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12/08/2015 11:37 CEST | Aktualisiert 12/08/2016 07:12 CEST

Frauen sind wie Männer - nur anders

ullstein bild via Getty Images

Der heutige International Youth Day 2015 stellt die gesellschaftliche und politische Beteiligung junger Menschen in den Fokus. Gerade für junge Frauen in weniger entwickelten Ländern gilt jedoch oft: Viele Lasten, keine Mitbestimmung.

Einige Jahrzehnte vor meiner Geburt - zu der Zeit, als im Fernsehen noch exzessiv geraucht wurde und man diesen nach Ende der Tagesschau mit zwei Klappen verschloss - leitete die erste bundesdeutsche Regierung die Geschicke der neu gegründeten Republik. Im damaligen Bundestag saßen 28 Frauen - gerade einmal 6,8 Prozent der damals 410 Abgeordneten.

„Es ist ein Mädchen"

Viele Jahre später, im Jahr 2005, titelte die taz: „Es ist ein Mädchen". Bei der Wahl Angela Merkels zur Bundeskanzlerin war ich zehn Jahre alt. Für mich war das Wort „Bundeskanzlerin" nichts, woran ich mich gewöhnen musste. Ich hatte schließlich bewusst nie etwas anderes erlebt.

In der Schule wurde ich dazu ermuntert, mir beim Girl's Day den Arbeitsalltag im Bundestag anzusehen. Als späteres Mitglied einer Partei erfuhr ich von Mentoringprogrammen, die sich gezielt an Frauen richteten.

Frauen als Aushängeschilder

Frauen schienen oft die Aushängeschilder der Parteien zu sein, mit denen diese sich als fortschrittlich und offen profilieren wollten. Die Zeitungen berichteten über den Aufstieg der Frauen in der Politik und stellten die obligatorische Frage, wie man sich denn mit dem Ehemann die Kindeserziehung aufteile und ob es nicht schwierig wäre, sich mit einem attraktiven Äußeren als Frau in der Politik zu behaupten?

Trotz aller Bemühungen zeigt all dies auch, dass es selbst in Deutschland immer noch alles andere als selbstverständlich ist, wenn Frauen in der Politik die Führung übernehmen.

Richtet man den Blick nicht nur auf Deutschland, sondern die gesamte Welt, stellt man fest: Nur 17 der 193 Staats- und Regierungschefs der UN-Mitgliedsstaaten sind Frauen. Sie machen gerade einmal 19,6 % der Abgeordneten in den Parlamenten aus. Die Nominierung von Nkosazana Dlamini-Zuma zur Präsidentin der Afrikanischen Union oder die Wahlsiege von Frauen in Ländern wie Liberia oder Brasilien bleiben Ausnahmeerscheinungen.

International Youth Day

Heute jährt sich der International Youth Day der Vereinten Nationen zum 15. Mal. Als Tag, der für die Belange und Rechte junger Menschen auf der Welt ein Bewusstsein schaffen will, steht in diesem Jahr ihr Engagement in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft im Fokus.

Die Möglichkeiten, die mir in dieser Hinsicht schon als Jugendliche geboten wurden, empfinde ich als riesiges Privileg. Als es an unserer Schule zu wenig Politikunterricht gab, trafen wir uns mit der Berliner Bildungssenatorin.

Junge Menschen sind eine Zielgruppe in der deutschen Politik

Beim sogenannten Jugendforum im Berliner Abgeordnetenhaus durften wir in Diskussionsrunden unsere Ideen einbringen. Auch wenn man sich darüber streiten kann, welche Effekte diese Veranstaltungen wirklich haben, kann man eines nicht leugnen: Junge Menschen sind eine Zielgruppe in der deutschen Politik.

Wie sehr die eigene Jugendlichkeit Türen öffnen kann, merke ich auch in meiner Rolle als Jugendbotschafterin für die entwicklungspolitische Organisation ONE, wenn wir uns mit Abgeordneten treffen.

Oft stelle ich mir vor, wie mein bisheriges Leben verlaufen wäre, wäre ich als Frau in einem weniger entwickelten Land geboren worden. Dass gerade in ärmeren Ländern deutlich weniger Frauen im öffentlichen Diskurs und unter den Entscheidungsträgern anzutreffen sind, ist eine Tatsache.

Armut ist sexistisch

Armut ist sexistisch. So lautet auch der Titel einer aktuellen Studie von ONE, in der verdeutlicht wird, dass Frauen von Armut und ihren Folgen viel stärker betroffen sind als Männer.

Frauen wird in vielen Ländern jegliche Eigenständigkeit abgesprochen. So besitzen lediglich sieben Prozent aller Frauen im Tschad ein Bankkonto, fast 40 % weniger als Männer. Fehlender Zugang zu Bildung erschwert es ihnen, ihre Stimme zu erheben.

Sie schultern oft mehr Lasten als Männer, dürfen aber kaum entscheiden. Wie so oft spiegeln die Bevölkerungsstrukturen in keiner Weise die Machtstrukturen eines Landes wieder. In Entwicklungsländern stellen Frauen sogar mehr als die Hälfte der wahlberechtigten Bevölkerung dar und beteiligen sich bei Wahlen stärker als Männer.

Geschlechtergerechtigkeit ist wichtiges Thema

Geschlechtergerechtigkeit ist deshalb auch ein wichtiges Thema in diesem Jahr, das oft auch „Entwicklungsjahr 2015" bezeichnet wird. Im September werden in New York offiziell die sogenannten Sustainable Development Goals (SDGs) verabschiedet - 17 Ziele mit 169 Unterpunkten.

Darin wird festgehalten, wie die Welt bis 2030 gerechter gestaltet werden kann. Geschlechtergerechtigkeit und mehr Teilhabe von Frauen an Entscheidungsprozessen ist erklärtes Ziel Nummer fünf.

Das Beispiel Ruanda

Für Länder wie Ruanda - das mit einem Frauenanteil von 56 Prozent im Parlament heraussticht - liefert die Geschichte des Völkermords mit der anschließenden vor allem weiblichen Bevölkerungsstruktur Erklärungen. Dies darf allerdings nicht darüber hinwegtäuschen, dass die oberen Machtpositionen nach wie vor von Männern besetzt werden und die Armee, zu der Frauen oft keinen Zugang haben, eine große Rolle in der Politik spielt.

Ruanderinnen führen knapp die Hälfte der Unternehmen in ihrem Land. Trotzdem herrschen auch bei ihnen zu Hause, wie in vielen anderen Ländern, oft die gleichen typisch patriarchalischen Strukturen vor. Dies beweist, wie schwierig es sein wird, wirkliche Mitbestimmung von Frauen in der ganzen Gesellschaft durchzusetzen.

Alte Rollenbilder aufbrechen

Umso wichtiger ist es, dass überholte Rollenbilder in den Köpfen der Alten aufgebrochen werden. Für uns Junge gilt: Gar nicht erst alte Muster übernehmen. Nur eine gleichberechtigte Gesellschaft bietet den Boden für nachhaltige Entwicklung.


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