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07/07/2015 10:30 CEST | Aktualisiert 07/07/2016 07:12 CEST

Der Klimawandel ist ein spirituelles Problem

thinkstock

"Die ökologische Krise ist im Wesentlichen ein spirituelles Problem." Diese Worte, gesprochen von einem orthodoxen Theologen, Metropolitan John Zizioulas, bei der Vatikan-Konferenz über die päpstliche Enzyklika, sind zutiefst bedeutsam. Der Veröffentlichung der Enzyklika folgte bald eine neue Studie, die bestätigte, dass die Erde jetzt in eine neue Phase des Aussterbens getreten ist, das Ereignis ihres sechsten großen Massensterbens.

Unsere gegenwärtige Umweltkrise ist die dringendste Sorge der Welt, und doch hat diese Diskussion bisher vornehmlich in der Arena von Wissenschaft, Politik und Wirtschaft stattgefunden. Die Wissenschaft kann uns die physischen Symptome eines tiefen globalen Ungleichgewichts zeigen, einer Zivilisation, die nicht länger nachhaltig ist, und ökonomische Modelle veranschaulichen, wie schmerzlich sich dies auf die Ärmsten unter uns auswirkt.

Doch Papst Franziskus' Enzyklika zum Klimawandel und die Vatikankonferenz von dieser Woche verlagern dieses äußerst lebenswichtige Thema tiefgründig auf einen moralischen und spirituellen Boden. Er verbindet wieder das Wohlergehen der Erde mit dem Wohlergehen unserer Seele, die Sorge für die Erde mit der Sorge für die Seele. Er weist darauf hin, dass Technologie, oft als die einzige Lösung angeboten, sich als unfähig erweist, "das Geheimnis der vielfältigen Beziehungen zu sehen, die zwischen den Dingen bestehen, und löst deshalb manchmal ein Problem, indem sie andere schafft."

Und an anderer Stelle fügt er die treffende Aussage hinzu: "Die Welt ist mehr als ein zu lösendes Problem, sie ist ein freudiges Geheimnis, das wir mit frohem Lob betrachten."

Die Bedeutung dieser Wiederausrichtung kann nicht genug betont werden. In den letzten zehn Jahren habe ich die dringende Notwendigkeit einer spirituellen Perspektive in vielen Artikeln, Vorträgen und Radiointerviews hervorgehoben. Jetzt ist, dank Papst Franziskus' Enzyklika, was vorher ein Randthema und zeitweise ein einsames Rufen war, plötzlich zum Mainstream geworden. Es ist unser Gefühl des Getrenntseins von der Erde, das uns erlaubt hat, sie zu missbrauchen.

Hielten wir die Erde für heilig, als Teil der lebendigen Einheit, der wir angehören, könnten wir sie dann auf diese Weise behandeln - würden wir ihre Flüsse verschmutzen, ihre Arten ausrotten? Vergessen ist ein äußerst machtvolles Gift, da es unser Verlangen möglich macht, zu zerstören, was sehr wertvoll ist. Heiliger Boden bringt uns zurück zu den grundlegendsten menschlichen Werten, unseren Sinn für Bezogenheit und die lebenswichtige Aufgabe der "Sorge für unser gemeinsames Haus".

Doch wie können wir das innewohnende "Mysterium" wiedererlangen, das zur ganzen Schöpfung gehört, während wir in einer "Wegwerfkultur" leben, die dieses Wunder mit Abfall zugedeckt hat? Wie können wir zu einer magischen Welt zurückkehren - einer, die wir mit unserer Gier und unseren Verlangen vergiftet haben, mit unserer Sucht nach Konsum? Könnte es mit etwas so Einfachem beginnen, wie zu erkennen, dass wir nicht von der Erde getrennt sind, sondern dass wir - im Atmen ihrer Luft, erhalten von ihrer Nahrung und genährt von ihrer Schönheit - Teil dieses Wunders sind?

Die Zeichen des Wunders sind überall um uns herum, vom einfachen Mysteriums eines Sonnenaufgangs bis zum Lachen eines Kindes. Und ebenso die Zeichen der Trostlosigkeit, die wir geschaffen haben, der Müll, den wir auf unseren Straßen verstreuen, die Gifte in unserem Wasser, die Arten, die wir vermindert haben.

