BLOG
17/05/2014 08:37 CEST | Aktualisiert 19/07/2014 07:12 CEST

Müssen wir unsere Vorstellungen von Fremdgehen und Ehe überdenken?

Die Ehe hat sich im Laufe der Jahre gewandelt. Waren vor hunderten Jahren Vielehen völlig normal, heiraten Menschen heute, weil sie den Rest des Lebens gemeinsam verbringen wollen. Doch die Fremdgehraten sind hoch: Ist es Zeit, die Ehe weiterzuentwickeln?

Thinkstock

In der heutigen Gesellschaft wird eine Ehe geschlossen, wenn zwei Menschen (normalerweise ein Mann und eine Frau) einander lieben und die Entscheidung fällen, den Rest ihres Lebens gemeinsam in Monogamie zu verbringen. Aber wussten Sie eigentlich, dass das nicht immer der Fall war? In Wirklichkeit entstand die moderne Form der Ehe erst vor ein paar Hundert Jahren. Früher waren die allermeisten Ehen keine Liebesheirat - stattdessen spielten das Einkommen und der gesellschaftliche Status eine Rolle. In den meisten Gesellschaften waren sogar Vielehen (mit mehreren Ehefrauen oder Ehemännern) erlaubt und wurden erwartet.

Das Konzept der Ehe hat sich also im Lauf der Jahre ganz grundlegend geändert. Und wenn man sich einmal die aktuellen Scheidungsraten von 40 bis 50 Prozent ansieht und bedenkt, dass in vielen Ehen fremdgegangen wird, ist vielleicht wirklich der Zeitpunkt gekommen, an dem wir unser Konzept der Ehe weiterentwickeln sollten. Laut „Journal of Marital and Family Therapy" geben 41 Prozent der Verheirateten zu, schon einmal körperlich oder emotional fremdgegangen zu sein. Dies wirft natürlich die Frage auf, ob wir wirklich dafür geschaffen sind, unser ganzes Leben mit nur einem Menschen zu verbringen. Und falls nicht, sollten wir dann einfach mehrmals vor den Traualtar treten? Gibt es Alternativen zu unseren Vorstellungen vom Führen einer Ehe, mit denen wir ihren Erfolg garantieren können?

Fremdgehen ist vielleicht unvermeidlich

Vor Hunderten von Jahren betrug die durchschnittliche Lebenserwartung nur einen Bruchteil der heutigen. Wenn zwei Menschen mit Anfang 20 heirateten, war es gut möglich, dass einer von beiden innerhalb von 10 bis 15 Jahren starb, häufig sogar viel früher. Heutzutage jedoch könnte dasselbe Paar 60 Jahre oder länger miteinander verbringen. Ist es wirklich realistisch anzunehmen, dass zwei junge Menschen für eine derart lange Zeit auf emotionaler, geistiger, körperlicher und sexueller Ebene zueinander passen? Ich kenne verschiedene Ehen, die bereits so lange halten - einige davon machen sogar einen glücklichen Eindruck. Und das ist etwas wirklich Schönes. Aber diese Ehen sind leider die Ausnahme.

Bitte verstehen Sie mich jetzt nicht falsch ... Ich möchte hier keineswegs das Fremdgehen im üblichen Sinn gutheißen, denn mir geht es hier nicht nur um Sex. Fremdgehen ist nach wie vor ein Tabuthema, doch wenn man die Ehe in ihrem historischen Kontext betrachtet, sollte man davon eigentlich nicht völlig geschockt sein.

Natürlich ist es falsch, einen anderen Menschen zu belügen und zu hintergehen, denn man bricht dadurch eine Übereinkunft und verhält sich unredlich. Zudem ist dies ein Vertrauensbruch, der dem anderen mit Sicherheit erhebliche Schmerzen zufügt. Doch wenn man im Verlauf einer langjährigen Partnerschaft ganz pragmatisch das menschliche Bedürfnis in Betracht zieht, das eigene Leben auch einmal ganz für sich allein oder durch platonische oder sexuelle Freundschaften mit anderen Menschen erfahren wollen, kann daraus vielleicht eine neue Art von Konversation zwischen Ehepartnern entstehen. Eine Konversation, in deren Verlauf die beiderseitigen Bedürfnisse besprochen werden und anhand von vernünftigen und umsetzbaren Parametern festgelegt wird, was erlaubt ist und was nicht. Auf diese Weise kommt es erst gar nicht zu dem negativen, heimlichen Verhalten, das mit Fremdgehen assoziiert wird.

Was wir von den Japanern lernen können

In der japanischen Kultur - in der die Ehe als grundlegender Faktor für den gesellschaftlichen Status angesehen wird und nicht als etwas, das aus reiner Liebe geschieht - boomt der Markt für Fremdgeher. Ashley Madison zufolge, einer Website für die Vermittlung von Seitensprüngen, hat Japan als erstes Land die Marke von einer Million Nutzer erreicht, wobei das Verhältnis von Frauen zu Männern etwa 2:1 beträgt.

Ich habe fast zehn Jahre lang immer mal wieder in Japan gearbeitet und dort oft gehört, die Ehe sei so etwas wie ein Geschäft und würde nicht das gesamte Dasein umfassen. Männer sagten mir häufig: „Ich habe geheiratet, weil ich sonst als Mann nicht respektiert würde. Wer nicht verheiratet ist, bekommt keinen Job in einem guten Unternehmen." Vergleichbar meinten Frauen: „Wenn man als Frau nicht verheiratet ist, macht das einen schlechten Eindruck.

