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25/06/2014 06:38 CEST | Aktualisiert 25/08/2014 07:12 CEST

Ist Christian Wulff ein Jammerlappen?

Wer geglaubt hatte, die Bereitschaft zum kollektiven Sünder-Bashing sei seit den Hochzeiten der deutschen Wulffomanie abgeklungen, sieht sich getäuscht. Offenbar waren viele nur anderweitig beschäftigt.

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Ist er ein „Polit-Clown", und zwar „der Falscheste", der das Präsidentenamt „je bekleidet hat"? Besaß er „von Anfang an" nicht das nötige „intellektuelle Format", dafür aber „Selbstüberschätzung und Arroganz" im Überfluss? Steckte er in der „Käuflichkeit [...] tiefer drin, als unsereins"? Und wieso überhaupt glaubt „dieser Herr, dass sein soeben erschienenes Buch lesenswert sein sollte"? Hat er es nicht ohnehin - typisch „Selbstbedienungsmentalität" - von einem anderen schreiben lassen? Hat er eigentlich „immer noch nicht kapiert", dass wir alle „Wichtigeres zu tun" haben?

Das alles ist schwer zu beurteilen. Es in einem öffentlichen Leserforum niederzuschreiben, ist hingegen jederzeit leicht möglich - und bringt beachtlichen Lustgewinn. Anders lässt es sich nicht erklären, dass all dies heute im Netz zu lesen ist, eilig aufgeschrieben von fleißigen Bürgern (siehe hier und an zahlreichen anderen Stellen).

Keinerlei Absprache und offenbar auch nichts, was den Namen „Medienkampagne" verdiente, scheint nötig, damit Hunderte Unbescholtene spontan die Funktion gesellschaftlicher Verbannungswächter übernehmen, denen eine Wortmeldung des Gefallenen reicht, um in wenigen Stunden ein kollektives Kunstwerk der Abwertung zu seinen Unehren zu zelebrieren. Wer geglaubt hatte, die Bereitschaft zum kollektiven Sünder-Bashing sei seit den Hochzeiten der deutschen Wulffomanie abgeklungen, sieht sich getäuscht. Offenbar waren viele nur anderweitig beschäftigt.

Was treibt an zu so viel Gehässigkeit? Wieso braucht der vielstimmige Chor der Ausgrenzungs-Arie keine einzige Chorprobe und trifft dennoch aus 1.000 Kehlen sicher den gewünschten Ton? Wo Musiker neidisch werden, lässt sich eine grundlegende menschliche Begabung erahnen: Unsere Fähigkeit, lohnende Ausschlusskandidaten zu identifizieren und gemeinsam deren soziale - wenn schon nicht physische - Demontage herbeizuführen. Von dieser Begabung hat unsere Gesellschaft im öffentlichen Diskurs der letzten Jahre leidenschaftlichen Gebrauch gemacht. Die „Causa Wulff" war dabei nur ein Fall von mehreren, wenn auch ein besonders plastischer.

Meiner Beobachtung nach gibt es bestimmte Regeln und Grundprinzipien, die den Weg zum realen Lynchmord auf dem Dorfplatz ebenso beschreiben, wie das öffentliche Petitieren gegen unpopuläre Fernsehmoderatoren; sie befähigen zum Völker- ebenso wie zum nachbarschaftlichen Rufmord. Die sieben entscheidenden Regeln sind:

1. Bauen Sie auf Eigeninitiative im Schwarm.

2. Nehmen Sie einen Täter, der tief fallen kann.

3. Wehren Sie sich, denn er ist verkommen und böse.

4. Die Moral ist auf Ihrer Seite.

5. Erklären Sie Mitleid für Verrat.

6. Sprechen Sie Ihr eigenes Recht.

7. Schicken Sie ihn weit weg.

Ein „soziales Lynchen" ist dann am effektivsten, wenn es im spontan vernetzten Schwarm vollzogen wird. Dabei können sich die Beteiligten nicht nur am spektakulären Niedergang des Opfers erfreuen, sondern zugleich wahre Gemeinschaft erleben. Moral muss dabei kein Hindernis sein. Im Gegenteil, Moral kann zur schärfsten Waffe werden, um das Opfer endgültig zu erledigen.

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