Und inmitten von beidem, der Schönheit und der Trostlosigkeit, ist das Weinen der Erde, des lebendigen Wesens, zu dem wir alle gehören. Wenn wir diesen Schrei hören können, trotz des Lärms der Ablenkungen, die uns bombardieren, können wir die Rückkehr zu dem was heilig und ganz ist, beginnen, zu jener Verbundenheit, die uns alle eint.

Im Widerklang der Lehre vom heiligen Franziskus schreibt der Papst: "Alles ist aufeinander bezogen, und alle Menschen sind als Brüder und Schwestern gemeinsam auf einer wunderbaren Pilgerschaft, miteinander verflochten durch die Liebe, die Gott für jedes seiner Geschöpfe hegt und die uns auch in zärtlicher Liebe mit 'Bruder Sonne', 'Schwester Mond', Bruder Fluss und Mutter Erde vereint."

Nur von diesem Ort der Ganzheit und Vereinigung aus können wir diese Arbeit beginnen - zu heilen was wir entheiligt haben. Verbleiben wir an einem Ort der Trennung von der Erde, von einander und von allen unseren Brüdern und Schwestern, so werden wir lediglich den Kreislauf gegenseitiger Zerstörung fortführen.

Traurigerweise sucht die Wissenschaft zu oft nach "Lösungen" für unsere ökologische Zwangslage von einem Ort der Trennung aus - dass wir von der Erde getrennt sind, oder dass die Umweltkrise ein von uns getrenntes Problem ist, das wir durch Technologie oder Emissionszertifikate "lösen" können.

Oder gar die noch gefährlichere ökonomische Ideologie, dass die Erde eine Ressource ist, um unsere energieintensive Kultur zu erhalten - wobei wir nicht erkennen, dass es genau dieses Bewusstsein der Trennung ist, das uns zu diesem Abgrund des Klimawandels gebracht hat.

Zu lange haben wir die Spiritualität von der Erde getrennt, den Schöpfer von der Schöpfung. Jeder von uns muss einen Weg finden, zur heiligen Einheit zurückzufinden, wo die Erde heil ebenso wie heilig ist. Für einige mag es die "Sorge für die Erde (unser gemeinsames Haus)" sein, dadurch, wie wir unseren Alltag leben.

Oft denke ich, dass es die einfachen Handlungen der Fürsorge und Aufmerksamkeit sind, die am wichtigsten sind -- dann fühlen wir das Band, das uns alle miteinander verbindet. Es gibt so viele solcher Momente an einem Tag. Wenn ich mein Vogelhaus fülle und beobachte, wie die Spatzen vorbeikommen, wie der rotköpfige Specht versucht, es zu übernehmen und seine Zuteilung futtert, das ist eine geteilte Freude.

Es ist unsere Liebe und Fürsorge für die Erde, die die machtvollste Kraft der Heilung und Transformation ist. Das Weinen der Erde -- wenn wir ihr Leiden einsehen und fühlen -- kann auch unsere Herzen öffnen. Dieses Leiden gehört nicht zu jemand anderem, sondern vielmehr zum innersten Kern unseres eigenen Seins, dort wo wir eins mit der Erde sind.

Dieser Schrei berührt uns tief, wenn die Seele der Welt unsere eigene Seele trifft, den heiligen Grund des Seins wiederherstellt, das Miteinander-Sein, das wir mit der Erde und allem Leben haben. Dann können wir, wie Papst Franziskus es im Gebet am Ende zitiert, unseren Platz finden:

Als Werkzeuge deiner Liebe

zu allen Wesen dieser Erde.



Llewellyn Vaughan-Lee ist auch der Herausgeber des Buches "Spirituelle

Ökologie: Der Ruf der Erde " (ins deutsche übersetzt),

original: "Spiritual Ecology. The Cry of the Earth" (spiritualecology.org).

Video zum Buch (mit deutschen Untertiteln):

"Spirituelle Ökologie - Der Ruf der Erde"

https://www.youtube.com/watch?v=f1cNujM5z1c

Dieser Beitrag erschien zuerst auf "Huffington Post USA" und wurde von Angela Fischer aus dem Englischen übersetzt.


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