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24/01/2016 04:55 CET | Aktualisiert 24/01/2017 06:12 CET

Eine Erinnerung

dpa

Dies soll eine Erinnerung sein:

An all jene, die den Begriff der Menschlichkeit noch nie gehört, noch nie erschmeckt, noch nie erfühlt, noch nie gesehen haben. An all jene, die bei der Bitte nach ein wenig Menschlichkeit plötzlich verstummen, taub werden. An all jene, die aufgrund dieser Menschen resignieren.

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Eine Erinnerung an jeden Einzelnen von uns.

„Was die Welt im Innersten zusammenhält"? Zugegebenermaßen, beantworten können wir Ihnen Goethes Frage nicht. Doch wir wagen uns an die Frage, was die Gesellschaft im Innersten zusammenhält - zusammenhalten sollte.

Werte. Unsere Orientierungshilfe, unser Kompass, unser Leitfaden - eine Art Tür, die uns Welten öffnet und sie uns zugänglich macht.

Die Freiheit und Gleichheit der Menschen, die Solidarität, der Rechtsstaat, die Demokratie - unsere Europäischen Werte sind klar formuliert, definiert, sie sind greifbar. Doch was, wenn die Kluft zwischen hier und dort, zwischen "uns" und "euch", so groß wird, dass wir nicht mehr nacheinander greifen können, nicht mehr nacheinander greifen wollen?

"Ihr", die unaufgeklärte islamische Welt - "Wir" die Götter des Verstandes, wir Kants, Lockes, Lessings in persona. "Ihr", aus den Krisenregionen zu uns flüchtend, unsere Werte nicht beachtend, nicht verstehend. Welten von uns entfernt. "Wir", die Retter, die Verkörperung der Loyalität und Gerechtigkeit.

Wir bleiben stehen auf Werten, die hart erarbeitet, umkämpft wurden.

Innehalten. Nur einen Moment. Zurückschauen, umschauen. Wo sind wir? Woher kommen wir? Wir ruhen uns aus, wir lehnen uns zurück, stützen uns ab. Wir halten ein, auf einem Kampf, der das erste Mal vor 800 Jahren schriftlich festgehalten wurde: Magna Carta Libertatum, 1215.

Wir bleiben stehen auf Werten, die hart erarbeitet, umkämpft wurden. Wir ruhen uns aus und fangen an sie loszulassen, mehr noch, dagegen aufzubegehren. Die Menschenrechte, sie entgleiten uns. "Ihre" Werte werden uns zu viel. Es kümmert uns nicht.

Hören unsere Werte dort auf, wo sie anfangen sollten? Oder sollen sie von Bestand sein, sobald sie gefordert werden? Wo bleibt die Glaubwürdigkeit, wenn stets nur verlangt wird, ohne selbst auszuführen? Wo bleibt eure Glaubwürdigkeit? Ihr, diejenigen die vorgebt unsere Werte zu schützen, zu verankern, zu verteidigen, sich selbst jedoch kaum daran haltend. Ihr, die den alten Parolen und diffamierender Polemik verfallen seid.

"In der ganzen Welt ist jeder Politiker sehr für Revolution, für Vernunft und Niederlegung der Waffen - nur beim Feind, ja nicht bei sich selbst."

Hermann Hesse

Wo stehen wir also? Wir, als Deutsche? Sind wir wirklich der Anker an Menschlichkeit im Zeitalter humanitärer Katastrophen? Sind wir aufgeklärt? Sind wir besser als jene, denen wir vorwerfen, sich nicht anpassen zu können, sich nicht anpassen zu wollen? Stellen wir uns doch selbst vor Gericht - wie sieht die Faktenlage aus? Wie sieht Deutschland aus?

Wir sind ein Land mit bewegter Vergangenheit.

Wir sind ein Land mit bewegter Vergangenheit. Deutschland ist das beste historische Beispiel dafür, zu was ein Staat und die Menschen fähig sind, wenn man blind Werten folgt, ohne diese zu hinterfragen und Menschenrechte plötzlich nichts mehr wert sind.

Und jetzt führen wir eine Debatte, die sich auch darum dreht: Wie strikt sollte man den Grundsätzen der Menschlichkeit, wie sie in den ersten 20 Artikeln unseres Grundgesetzes verankert sind, folgen? Dürfen wir darüber eigentlich diskutieren?

Und so folgen wir blind und ohne uns unseres eigenen Verstandes zu bedienen der Meinung, die uns am gemütlichsten erscheint. Wir ergötzen uns an unserer Überlegenheit. Wir sind die Guten. Und nach diesem Grundsatz schimpfen und fluchen wir auf jene, die uns "Unannehmlichkeiten" bereiten. Zuletzt hauptsächlich Vertriebene. Nun rückt das "Volk" zusammen und wütet über die Lügenpresse und das Versagen der Politik der Volksverräter.

