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08/12/2016 07:41 CET | Aktualisiert 09/12/2017 06:12 CET

An mein erstgeborenes Kind: Es tut mir leid

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Mein Liebling,

es tut mir leid. Es tut mir leid, dass wir dir drei Jahre lang unsere volle Aufmerksamkeit gewidmet haben. Denn plötzlich musst du dich anpassen, und wir verlangen von dir, um die gewohnte Aufmerksamkeit zu ringen.

Es tut mir leid, dass wir dir von unserem Baby erzählt haben. Dass es ein Mädchen sein wird und wann die Kleine auf die Welt kommen wird.

Doch auf eine Sache haben wir dich nicht vorbereitet: Wie es sein würde, wenn dein Geschwisterchen da sein würde.

Wir haben nichts dagegen unternommen, dass die Welt die du bis zu diesem Zeitpunkt gekannt hast, sich nun schlagartig verändert.

Es tut mir leid, dass du plötzlich alles teilen musst

Es tut mir leid, dass ich mich zuerst um sie kümmere, wenn ihr beide nach mir schreit - eure Rufe voller Verlangen nach Hilfe und Zuneigung. Nur wenn du aufs Töpfchen musst, eile ich zuerst zu dir. Sie hat ja ohnehin eine Windel an.

Es tut mir leid, dass du plötzlich alles teilen musst. Nicht nur deine Spielsachen, sondern auch deine Eltern.

Mehr zum Thema: Das wird später aus Kindern, die ihren Eltern ständig widersprechen

Für uns ist das eine Selbstverständlichkeit. Und während wir von dieser tollen Idee so unglaublich überzeugt sind, achten wir nicht darauf, dass es für dich nur eines bedeutet: Entbehrung.

Es tut mir leid, dass ich dich trotzdem zum Kindergarten bringe, obwohl du manchmal nicht hingehen willst. Ich weiß, dass du lieber Zuhause bei deinem Schwesterchen wärst.

Doch ich weiß auch, wie sehr du es dort magst und spielst und wie widerwillig du gehen willst, wenn ich da bin, um dich wieder abzuholen.

Es tut mir leid, dass dein Schwesterchen weint und schreit, wenn deine Lieblingssendung läuft.

Es tut mir leid, aber ich bereue nicht, was geschehen ist

Es tut mir leid, dass sie dich an den Haaren zieht, wenn du sie umarmst. Es tut mir leid, dass ich mitten unter dem Vorlesen einer Geschichte aufhöre, weil sie gefüttert werden oder ich ihr die Windeln wechseln muss.

Vor allem aber tut es mir leid, dass meine Liebe zu ihr frei von Ängsten und Sorgen ist. Unsicherheit, die meine Liebe zu dir in den ersten Jahren trübte.

Dass sie von all den Fehlern, die ich Anfangs mit dir gemacht habe, nun profitieren wird. Dass sie Eltern hat, die weitaus entspannter sein werden, als es noch bei dir der Fall war.

Es tut mir leid, aber ich bereue nicht, was geschehen ist. Denn ich hoffe, dass du eines Tages merken wirst, dass sie das Beste ist, was wir dir geben konnten - trotz alledem.

Wenn du meine Stimme imitiert hast, um sie zu beruhigen wenn sie schreit. "Es ist alles gut, Mama kommt gleich und füttert dich."

Oder wenn du sie vor lauter Liebe so fest umarmst, dass wir dazwischen gehen müssen. Ich glaube du weißt das alles bereits.

Was mich betrifft, so werde ich alles versuchen, unvoreingenommen mit euch beiden zu sein.

Mich daran zu erinnern, dass ihr ja beide noch so klein seid. Ich werde dir so viel Zeit geben wie ich kann, während du lernen wirst, ein großer Bruder zu sein.

In Liebe,

deine Mutter

Dieser Blog erschien ursprünglich in der Huffington Post USA und wurde von Maximilian Marquardt aus dem Englischen übersetzt.

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