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10/02/2017 16:49 CET | Aktualisiert 11/02/2018 06:12 CET

Tagebuch einer Flucht: Wie mein geliebtes Aleppo im Bombenhagel unterging

Als wir endgültig gehen, blicke ich nicht zurück. Ich schaue mir die Überreste der Stadt, die mir einst so vertraut war, nicht an. Ich verabschiede mich nicht. Ich will nicht.

Fast sechs Jahre ist es nun her, dass der Aufstand mein Land komplett verändert und mein scheinbar normales Leben vollkommen aus der Bahn geworfen hat. Sechs Jahre ist es nun her, dass ich als ganz normale Studentin zur Universität ging. Und ich beobachte jeden Tag, wie der Rest der Welt auf den Untergang Syriens reagiert, auf den Untergang meines Heimatlandes.

Ich habe keine Ahnung, wo ich in Zukunft wohnen werde. Nach der Evakuierung aus Aleppo bin ich in die syrische Stadt Idlib gekommen, wo ich auch geboren bin. Aber ich liebe Aleppo, die Heimat meiner Mutter, wie ich es nie für möglich gehalten hätte.

Aleppo, meine Liebe

Aleppo, Juni 2010: Es ist 21.30 Uhr und uns umweht eine angenehm kühle Brise. Wir - eine Gruppe syrischer und japanischer Studenten - laufen durch diese wunderschöne Stadt. Wir streifen lärmend und lachend durch die engen Gassen der Altstadt, in der ich die Sommer meiner Kindheit verbracht habe, im Haus meines Großvaters.

Während wir über das Pflaster laufen, das bereits seit hunderten von Jahren die alten Straßen bedeckt, schließen im größten Souk der Altstadt nach und nach die Läden. Der Mond lächelt über unseren Köpfen, die Gebäude flüstern uns leise etwas zu.

Und jedes Mal, wenn wir diesen Ort verlassen, wenn wir diese Sommerabende hinter uns lassen, diese Erinnerungen, die einst unser Leben waren, zerbricht unser Herz noch ein bisschen mehr.

Eingekreist von den Milizen

Juni 2011: Ich laufe so schnell wie noch nie zuvor. Ich spüre meine Beine nicht mehr. Ich will mich einfach nur vor diesen Monstern verstecken: vor den Regime-Banden, den sogenannten Shabiha-Milizen.

Sie haben uns aufgelauert, als wir bei einer Demonstration gegen das Regime in der Nähe der Universität die Nationalhymne gesungen haben. Während ich laufe, klingt das Lied in meinem Kopf weiter.

Sie verfolgen mich mit Autos und ich weiß, dass ich nicht mehr tun kann, als einfach weiterzulaufen. Jedes Mal, wenn meine Füße das Pflaster berühren, höre ich die Nationalhymne noch deutlicher.

Doch ich werde immer erschöpfter. Ich kann einfach nicht mehr.

Ich sehe eine Tür. Hier wird mich keiner finden. Ich klopfe an und bitte den alten Mann, mich hineinzulassen. Doch er schlägt mir die Tür vor der Nase zu. Ich fange an zu weinen, schlage so fest gegen die Tür, wie ich kann, und ich flehe ihn an, mich ins Haus zu lassen.

Plötzlich höre ich hinter mir eine Türe zuknallen. Ich erstarre, als die Shabiha-Milizen mich einkreisen.

Das Nächste, an das ich mich erinnere, ist, dass ich in einem der Gefängnisse von Präsident Baschar al-Assads Sicherheitsdiensten sitze. Sie sperren mich die Nacht über ein und ich weiß nicht, was mit mir passieren wird.

Die Drohung

September 2011: Ich bin wieder an der Uni. Ich sitze an einem Schreibtisch und schreibe die letzte Klausur für dieses Semester.

Vor dem Prüfungsraum wartet eine seltsame junge Frau auf mich. Sie lächelt mich an, als ich den Saal verlasse. Sie hält mich auf und fragt mich, ob wir uns ein paar Minuten unterhalten können. Ich denke mir: "Das ist schon in Ordnung, sie ist bestimmt nur eine Kommilitonin."

Sie führt mich zum Büro der Baath-Partei, das sich auf dem Campus befindet. Diese Partei war die einzige politische Partei in Syrien; die Partei des Regimes. Die Frau öffnet die Tür. Hinter dem Schreibtisch wartet ein Mann auf mich.

