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19/12/2016 11:56 CET | Aktualisiert 20/12/2017 06:12 CET

Parentblaming: Einer muss ja schuld sein

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Warum suchen wir in schwierigen Situationen so gerne nach einem Sündenbock oder klammern uns an Vorurteile, statt den Dingen auf den Grund zu gehen?

Erstens: Es lebt sich für alle leichter, wenn es einen Schuldigen gibt. Vorausgesetzt natürlich, man wurde nicht selbst dazu ausgewählt.

Dann kann man empört in Richtung Schuldigen zeigen, die Augenbrauen hochziehen, böse vor sich hin murmeln und möglichst vielen davon erzählen, dass es einen Verursacher des Übels gibt. Finally. Und mehr muss man dann auch nicht machen.

Wir sollten doch eigentlich miteinander arbeiten

Zweitens: Wenn Kinder psychisch erkranken, dann sind per se die Eltern schuld. Und das bekommen sie von ihrem Umfeld spätestens dann zu spüren, wenn sie sich irgendwo Hilfe holen. Zum Beispiel beim Jugendamt. Dann hört die Akzeptanz der Gesellschaft schneller auf, als man "Denk nochmal nach" sagen kann. Und mehr kann man dann auch nicht machen.

"Halt, Stop! Das kann man so aber nicht sagen", sagt die Psychotherapeutin. Denn erstens: Das Thema Schuld bringt uns in der Psychotherapie keinen Millimeter weiter. Eigentlich bringt es uns im Leben fast nie voran.

Schwierige Situationen gibt es immer. Viel wichtiger ist doch, wie wir mit ihnen umgehen und was wir daraus lernen können. Und zweitens: Ziel der Kinder- und Jugendpsychiatrie sollte es sein, die Eltern ins Boot zu holen um gemeinsam mit Schule und Umfeld an der Problematik zu arbeiten. Mit- nicht gegeneinander.

Das optimale Leben gibt es nicht

Ja, die ersten Jahre eines Kindes sind prägend und wichtig für die weitere Entwicklung. Und natürlich sollten Kinder sicher gebunden aufwachsen.

Aber das optimale Leben gibt es eben nicht. Und wir würden es uns so einfach machen, wenn wir immer den Eltern den schwarzen Peter zuschieben würden.

Ihr habt Recht wenn ihr sagt, dass es Fälle gibt, in denen Eltern unfassbar viel Leid verursachen und einen erheblichen Teil zur Erkrankung ihres Kindes beitragen. Aber das ist eben nicht immer so.

Deswegen ist die Psychiatrie ja so ein spannendes Arbeitsfeld, weil jeder Mensch einzigartig und jede Geschichte anders ist. Eine psychische Erkrankung hat oft multifaktorielle Ursachen, sagen die Experten.

Warum ist die Akzeptanz so viel größer, wenn es um körperliche Krankheiten geht?

Ich arbeite mit vielen engagierten, besorgten Eltern zusammen, die sehr bemüht um die weitere Entwicklung ihres Kindes sind. Die sich Urlaub nehmen, um den Termin in der psychiatrischen Ambulanz wahrnehmen zu können. Die in ihrer Mittagspause bei mir anrufen, weil sie sich um ihr Kind sorgen. Die ihr knappes Geld für den Bus ausgeben, damit sie zum Elterngespräch kommen können.

Und da frage ich mich doch: warum ist die Akzeptanz unserer Gesellschaft so viel größer, wenn ein Kind körperlich erkrankt ist? Warum habe ich noch nie von Spendenaktionen für Eltern psychisch kranker Kinder gehört? Wer unterstützt diese Eltern, damit sie ihre Kinder in Spezialkliniken besuchen und an der Elternarbeit mitwirken können? Wie machen das eigentlich Alleinerziehende? Und wovon leben sie in dieser Zeit?

Selbsthilfegruppen und Vernetzung der betroffenen Angehörigen, das sind gute erste Schritte (so wie hier www.angehoerige.ch).

Auch in der Psychiatrie wird der Fokus zunehmend mehr auf die Arbeit mit den Angehörigen gelegt. Und das Umfeld, das sollte sich einfach mal Gedanken darüber machen, dass leider niemand davor gefeit ist, dass das eigene Kind im Laufe des Lebens erkrankt. Körperlich und psychisch.

Dieser Blog erschien zuerst auf Freudmich.wordpress.com und bei Edition F.

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(glm)