BLOG
25/01/2016 08:43 CET | Aktualisiert 25/01/2017 06:12 CET

Wie die Schulen beim Thema gesunde Ernährung versagen

Getty

Fast Food steht für schlechtes Essen: fix und fertig gekauft, eilig verzehrt, ohne Sinn und Verstand, irgendwo zwischendurch, dazu noch zu kalorienreich und überladen mit Zusatzstoffen und künstlichen Aromen. Reich an Fett, Zucker und Salz bedient es im Handumdrehen unsere einfachsten Bedürfnisse und kann fast süchtig machen. ‚Junk Food' wird es deshalb auch genannt. Damit ist Fast Food zu einem Symbol moderner Kulturkritik an einer hektischen, schädigenden Welt geworden, die die Körper immer kränker macht.

2015-11-12-1447332656-6784274-Facebook2.jpg

So problematisch Fast Food scheint, so sehr steht es im Zentrum der Präventionsdebatten, vor allem, wenn es um Kinder geht. Es wird gefordert, Fast Food aus dem Kinderleben zu verbannen und stattdessen den Verzehr von Obst, Gemüse und Vollkorn zu kultivieren. In einer offenen, kapitalistischen Gesellschaft, in der Profit keine Moral hat und auch Kinder als Marktakteure betrachtet werden, lässt sich das kaum realisieren. In der Schule jedoch sieht das anders aus.

Sie hat einen staatlichen Bildungsauftrag zu erfüllen und kann deshalb gezielt steuern, was in ihren Räumen stattfinden soll und was nicht. Das betrifft auch das Essen. Zudem sind hier alle jungen Menschen versammelt und damit präventionspädagogisch optimal erreichbar.

So kann es nicht verwundern, dass bei den Bemühungen um die Eindämmung von Fast Food die Schule besondere Prominenz erfährt. Da wird dann ein Verkaufsverbot für Snacks und Süßigkeiten in Schulen oder gar eine Fast-Food-freie Zone um Schulen propagiert.

Dies mag populär scheinen. Doch erinnert sei hier an die öffentlichkeitswirksame Kampagne ‚Feed me better' des Starkochs Jamie Oliver in den britischen Schulkantinen im Jahr 2004, deren Ziel es war, statt Pommes, Hamburger und Fischstäbchen jetzt frisch und gesund zu kochen. Ergebnis war, dass die Küchenkräfte kollabierten, das Essen nicht rechtzeitig fertig war, empörte Mütter ihren Kindern Essen (oft Snacks und Fast Food) auf den Schulhof brachten und die Nutzungszahlen sanken.

Olivers Initiative scheiterte nicht nur, weil die für seine Küche erforderlichen personellen, finanziellen und logistischen Ressourcen nicht gegeben waren, sondern auch, weil sie top-down paternalistisch daherkam und eine ordentliche Portion ‚Klassen-Arroganz' in sich trug: ‚Gute` Küche sollte gegen die Junk-Food-Consumer durchgesetzt werden, die aber aufbegehrten. Ein Fast-Food-Tabu in Schulen ist also sozial brisant.

Dennoch macht es Sinn darüber nachzudenken, was junge Menschen in der Schule essen, so wie es Sinn macht darüber nachzudenken, welchen Unterricht sie erhalten. Dabei muss erstaunen, dass trotz der Einigkeit über die Schädlichkeit von Fast Food genau dieses in Schulen dann praktisch dominiert. Es wird nur nicht so genannt.

Zwar haben McDonald's, KFC, Pizza-Hut und Co. nicht die Schulkantinen übernommen, doch viele von diesen funktionieren nach der Wirtschaftslogik genau solcher gastronomischen Konzerne.

Die Speiseproduktion ist ausgelagert, zentralisiert, hochindustriell organisiert und setzt primär auf Profitabilität, nicht auf ethische Werte. Die Speisenverteilung vollzieht sich ‚am Fließband': Tablett nehmen, Besteck darauf, einreihen in die Warteschlange, vorrücken, gefüllten Teller in Empfang nehmen, Sitzplatz suchen und dann zügig essen.