Er sagt: "Nun gut, meine Liebe, um es klar und deutlich zu sagen: Sollte ich jemals mitbekommen, dass Sie an einer Demonstration gegen das Regime teilnehmen oder dass Sie eine solche planen, oder dass Sie sonst irgendwelche krummen Dinger drehen, die die nationale Sicherheit gefährden, dann genügt eine winzige Bewegung meines Stiftes, um Sie von der Uni zu verweisen. Sie werden aufhören zu existieren, sowohl an dieser Universität, als auch sonstwo."

aleppo assad 2011

Eine Demonstration in Aleppo gegen Baschar al-Assad am 30 Juni 2011

Erste Splitter

15. Januar 2013: Zwei Jahre Später ist Aleppo in zwei Teile gespalten. Ich lebe im vom Regime kontrollierten Westteil. Flugzeuge bombardieren den Osten, der sich in den Händen der Freien Syrischen Armee befindet, der bewaffneten Oppositionsgruppe.

Ich bin gerade an der Uni und schreibe meine erste Klausur des Semesters. Es ist ein sonniger Tag und wie alle anderen Studenten zerbreche ich mir den Kopf darüber, ob ich rechtzeitig mit der Prüfung fertig werde.

Plötzlich sind meine Unterlagen von Staub bedeckt, die Scheibe des Fensters, neben dem ich sitze, zerbröckelt vor meinen Augen. Ich hebe meinen Kopf und schaue mich panisch im Raum um, weil ich wissen will, ob meine Freundin noch lebt.

Zehn Meter von unserem Gebäude entfernt schlägt eine Bombe ein. Das Regime übermittelt uns damit die klare Botschaft: Wenn ihr weiterhin Freiheit fordert, wird eure Zukunft so wie gerade eben aussehen.

Bombenhagel

September 2014: Ost-Aleppo gilt mittlerweile als die gefährlichste Stadt der Welt. Es gibt immer häufiger Luftangriffe und meine Mitbewohnerin ist sehr krank. Ich habe mich die ganze Nacht um sie gekümmert und sie in feuchte Handtücher gewickelt, um ihr Fieber zu senken. Doch nichts hilft. Wir sind ganz allein, nur ich und sie. Mein Handy funktioniert nicht. Das Regime hat den Strom schon längst gekappt.

Am Himmel kreisen Assads Hubschrauber, überall fallen Bomben. Als ich die Bomben immer näher einschlagen hören, bleibt mir nichts anderes mehr übrig, als meiner Mitbewohnerin beim Anziehen zu helfen. Wir laufen auf die Straße und versuchen, ein Auto aufzuhalten, das uns zum nächsten Krankenhaus bringen soll. Wir schaffen es gerade noch rechtzeitig, ihr Leben zu retten.

Die Fassbombe

August 2015: Ich bin seit zwei Monaten verheiratet. Es ist noch früh am Morgen und ich liege im Wohnzimmer neben meinem Mann.

Plötzlich hören wir direkt über uns das Geräusch von Flugzeugen. Unten auf der Straße rufen die Menschen: "Passt auf, gleich kommt eine Fassbombe." Wir sind sicher, dass unser letztes Stündlein geschlagen hat.

Ich drücke meinen Mann Yusuf so fest ich kann an mich, dann schlägt die Bombe ein. Das Gebäude bebt, die Druckwelle ist unglaublich heftig.

Die mit Sprengstoff gefüllte Fassbombe ist nur knapp 30 Meter von uns entfernt eingeschlagen. Wir sitzen unter Schock nebeneinander und als uns klar wird, dass wir dem Tod wieder einmal entkommen sind, beginnen wir beide zu grinsen.

Der Geruch des Todes

Oktober 2016: Da wir kein Gas mehr haben, koche ich unseren Kaffee über einem Lagerfeuer. Ich sitze in einem Sessel und nippe an diesem Schatz. Da die Stadt seit Monaten belagert wird, gibt es kaum mehr Kaffee.

Überall riecht es nach Tod. Ständig höre ich die Flugzeuge des Regimes und die russischen Flugzeuge am Himmel kreisen und ich frage mich: "Wer wird wohl der nächste sein?"

Doch es liegt noch ein anderer Geruch in der Luft. Es riecht nach Widerstand. Es riecht nach brennenden Reifen, der Rauch soll die Flugzeugpiloten ablenken und somit die Stadt schützen.

aleppo october 2016

Zwei Passanten neben einem Auto im Stadtteil al-Qaterji, der von einem Luftschlag am 17. Oktober 2016 getroffen wurde

Der Beginn der Flucht

Dezember 2016: Ich liege zuhause auf der Couch. Ich höre nichts als die Bomben, die draußen einschlagen, und die Stille des Todes. Und irgendwann dann draußen die Stimme eines Mannes.

