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03/08/2015 05:40 CEST | Aktualisiert 03/08/2016 07:12 CEST

Wir sind Deutschland-Flüchtlinge!

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Alle Dinge haben zwei Seiten.

So sind wir auf der einen Seite eine reisende Familie. Dies sind wir jedoch nicht ohne Grund, auch wenn wir mittlerweile super dankbar sind, reisen zu können.

Auf der anderen Seite sind wir eine Deutsche Flüchtlingsfamilie.

Ja, richtig gelesen. Wir sind auf der Flucht vor Verfolgung in Deutschland, weil wir unsere Kinder nicht in die Schule geben und das hier verboten ist und unter Strafe steht.

Obwohl wir sehr engagiert die Bildung unserer Kinder sowie finanziell als auch zeitmäßig selbst in die Hand nehmen, werden wir durch die Gesetzgebung kriminalisiert und könnten unter Umständen von einer Geldstrafe bis hin zum Gefängnisaufenthalt, Sorgerechtsentzug und einer Zwangsabholung der Kinder durch die Polizei belangt werden.

Alle diese Dinge haben uns dazu bewogen, Deutschland zu verlassen und wir sind kein Einzelfall. Im Groben würde ich uns als "Sozialpolitisch Verfolgte" sehen.

Um in Deutschland leben zu können, müssten wir entweder unsere inneren Überzeugungen niederringen und das heutige Schulsystem mit all den in unseren Augen negativen Auswirkungen auf die Kinder akzeptieren und die Kinder in die Schule geben. Oder wir wären dazu gezwungen, im Untergrund ein heimliches Leben zu führen, immer mit der Angst, dass man doch entdeckt wird und dann sämtliche staatlichen Konsequenzen (siehe oben) ihre Anwendung finden.

Wir mussten also wählen. Für uns war es einfacher, alle Dinge in Deutschland hinter uns zu lassen und in ein ungewisses und unabgesichertes Leben zu gehen, als weiterhin die Kinder in einem zerstörerisch wirkenden System zu belassen, in dem es nur darum geht, sie auf die Wirtschaftsbelange vorzubereiten und sie zu guten Konsumenten, die wenig hinterfragen zu erziehen.

Unser Anliegen als ihre Eltern ist es, sie auf das Leben vorzubereiten und sie zu bilden. Beides geschieht unseres Erachtens kaum in der Schule.

Zaun

Vielmehr empfinden wir diesen Ort als Gefängnis und einen Ort der negativen Sozialisierung und der Entfremdung von der Familie, denn durch die heutigen Schulkonzepte (Ganztagsschule) wird ein Familienleben nahezu verhindert.

Gerade jetzt im Sommer, wenn es heiß ist und man eigentlich irgendwo am See, am Meer, im Wald, auf einer Wiese, im Freibad oder einem Cafe sitzen könnte, ist die Schule ein Ort der Freiheitsberaubung, bei dem wir als Eltern nicht länger zuschauen wollten.

Wenn man sich dann vor Augen hält, dass das Grundschulwissen eigentlich sehr überschaubar ist und daher auch in wenigen Monaten erlernbar wäre und statt dessen vier bis sechs Jahre Grundschulzeit veranschlagt wird, also wertvolle Lebenszeit, dann wird es umso mehr ein Gefängnis.

Denn Kinder müssen ihren Fokus auf die Fächer legen, in denen sie schlechte Noten schreiben, anstatt ihre Stärken auszufeilen. Und so haben wir viele Menschen, die in einem Mittelmaß leben, dabei könnten wir so viele Genien haben, wenn sie den Raum dazu hätten sich selbst zu verwirklichen!

Doch auch dies scheint keine zufällige Entwicklung zu sein, sondern auch bewusst gewollt. Denn Menschen die selbstständig denken sind weniger leicht lenkbar und können anstrengend sein da sie hinterfragen.

Würde mich jemand dazu zwingen, das ich mich von 7:30 bis 16:00 in einem Gebäude aufzuhalten habe, ich würde das für einen (schlechten) Witz halten und sicherlich nicht akzeptieren!

Aber genau das ist es ja, auf was unsere Kinder vorbereitet werden sollen. Darauf, dass sie zugewiesene Pausenzeiten einhalten müssen (wäre ich bissig, würde ich es als Hofgang bezeichnen), nur auf Toilette gehen wenn sie fragen und im Laufe des Jahres eine gewisse Anzahl an Urlaubstagen erhalten.

Schulraum

Auch ich bin dieses diskriminierende System durchlaufen, in dem ich die Einteilung in „schlecht (Hauptschule), mittel (Realschule) und gut (Gymnasium) erfahren habe. Ebenso wie Benotungen meines scheinbaren Wissens oder Unwissens und noch viel schlimmer, Benotung von musischen Fächern wie Kunst und Musik, die mir diese Dinge dann schließlich verleidet haben.

Schule hat für mich nichts mit Spaß zu tun gehabt, sondern war der Geburtsort meines Ehrgeizes besser zu sein als die anderen. Mich mit Menschen zu messen, anstatt mich an mir selbst und meinen Lernerfolgen zu erfreuen, habe ich mich in den Wetteifer hineinziehen lassen, andere zu übertreffen und wurde zu einem gehetzten Menschen, der abhängig wurde von der Anerkennung durch etwas im Außen.

Nur weil ich diese Dinge erlebt habe, müssen sie nicht richtig und schon gar nicht wichtig sein für meine Kinder. Im Gegenteil. In der Selbstreflektierung ist mir klar geworden, dass ich meine Kinder nicht zu Ellenbogen einsetzende Menschen erziehen möchte, die es gelernt haben, sich vor anderen zu beweisen und nur zu lernen, um guter Noten Willen und nach Anerkennung buhlen.

Vielmehr ist es mir ein Anliegen, sie darin zu begleiten, faire und selbstbewusste Menschen zu werden, die kooperieren wollen und den Frieden in der Welt verbreiten, anstatt Konkurrenzdenken und Konsumrausch zu unterstützen.

Vogelkäfig

Um also keine Konsequenzen zu bekommen, haben wir schlussendlich Deutschland verlassen.

Aus diesem Grund sind wir froh und dankbar, dass es Länder gibt, in die wir flüchten konnten. So ist unser Lebensmittelpunkt Portugal geworden. Die Menschen dort haben uns mit offenen Armen und Herzen aufgenommen und wir haben gespürt, wie es ist, fremd in einem Land zu sein.

Mit diesem Hintergrundwissen und unserer Erfahrung haben wir Verständnis für die Flüchtlinge, die nun nach Europa kommen.

Jeder Mensch kann froh sein, wenn er in einem Land lebt, in dem er nicht verfolgt wird und er in Frieden leben kann.

Keiner von uns weiß, ob wir auch einmal Flüchtlinge werden. Heute sind es diese Menschen und morgen vielleicht wir? Wir sollten andere so behandeln, wie wir selbst behandelt werden wollen.

Wie schön wäre es, wenn wir uns als Erdenbürger frei auf dieser Welt bewegen könnten und nirgendwo mehr Fremde wären. Denn "Mutter Erde" kennt keine Grenzen, sondern sie sind von Menschen gemacht und trennen, was nicht trennbar ist und demnach auch nicht getrennt werden sollte.

Wer mehr von unserer Lebensweise erfahren will, der kann gerne unseren Blog besuchen.

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