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20/01/2017 12:16 CET | Aktualisiert 21/01/2018 06:12 CET

Warum der Satz "Alles wird wieder gut" manchmal unglaublich falsch ist

kind

Vor vielen Jahren wollte einer meiner Exfreunde wissen, was meine wildeste Fantasie sei. Ich sah ihn an.

"Willst du das wirklich wissen?"

Er nickte begierig.

Also lehnte ich mich vor, dämpfte meine Stimme und sagte ihm, dass ich mir wünschte - mehr als alles andere - dass da jemand wäre, der mir versichert, dass alles wieder gut wird. So überzeugend, dass ich es auch wirklich glauben könnte.

Ich sah seinem Gesicht an, wie sehr meine Antwort ihn enttäuschte, aber es gab nichts mehr zu sagen. Es war die Wahrheit.

Ich habe diesen Satz millionenfach wiederholt

Alles wird wieder gut. Es ist ein so magischer Satz, immer noch einer meiner liebsten. Ich habe ihn unzählige Male gesagt, zu allen Menschen, die ich liebe und sobald ich Kinder hatte, sagte ich ihn ständig: Alleswirdgutesistgutesistgut immer und immer wieder, wenn sie traurig waren, oder sich wehgetan hatten, oder wütend waren, weil sie keine schmutzige Unterwäsche als Mütze in der Schule anziehen durften.

Ich sagte es sogar im Halbschlaf, wenn sie neben mir wimmerten, wie ein Reflex, der unbewusst aus meinem Mund kam. Ich sagte den Satz so instinktiv, wie ich den Toilettensitz überprüfe, bevor ich mich hinsetze oder den Arm über den Beifahrersitz strecke, wenn ich zu scharf bremse.

Noch häufiger habe ich den Satz zu mir selbst gesagt, vermutlich millionenfach über die Jahre. Er war wie ein Mantra für mich in schwierigen Lebensphasen, wenn ich einen Job verlor, schlimme Trennungen erlebte, oder einen Bad Hair Day hatte. Doch als meine Mutter starb, funktionierte es nicht. Es war einfach nicht wahr und ich wusste es.

Der Satz war plötzlich falsch

Ich versuchte es trotzdem:

"Alles wird wieder gut", sagte ich mir, während ich auf dem Badezimmerboden lag, dem einzigen Ort in meinem Haus, zu dem ich die Tür abschließen kann, sodass ich weinen konnte, ohne die Kinder zu verängstigen.

"Alles wird gut", flüsterte ich meinem Jüngsten entgegen, als er geboren war und dann traf mich die Erkenntnis, dass er seine Großmutter nie treffen würde, nicht ein einziges Mal.

"Alles wird gut" versuchte ich zu den Melodien der Weihnachtslieder zu singen, die mich in dieser ersten Weihnachtszeit ohne sie in die Knie zwangen.

Jetzt waren die Worte hohl und flach, sie konnten den Schmerz in meinem Herzen nicht berühren. Denn die Sache ist die: Es gibt kein "gut" in der Trauer. Da ist der Verlust und dann ist da dieses Loch in deinem Leben. Ein Loch in der Form des Menschen, den du verloren hast.

Was sagt man, wenn nicht alles wieder gut wird?

Dieses Loch wird nie wieder aufgefüllt. Das ist mir bewusst geworden. Es ist drei Jahre her und immer noch glaube ich, meine Mutter aus dem Augenwinkel zu sehen. In einem überfüllten Supermarkt oder auf der Autobahn. Das Einzige, was ich hoffen kann, ist, dass die scharfen Kanten irgendwann vernarben und ich nicht für immer aufgerissen und ausgefranst herumlaufen muss.

Mehr zum Thema: Trauer kann so tiefgehend sein, dass sie Spuren im Gehirn hinterlässt

Ich glaube, das ist der Grund, warum es so vielen Menschen schwerfällt, die richtigen Worte zu finden, wenn jemand trauert. Was sagt man, wenn man nicht sagen kann, dass alles wieder gut wird?

Wie können wir einander trösten, wenn das Leben so hart ist und Verlust unausweichlich und wenn es einfach so verdammt wehtut und nie aufzuhören scheint?

Und erweise ich meinen Kindern nicht einen Bärendienst, wenn ich ihnen verspreche, dass alles gut wird, obwohl das manchmal gar nicht stimmt?

Ich fand einen neuen Satz. Einen, der besser passte.

Mein Jüngster - derjenige, der seine Großmutter niemals kennen wird, obwohl er ihre Augen hat - kam gestern Abend zu mir gelaufen, eine frische, rote Beule auf der Stirn, weil er sich beim Spielen gestoßen hatte. Ich nahm ihn auf den Arm, hielt ihn fest und vergrub mein Gesicht in seinen Haaren. Der Instinkt setzte ein und ich sagte es, das Übliche.

Doch dann hielt ich inne und zwang mich dazu, Luft zu holen. Ich konnte seine Haare riechen, ein schwacher Duft nach Baby hing noch darin, gemischt mit Shampoo und dem Joghurt, den er sich nach dem Essen hineingeschmiert hatte. Sein Gesicht war vom Weinen gerötet und er nahm mein T-Shirt in seine kleinen Fäuste und wischte sich damit die Augen trocken.

"Ich bin hier", sagte ich ruhig, probierte es aus. Es fühlte sich richtig an. Es war keine Lüge. "Ich bin hier", sagte ich noch einmal, diesmal etwas lauter und er sank an meine Brust und fühlte, dass da Raum für ihn war in mir.

Da ist Raum in mir für ihn. Da ist Raum in mir für seinen Bruder und seine Schwestern und seinen Vater und unsere Familien und unsere Freunde und für all die Menschen, die ich liebe und denen ich ansehe, dass sie es schwer haben. Die Menschen, denen ich es unbedingt sagen möchte; die Worte, die helfen könnten, die einzigen, die wahr sind, denn wir wissen, dass es vielleicht nie wieder so gut sein wird, wie es einmal war:

"Ich bin hier."

Es klingt wahr, denn ich glaube, da ist Raum in jedem von uns. In unseren Herzen und unseren Gebeten und auf unseren Sofas und auf unseren Schultern und in unseren Ohren. Da ist Raum in unseren Armen, sodass wir gemeinsam tragen können, was für einen zu schwer ist.

Da ist Raum, um mitzufühlen und mitfühlen ist lieben und Liebe ist genug, oder mehr als genug, oder sogar: alles.

Es ist lange her, dass mich jemand nach meinen Fantasien gefragt hat. Doch wenn es heute jemand tut, habe ich eine neue Antwort: Sei einfach da, würde ich demjenigen sagen. Schaffe ein wenig Raum für mich.

Dieser Blog erschien ursprünglich bei der Huffington Post USA und wurde von Gina Louisa Metzler aus dem Englischen übersetzt.

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(lk)