Die Speisegabe selbst ist eine beziehungslose, abstrakte Ware. Es gibt keine Kommunikation zwischen Konsumierenden und Produzierenden. Wer, wo, wie Lebensmittel und Speisen erzeugt hat, wissen die Essenden nicht. Wie das Essen den Konsumierenden schmeckt, erfahren die Produzierenden umgekehrt auch nicht.

Dieser Verpflegungsalltag muss verwundern angesichts der Klagen über die schlechte Essenskultur von Kindern und Jugendlichen und der zahlreichen Maßnahmen zur Ernährungsbildung. Während auf der einen Seite viel dafür getan wird, Wissen zum gesunden und verantwortungsvollen Konsum und Kochhandwerk zu vermitteln, bleibt auf der anderen Seite das Schulessen davon relativ unberührt.

Man könnte es sogar zuspitzen: Das Schulessen konterkariert insofern diese hehren Anliegen, als es selbst nicht ernst macht mit ihnen, sondern an der ‚nutritiven Verdummung' junger Menschen mitbaut.

Schülerinnen und Schüler erleben nicht eine schulische Versorgung, die das realisiert, was sie in den Programmen der Ernährungsbildung lernen - nämlich frische Küche ohne geschmacksverwirrende Zusatzstoffe, sozial, ethisch und ökologisch anständiger Lebensmittelkonsum, Vermeidung und Wiederverwertung von Lebensmittelresten, selbst Hand anlegen, Genuss schaffen und die Mahlzeit zu einem Wohlfühlort machen. Stattdessen müssen sie nehmen, was kommt - eine Küche, die vor allem zwei Kriterien folgt: Preis und Praktikabilität.

Weder die Schule, noch sich selbst können junge Menschen also als verantwortungsvoller Verbraucher beim Essen in der Schule erleben. Aber draußen in ihrem späteren Leben sollen sie dies genau sein - eine von so vielen pädagogischen Paradoxien.

Prävention sollte nicht mehr klagen, dass Familien als Ernährungserzieher versagen, sondern sich dort kümmern, wo der Staat selbst nährt. Das tut er in Schulen, aber auch in anderen pädagogischen Einrichtungen. Dort muss er genau jene Essenskultur zum Alltag machen, zu der Kinder und Jugendliche animiert werden sollen. Doch so lange Schulessen von Eltern gekauft werden muss, wie derzeit der Fall, sind solchen Vorhaben Grenzen gesetzt. Denn natürlich wollen diese möglichst wenig bezahlen. Das kann man ihnen kaum ankreiden.

Ankreiden lässt sich aber, dass der Staat als ‚öffentlicher Nährer' sich momentan nicht anders verhält. Wenn junge Menschen anständiges Essen erleben sollen, dann gibt es nur eine Lösung: Die Schule schafft dieses Essen, die öffentliche Hand übernimmt die notwendigen Kosten. Sie würde damit als ‚Leuchtturm' demonstrieren, dass sie weiß, dass eine faire, nachhaltige und gesunde Ernährungsweise ihren Preis haben muss, und dass sie dazu bereit ist.

Aber wenn wir soweit wären, dann ginge wohl erst die eigentliche Arbeit los: die Verständigung dazu, was nun eigentlich eine gute Ernährungsweise ist. Der Teufel steckt im Detail, und viele Interessensgruppen kochen hier ihre eigenen Suppen.

Video: Blick in die Fast Food Küche

Wenn Sie dieses Video sehen, essen Sie nie wieder Burger bei McDonald's

Lesenswert:

Ihr habt auch ein spannendes Thema?

Die Huffington Post ist eine Debattenplattform für alle Perspektiven. Wenn ihr die Diskussion zu politischen oder gesellschaftlichen Themen vorantreiben wollt, schickt eure Idee an unser Blogteam unter

blog@huffingtonpost.de.