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08/12/2015 08:10 CET | Aktualisiert 09/12/2015 07:18 CET

Was ein Mönch unzufriedenen Deutschen zu sagen hat

Ngawang/Facebook

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Als ich das erste Mal nach Deutschland kam, war ich sehr aufgeregt. Ich habe die Sprache nicht gesprochen und kannte die Kultur überhaupt nicht. Aber mittlerweile liebe ich Deutschland. Die Leute sind sehr freundlich und zuverlässig. Aber sie sind nicht glücklich.

Das ist mir aufgefallen, seitdem ich hier lebe. Ich bin Lama Ngawang, ein buddhistischer Mönch. Seit acht Jahren meditiere ich mit den Menschen und ich lehre die Deutschen, die daran interessiert sind, buddhistische Gebete und Rituale in Zentren und privaten Gruppen. Wenn ich nicht unterwegs bin, halte ich mich in der buddhistischen Klostergemeinschaft Benchen auf.

Die Menschen suchen das Glück.

Dabei ist es schwer zu sagen, was Glück ist. Für einen Buddhisten gibt es zwei Arten von Glück: Da ist das kurzzeitige Glücksgefühl - ich treffe mich mit meinen Freunden und habe Spaß. Und es gibt das langanhaltende Glück. Danach streben wir Buddhisten.

Dein Geist ist dabei immer in dem gleichen, glücklichen Zustand. Egal, ob du alleine bist oder deine Familie da ist. Egal, ob du arm oder reich bist.

Die Deutschen sind so reich und sie haben alles, was sie brauchen.

In Deutschland ist alles stabil. Aber die Leute in Deutschland sind nicht glücklich, sie sind deprimiert und hektisch. Sie wollen immer mehr und sind nicht zufrieden mit dem, was sie haben. In meiner Heimat, in Nepal, sind die Leute glücklicher, obwohl sie arm sind und es ihnen nach dem schrecklichen Erdbeben nicht gut geht.

Es war ein langer Weg nach Deutschland: Ich wurde im Himalaja geboren, im Norden Nepals. Meine Eltern waren arme Bauern und ich lebte in einem kleinen Dorf, bis ich 13 war - dann durfte ich ins Kloster gehen. Ich wollte das unbedingt. Dort wurde ich sieben Jahre lang unterrichtet und habe mich anschließend drei Jahre und acht Monate zurückgezogen. Ich habe meditiert, gebetet und mit niemandem gesprochen. So wurde ich zu einem buddhistischen Mönch. Im Jahr 2007 sagte mir mein Lehrer dann, dass ich nach Deutschland gehen sollte.

Hier sage ich den Menschen: Du hast ein gutes Leben und eine nette Familie, aber du bist nicht glücklich. Was ist falsch?

Wenn dein Geist nicht zufrieden ist, dann wirst du dich nie glücklich fühlen. Du leidest.

Buddha sagt, das Leiden kommt von den fünf Giften: Wut, Eifersucht, Stolz, Ignoranz und Anhänglichkeit. Dein Geist sollte wie klares Wasser sein. Wenn dieses Wasser beispielsweise heiß wird, ist es nicht gut, dann bist du wütend. Du musst deine Gedanken und deinen Geist rein und klar halten.

Der Grund für dein Glücksgefühl liegt in deinem Geist.

Es kommt nicht von außen, sondern von innen. Zum Beispiel sagen manche, dass ihnen das Haus, in dem sie wohnen, nicht gefällt. Es ist ihnen nicht gut genug. Aber ein Haus ist einfach ein Haus. Es ist nicht gut oder schlecht. Deine Gedanken darüber bewerten das Haus als gut oder schlecht.

Wenn du glücklich werden willst, musst du also an deinem Geist arbeiten und dich selbst reflektieren. Konzentriere dich und analysiere: Was macht dich wütend oder traurig? Meditiere darüber. Du hast es in der Hand und du kannst es ändern.

Ich bin nur ein einfacher Mönch, aber ich wünsche mir, dass die Menschen in Deutschland glücklicher werden. Dass sie offener werden und auf andere zugehen. Dass sie nicht mehr so alleine sind und mehr mit anderen Menschen sprechen.

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