Er ruft seinem Freund zu: "Assads Truppen sind nach Bustan al-Qasr vorgedrungen." Das Viertel liegt nur 500 Meter von uns entfernt.

Mein Mann und ich brechen sofort auf. Und finden irgendwo in einem fremden Keller Unterschlupf.

Der Untergang

18. Dezember: Nach tagelangem Chaos und Ungewissheit haben sich die Rebellen und Assads Streitkräfte auf einen Waffenstillstand geeinigt. Heute ist Tag drei der Evakuierungen.

Viele Häuser stehen mittlerweile leer. Die Menschen haben ihre Sachen gepackt, ihre Erinnerungen verbrannt und sich schnell von der Stadt verabschiedet, in der sie ihr ganzes Leben verbracht hatten.

In dieser Nacht versuche ich, Videos aufzunehmen. Die Straße ist komplett zerstört. Sie ist völlig verlassen. Man sieht nur ein paar verzweifelte Menschen, die leerstehende Läden angezündet haben, um sich beim Schlafen warm zu halten.

Als ich an ihnen vorbeigehe, ist mir nur noch nach Weinen zumute. Einige von ihnen sitzen schon seit drei Tagen dort. Sie schlafen, wo sie können, und sie essen, was sie finden.

Die letzte Nacht in Aleppo

22. Dezember: Ungefähr zehn Tage sind vergangen, seit ich mein Zuhause verlassen habe, die letzten Tage haben wir im Auto geschlafen. Man hat uns gesagt, dass wir heute zusammen mit den Evakuierungskonvois in unseren eigenen Autos die Stadt verlassen dürfen.

Als aufgewacht sind, war die ganze Stadt von Schnee bedeckt. Früher liebte ich Schnee, doch jetzt macht er mir Angst. Was, wenn die Evakuierungen gestoppt werden? Nach 36 Stunden warten ist es endlich so weit.

Als wir endgültig gehen, blicke ich nicht zurück. Ich schaue mir die Überreste der Stadt, die mir einst so vertraut war, nicht an. Ich verabschiede mich nicht. Ich will nicht.

Die Zeit scheint immer langsamer zu vergehen, je weiter wir uns von Aleppo entfernen. Und sobald wir die Stadt endgültig verlassen, bleibt die Zeit für immer stehen. Ich kenne keine Zeit ohne meine Stadt und ich weiß nicht, ob es jemals wieder so sein wird wie früher.

Entwurzelt

Februar 2017: Ich habe die Bewohner von Aleppo früher gerne mit Bäumen verglichen, die in der Erde verwurzelt sind. Manche der Bäume wurden verbrannt, andere wurden gefällt. Und viele der Bäume, die überlebt hatten, wurden gewaltsam aus ihrem Stück Boden herausgerissen.

Dieser Gedanke zerbricht mir das Herz. Wir hatten uns gegen das Assad-Regime aufgelehnt, weil wir von einer besseren Zukunft für Syrien und für das syrische Volk geträumt hatten. Doch alles, was wir jetzt haben, ist Tod und Zerstörung.

Wir haben es nicht geschafft, unsere Träume in den befreiten Gebieten wahr werden zu lassen. Wir haben viele Fehler gemacht. Wir, die Aufständischen, müssen uns bei unserem Volk entschuldigen. Weil wir die Gelegenheit verpasst haben, eine bessere Zukunft für uns alle zu erschaffen.

Doch so lange wir noch leben, besteht auch immer noch eine Chance. Und wir werden unseren Kampf in dieser großen Revolution fortführen. Den Kampf für unser Recht auf ein Leben in Freiheit, Würde und Gerechtigkeit.

Ich glaube an mein Volk. Ich glaube daran, dass mein Volk es schaffen wird, sich seine Freiheit zu erkämpfen. Und jedes Mal, wenn ich dem Tod wieder einmal nur ganz knapp entrinne, wächst meine Überzeugung davon noch mehr und mein Vertrauen in mein Volk wird immer stärker.

Dieser Artikel erschien ursprünglich bei auf "The Word Post" und wurde von Susanne Raupach aus dem Englischen übersetzt und von Susanne Klaiber gekürzt.