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29/10/2015 09:05 CET | Aktualisiert 29/10/2016 07:12 CEST

Erziehung: "Bitte sorgen Sie dafür, dass er das nicht mehr macht."

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„Bitte sorgen Sie dafür, dass er das nicht mehr macht." Diesen Satz hört man öfters als Pädagoge. Vermehrt hören ihn sicherlich Erzieher, denn der Kindergarten ist meist die erste Institution die das Kind in seinem Leben durchläuft. Dort fallen auch im Vergleich mit den anderen Kinder meist zum ersten Mal Entwicklungsunterschiede auf.

Meine Erfahrung zeigte, dass Forderungen der Eltern vielfältiger Natur sein können. Dennoch häuften sie sich bei dem leidigen Thema, Essen, Sauberkeitserziehung oder bei gewalttätigen Auseinandersetzungen der Kinder.

Nicht selten geschehen Schuldzuweisungen auf beiden Seiten. Es fiel auf, dass mit der Sauberkeitserziehung eher die Eltern eine Abneigung bzw. Ekel hatte oder keine Lust mehr hatten die Windel immer zu wechseln, eventuell auch auf Fragen aus ihrem Familien- oder Bekanntenkreis antworten zu müssen.

Bei den Auseinandersetzungen waren es häufiger die Eltern die sich noch wochenlang auf dem Flur stritten. Situationen werden gar nicht mehr ergründet. Wobei die Kinder es schon lange vergessen hatten. Das Kind was Einzelkind war, musste ja erst mal auf drastische Weise das teilen lernen: Vom Ich- zum Wir-Gefühl.

Nicht selten erwarten Eltern von heute auch, dass der Erziehungsauftrag gänzlich an die Mitarbeiter der pädagogischen Einrichtung erfüllt wird und am Ende dann ein „fertiges Kind" heraus kommt, mit allen „Socialskills" die man sich in der heutigen Zeit wünscht. Kinder scheinen funktionieren zu müssen, sie werden krank in den Kindergarten geschickt und Erzieher müssen Antibiotika verabreichen.

Der Kindergarten ist von der Kinderverwahrung (Ikeabällebad) „Was macht ihr da eigentlich, nur Kaffee trinken?" zur Bildungsstätte mit Bildungsauftrag geworden.

Nicht Unrecht haben Eltern, denn Kinder verbringen einen Großteil ihrer Kindheit in Kindertageseinrichtungen. Eltern können Betreuungszeiten von bis zu 45 Wochenstunden für ihre Kinder buchen. Selbst arbeiten sie (wenn sie arbeiten) meist die gängige Vollzeitarbeitszeit von 39 Stunden.

Doch Eltern haben nicht nur Rechte, sondern auch Pflichten. Darunter fällt ihren Kindern die eigene Vorstellung vom Leben und ein Stückweit unserer Gesellschaftlichen Werte zu vermitteln.

Getreu dem Motto „ das hätten sie sich früher überlegen müssen. Kinder sind auch ein Stückweit anstrengend, denn sie sind neugierig und wissbegierig auf die Welt.

Woran liegt das, die Rolle der Frau hat sich verändert, Karriere und Kind meist mit 40 ist keine Seltenheit. Der Anspruch alles muss perfekt laufen, sowie Zukunftsängste oder ein antiautoritärer Erziehungsstil sind mir immer wieder begegnet.

Ich habe schon in Stadtteilen gearbeitet mit „besonderer Herausforderung" und in Vierteln, in denen ich mir nicht mal etwas im Supermarkt leisten konnte. Doch immer wieder wurden an die Erzieher Forderungen gestellt.

Ich habe einen Flötenkurs für die Vorschulkinder angeboten, bei dem es erst mal um die Entdeckung der Freude an der Musik und an einem Instrument ging. Dann wurde ich von einem Vater gefragt, ob ich seiner Tochter auch Geige beibringen könnte, diese habe er schon für sie gekauft. Ob dieses Mädchen jemals mit Freude und Erfolg Geige spielen würde, habe ich nicht mehr erfahren.

Ein sechsjähriger Junge, der in zwei Monaten in die Schule kam , hatte in der Einrichtung beim Spielen seinen Pullover ausgezogen. Danach gingen alle raus und er hatte seine Jacke nur angezogen. Die Eltern holten ihn danach ab.

Am nächsten Tag gab es einen ganzen Nachmittag Gespräch mit der Leitung. Der Junge sei so oft krank, sie müssten immer mit ihm zum Arzt. Die zwei Erzieherinnen mit der 25 Köpfigen Gruppe mit Integrativkindern und U-§ Kindern hätte doch dem Kind den Pullover anzuziehen müssen. Das der Junge mit seinen 6Jahren es selber gemerkt hätte noch wenn ich kalt geworden wäre und das in der Schule dann die 1 Aufsichtsperson auf dem Schulhof das wahrscheinlich auch nicht merken würde kam nicht in Betracht.

Kinder und Erzeihung benötigen Zeit und es ist ein Stückweit auch anstrengend. Der morgendliche Austausch über Informationen vom Kind, wie war die nachts und die Rückmeldung der Erzieherin wie war der Tag müssen Hand in Hand zusammen laufen.

Ein gemeinsames an einem Strang ziehen und gegenseitiges Vertrauen sind dabei nötig, denn eigentlich wollen ja alle das Gleiche, das Beste für das jeweilige Kind. Kinder sind aber einzelne Individuen mit ihren eigenen Vorlieben und Abneigungen, es wird schon viel zu früh zu viel von außen Druck ausgeübt. Durch die Angst der Eltern etwas falsch zu machen, oder nicht alles für eine gute Entwicklung des Kindes getan zu haben.

Genauso kann die Ressource Zeit nicht durch das eigene schlechte Gewissen dann durch weitergeben von Erziehungsaufträgen an die Erzieherin eine langfristige Lösung sein.

Kinder sollen zur Selbstständigen und kreativ denkenden Menschen heranreifen. Diese Entwicklung kann sowieso nur begleitet werden durch Anreize die Entscheidungen treffen die Kinder selbst. Das fertige Wunschkind kann man zum Glück immer noch nicht im Katalog bestellen. Kinder bilden sich selbst. Wir können Ihnen nur Motivationsansätze geben.

Kindliche Entwicklung braucht Zeit und Raum Die Basis ist Liebe und Geborgenheit . Mit dem Zugeständnis, das Kinder es merken, wenn sie Hunger haben, das sie es nicht mehr gut finden, wenn sie mit voller Windel rumlaufen und das die Auseinandersetzungen mit anderen kindern für sie wichtig sind. Genauso natürlich aber auch die Verlässlichkeit, das da einer ist, der mich unterstützt, wenn ich nicht mehr weiter weiß.

Astrid Lidgren: Gebt den Kindern Liebe, mehr Liebe und noch mehr Liebe, dann stellen sich die guten Manieren von ganz allein ein.

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