Unverheiratete Frauen werden schnell zum Außenseiter und können keine Kinder haben, oder sie werden mit ihrem Kind gesellschaftlich geächtet." Aus diesem Grund heiraten viele Japaner schlicht um der Ehe willen, ob sie sich nun zu ihrem Partner hingezogen fühlen oder nicht. Denn in ihrer Kultur - und auch in vielen anderen - werden sie erst durch eine Ehe zu einem legitimen Mitglied der Gesellschaft. Ich habe mehrere Männer gefragt, warum sie regelmäßig Hostessen-Clubs besuchen, also Etablissements, in denen das weibliche Personal als „Mietfreundin" fungiert. Die Antwort fiel immer ähnlich aus: „Meiner Frau macht das nichts aus. Das ist einfach unsere Kultur. Sie liebt mich ebenso wenig wie ich sie. Sie freut sich, wenn ich nicht da bin und Sex möchte oder ihre Gesellschaft suche." Das japanische Ehekonzept unterscheidet sich also ganz deutlich von dem, was sich viele Menschen in westlichen Kulturkreisen unter einer Ehe vorstellen. Womit deutlich wird, dass es in puncto Ehe eben kein universelles Konzept gibt.

Die Weiterentwicklung der Ehe

Da sich die Ehe im Laufe der Jahre so stark verändert hat und verschiedene Kulturen auch heute noch ganz unterschiedliche Vorstellungen davon haben, ist es vielleicht höchste Zeit, den nächsten Evolutionsschritt dieser uralten Institution einzuläuten. Vielleicht sollte eine erfolgreiche Ehe nicht danach bewertet werden, ob beide Partner jahrzehntelang einander treu bleiben. Sondern eher danach, ob beide offen darüber sprechen können, wie ihre individuelle Ehe aussehen soll und was akzeptabel ist und was nicht - und sich dann an diese gemeinsame Abmachung halten.

Beispielsweise sagen viele Paare, die meine Dienste in Anspruch nehmen, dass sie nur noch aus reiner Bequemlichkeit zusammen sind. Einer oder sogar beide haben sich bereits aus der Beziehung verabschiedet, möchten sich aber wegen der Kinder nicht scheiden lassen. Oder die beiden lieben sich noch, wissen die Unterstützung des anderen zu schätzen und sind enge Freunde, aber hegen keine sexuellen Gefühle mehr füreinander. Oder ein Partner hat das Bedürfnis nach dem Alleinsein, um sich ohne eheliche Verpflichtungen menschlich weiterentwickeln zu können. In all diesen Fällen sind die Ehepartner frustriert von den Grenzen, die die traditionellen Vorstellungen einer Ehe vorgeben.

Ich fordere Paare stets dazu auf, eine Vision davon zu entwickeln, wie ihre Ehe aussehen soll und womit beide einverstanden wären. Auf diese Weise können sie ihre Beziehung innerhalb der Grenzen, die sie ganz individuell für sich selbst stecken, weiterentwickeln. Eines meiner Paare nahm sich eine Auszeit von einem Jahr. Ein anderes entschied sich, getrennt voneinander zu leben, aber eng befreundet zu bleiben, da beide keine Leidenschaft mehr füreinander empfanden. Und wissen Sie, was letzten Endes mit beiden Paaren passierte? Sie fanden wieder zusammen, weil sie sich Freiraum ließen. Dadurch, dass sie endlich das tun konnten, was sie wollten, wurde ihre Energie wieder zurück auf den ursprünglichen Partner gelenkt. Manchmal stimmt es eben doch, dass die Liebe mit der Entfernung wächst. Oder vielleicht sollte man „Entfernung" durch „Abwesenheit" ersetzen?

Eine Partnerschaft derart unvoreingenommen betrachten zu können, ist der Schlüssel zu wahrem Glück und verhindert, dass aus Schamgefühl die eigenen Bedürfnisse und Wünsche vor dem Lebenspartner geheim halten werden. Wenn die Ehe etwas Heiliges sein soll, schulden wir unserem Partner, ehrlich mit ihm umzugehen - wie kompliziert die gegenseitigen Erwartungen auch sein mögen.

Als Life Coach in Hollywood und spirituelle Lehrerin habe ich viel mit Menschen zu tun, die sich gerade scheiden lassen und Fremdgehen als Hauptgrund dafür anführen. Und wenn ich dann frage, warum sie fremdgegangen sind, bekomme ich meist zur Antwort, dass sie sich emotional nicht mehr mit dem Partner verbunden fühlten, dass sie sich in einer Sackgasse befanden und dass keine Kommunikation mehr mit dem Partner stattfand. Stellen Sie sich einmal vor, wie viele Scheidungen und wie viel Kummer vermieden werden könnten, wenn wir in unserer Kultur diese Art von offener Kommunikation akzeptieren würden? Wenn wir es zuließen, dass sich Ehen zu etwas entwickeln, über das sich beide Partner einig sind, selbst wenn dies nicht dem gesellschaftlich üblichen Bild einer Ehe entspricht?

Wenn wir die Definition von Ehe dahingehend erweitern oder weiterentwickeln wollen, dass sie modernen Gegebenheiten gerecht wird, besteht der erste Schritt in einer effektiven Kommunikation. Daher möchte ich Ihnen ans Herz legen, noch heute mit Ihrem Partner darüber zu sprechen, wie Ihre gemeinsame Vorstellung von einer Ehe aussieht. Es ist wirklich ganz einfach ... und die sicherste Methode, langfristig eine glückliche und gesunde Beziehung zu führen.

TOP-BLOGS