden. Nur so wird deutlich, dass diese letztlich aus Steuereinnahmen bezahlt werden.

6. Bewusstsein schärfen - Eigenverantwortung stärken

Damit individuelle Altersvorsorge gelingen kann, müssen Beitragszahler von heute wissen, was sie am Ende rausbekommen. Die Rente der Zukunft wird aus verschiedenen Bausteinen der gesetzlichen, betrieblichen und privaten Altersvorsorge bestehen.

Nur wer darüber einen Überblick hat, kann richtig vorsorgen. Warum schaffen wir also nicht ein Onlineportal, in dem Beitragszahler Informationen über ihre zu erwartende Rente erhalten. Nur wer weiß, was er bekommt, kann frühzeitig vorsorgen.

7. Ehrliche Debatte!

Es wurde lange genug so getan, als wäre die Rente sicher. Wenn es so viele Rentenempfänger gibt wie nie zu vor und gleichzeitig immer weniger Menschen einzahlen, liegt es auf der Hand, dass wir unser Rentensystem erneuern müssen!

Wer unter diesen Umständen immer noch behauptet, wir könnten einfach so weitermachen, führt eine unehrliche Debatte.

Unser Rentensystem braucht im Interesse aller Generationen dringend ein Update, um es für die Zukunft zu rüsten. Das ständige Beschwichtigen verschleppt notwendige Reformen. Wer echte Reformen will, muss beginnen, die Rentendebatte ehrlich zu führen. Dabei darf nicht eine Generation gegen die andere ausgespielt werden.

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