Warum blieb Protest aus, während jene Regierungen 2003 die Hartz IV- Regelungen beschlossen, 2007 30 Milliarden für die Bankenrettung ausgaben und 2010 ein Rentensystem einführten, welches die Altersarmut rasant auf 40% ansteigen lassen wird? Wo war das "Volk"? Warum sollen plötzlich diejenigen schuld an dieser Situation sein, die vor Armut, Krieg und Terror fliehen?

Terror - was ist Terror? Was macht ihn aus? Wer betreibt ihn?

Hier tritt das nächste Feindbild ans Tageslicht: Der Islamische Staat. Radikale Islamisten, die einen irrsinnigen Gottesstaat errichten wollen. Eine Terrormiliz, die kulturelle Bauten zerstört und Andersgläubige enthauptet. Die Definition von böse.

Eine klare Angelegenheit, wir sind mal wieder die Guten, wieder einmal die Götter des Verstandes - schließlich nehmen wir selbst seit den Anschlägen in Paris vom 13. November 2015 aktiv am Kampf gegen den IS teil. Und so fliegen wir nun Aufklärungsflüge und zeigen der Weltpolizei USA und den anderen wackeren Mitstreitern, wo sie ihre Bomben abzuwerfen haben.

Denn so werden wir den Terror sicherlich besiegen: Mit Bomben über fremden Ländern. Ein bewährtes Mittel, welches bisher immer funktioniert hat - wenn man von den unerwünschten Nebenwirkungen absieht, dass der Terrorismus sich in den betroffenen Gebieten stets in ein gelegtes Nest voll Hass auf den Westen setzen konnte. Ein Muster - seit Jahren unverändert.

Während wir also in Syrien den IS füttern, erhalten wir uns parallel dazu beste Beziehungen mit unseren zwei großen "Freunden" in der Region. Doch worauf begründet sich eigentlich unser Vertrauen? Wissen wir um ihre weiteren Kontakte? Wissen wir, mit wem sie sonst an einem Tisch sitzen?

Misstrauen sollte angesagt sein - kein Fundament für eine vertrauensvolle Freundschaft. Die Rede ist natürlich von Saudi-Arabien, dem finanzielle Unterstützung des IS nachgesagt wird und dessen Rechtssystem eine gewisse Nähe zur "Rechtsprechung" des Islamischen Staates aufweist, und von der Türkei Erdogans, welche das Thema "Menschenrechte" auch nicht mehr wirklich ernst zu nehmen scheint. Ob sie es je ernst genommen hat - diese Frage würde einen anderen Artikel erfordern.

Wir schimpfen auf Vertriebene. Doch gleichzeitig nähren wir die Ursachen für den Strom Fliehender.

Das ist sie also: Unsere Moral - und es ist eine doppelte. Wir schimpfen auf Vertriebene. Doch gleichzeitig nähren wir die Ursachen für den Strom Fliehender. Wir schreiben uns Menschenrechte auf die Fahnen und verhandeln mit Staaten, für die ebenjene nicht zu gelten scheinen.

Und zu allem Überfluss erstarkt nun auch noch die neue, alte Rechte, die mit den immer gleichen Parolen mehr und mehr Zulauf erhält. Und so geht es uns nur allzu häufig wie Heinrich Heine: "Denk ich an Deutschland in der Nacht/ Dann bin ich um den Schlaf gebracht".

Wir kategorisieren - wir sehen die Farben nur in schwarz und weiß, die Vielfalt teilen wir in gut und böse. Wir kategorisieren. Stellen uns höher, als wir es sind, es je sein können und sollten, stellen uns über die Menschheit, die Menschlichkeit.

Die Menschlichkeit, die seit mehr als 800 Jahren zu predigen versucht wird, das ein oder andere Mal ins Schwanken geraten ist, sich aber wie ein roter Faden durch die Geschichte zieht. Wir balancieren auf diesem Faden, der nicht zerreißen wird.

Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren.

Ob ihr es nun wollt oder nicht: "Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren. Sie sind mit Vernunft und Gewissen begabt und sollen einander im Geiste der Brüderlichkeit begegnen." (Artikel 1, UN-Menschenrechtscharta). Er gilt für mich, für dich, für uns, für euch - ob ihr es nun wollt oder nicht, denn dagegen stellen solltet ihr euch diesmal wirklich nicht.

Unsere einzige Bitte: "Begnügt Euch doch, ein Mensch zu sein" (Lessing, Nathan der Weise). Ein Mensch zu sein - Tag aus, Tag ein.

Dies sollte eine Erinnerung sein.

An all jene, die den Wert unserer Menschlichkeit nie vergaßen, die den Geschmack stets bei sich tragen, das Gefühl jederzeit abrufbar, die Fingerkuppen die Rechte unserer Menschlichkeit ertastend.

Dies sollte eine Erinnerung sein.

An all jene, die es nie wagten zu resignieren, denn resignieren heißt verlieren.

Eine Erinnerung an dich und mich.

Von Dilara Bingöl, Lizge Yikmis und Sebastian Brütt

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