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11/06/2015 14:34 CEST | Aktualisiert 11/06/2016 07:12 CEST

Warum es wichtig ist, dass wir uns über Diskriminierung aufregen

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Ende Mai schrieb BILD am Sonntag (BamS) „Werbung mit nackten Frauen ist Gift für unsere Kinder". BamS schreibt weiter: "Wenn sexualisierte Anzeigen grundsätzlich schon so einen negativen Einfluss auf die Kinder haben, haben sie natürlich auch Auswirkungen darauf, wie Kinder (meist Mädchen) ihre geschlechtliche Identität entwickeln."

Dass wir das in der BamS lesen konnten, ist in der Tat sehr verwunderlich. Denn vor allem die tägliche Ausgabe, die BILD, ist bekannt für ihre Degradierungen von und Respektlosigkeiten gegenüber Frauen - sie ist bekannt für ihren Sexismus. Frauen werden fast ausschließlich als Sexobjekte dargestellt - und auch kaum in irgendeinem anderen Kontext.

Von Respekt fehlt jede Spur. Jon Greenberg beschrieb dies kürzlich als ein Privileg, das er als Mann täglich erfährt: sich selbst in positiven Licht in den Medien repräsentiert zu sehen. Denn wenn beispielsweise die einflussreichsten Zeitungen unserer Gesellschaft Mitmenschen des eigenen Geschlechts grundsätzlich respektvoller darstellen als Menschen anderer Geschlechter, dann ist das eben ein Privileg. Denn diese Zeitungen beeinflussen Millionen von Menschen.

In der Tat, BILD verkauft täglich 2,1 Millionen Zeitungen und fünfmal so viele Menschen lesen BILD. Des Weiteren surfen ca. 17 Millionen ‚unique user' monatlich auf bild.de.

Von Mediensexismus und sexueller Gewalt

Sexismus in den Medien, wie in BILD, ist ein riesiges, gesellschaftliches Problem. Der Zusammenhang zu Alltagssexismus bis hin zu sexuellen Belästigungen und sexuellen Gewalt ist seit langem wissenschaftlich etabliert. Es gibt eine Vielzahl an Studien, die das belegen. Eine davon ist „Sexualisation of Young People" - eine Studie des britischen Innenministeriums.

In dem Bericht steht: „Wiederholte Konfrontation mit geschlechtsstereotypen Ideen und Bildern trägt zu sexistischen Einstellungen und Ansichten, sexueller Belästigung, Gewalt gegenüber Frauen, und stereotype Wahrnehmungen von, und Verhalten gegenüber Männern und Frauen bei. Auch wenn sexuelle Objektifizierung nur eine Form von Unterdrückung darstellt, trägt sie zu vielen anderen bei, denen Frauen ausgesetzt sind: von Diskriminierung am Arbeitsplatz und sexueller Gewalt bis hin zur Degradierung der Arbeit von Frauen und deren Leistungen"

Der BILD-Sexismus der vergangenen Woche: 1. Frauen werden in BILD für Auflagezwecke instrumentalisiert und zu Objekten...

Posted by Stop Bild Sexism on Freitag, 15. Mai 2015

Die Fakten sind ganz klar: Sexismus in den Medien, wie in BILD, trägt zu Diskriminierung bis hin zu sexueller Gewalt gegenüber Mädchen und Frauen bei. Dennoch wird er tagtäglich millionenfach akzeptiert und toleriert. Wenn wir Integrität für uns beanspruchen wollen, dann müssen wir, wenn wir nicht länger akzeptieren möchten, dass auch in Deutschland 40% aller Mädchen und Frauen sexuelle und/oder körperliche Gewalt erfahren, uns gegen diesen Sexismus der BILD aussprechen.

Privilegien und Diskriminierung

Wieso das nicht der Fall ist, hat wohl etwas mit ‚Privilegien' zu tun - damit, dass viele das Problem gar nicht sehen. Oder vielleicht damit, dass diese Form der Ungleichbehandlung - Diskriminierung aufgrund des Geschlechts - schon so alltäglich ist. Da Diskriminierung die Kehrseite von Privileg ist, ist es wichtig, wäre es sehr wichtig, wenn wir uns alle einmal mit unseren Privilegien auseinandersetzen, die die meisten von uns genießen, ob bewusst oder auch komplett unbewusst.

Unbewusst, weil man vielleicht noch nie darüber nachgedacht hat, welche Vorteile uns eine Gesellschaft aufgrund unserer Hautfarbe, unserer sexuellen Orientierung, unseres Geschlechts, unserer Religion, unseres körperlichen Zustands und anderer Faktoren gewährt. Und implizite oder auch explizite Diskriminierung bezüglich eines Merkmals, oder auch mehrerer, erfahren all die Menschen, die eben nicht alle der von einer Gesellschaft favorisierten Eigenschaften haben. Intersektionalität beschreibt dann den Zustand, wenn verschiede Formen von Diskriminierung zusammenspielen.

Niemand kann etwas für seine Privilegien

Auch ich, als weiße, heterosexuelle, ‚able-bodied' Frau, die der englischen Sprache mächtig ist, genieße eine Vielzahl an Privilegien in einer Welt, in der Eigenschaften wie „weiß, heterosexuell, männlich, Englisch sprechend, able-bodied" jemanden in den Olymp an Möglichkeiten und Vorteilen gegenüber anderer, die diese Charaktereigenschaften nicht vorweisen können, katapultiert.

Niemand kann etwas für die Privilegien, die sie oder er selbst genießt. Da diese eigenen Privilegien jedoch gleichzeitig Diskriminierung für andere bedeuten und deren Möglichkeiten im Leben substantiell limitiert, ist es wichtig, sich deren bewusst zu werden.

Es ist wichtig, den Erfahrungen derer zu lauschen, die von bestimmten Formen von Diskriminierung betroffen sind. Gerade wenn wir selbst diese Erfahrungen nicht gemacht haben. Denn: „Privilege is when you think something is not a problem because it's not a problem to you personally". Auch bei uns kann diese Personifizierung von Privilegien beispielsweise in den Führungsetagen von Politik und Wirtschaft beobachtet werden: weiß, männlich und fehlender Migrationshintergrund sind unter anderem auch dort die dominierenden individuellen Eigenschaften.

Jon Greenberg schrieb kürzlich einen Artikel für Everydayfeminism.com, in dem er seine eigenen Privilegien als weißer Mann beschreibt und mit Statistiken belegt. So befürchtet er beispielsweise weder nachts noch tagsüber, belästigt zu werden und der Gedanke, auf dem nächtlichen Nachhauseweg vergewaltigt zu werden, ist ihm ebenso fremd.

Auch die Tatsache, dass sein männliches Auftreten - sein ‚gender' - Autorität vermittelt macht ihm das Leben einfacher. Denn wir werden in einer Welt sozialisiert, in der die Machtpositionen überwiegend von Männern besetzt sind - von klein an assoziieren wir somit Macht mit Männern.

Wir brauchen Aktivisten, die den Status Quo in Frage stellen

Auch Jon Greenberg kann nichts dafür, dass er in eine Gesellschaft hineingeboren wurde, die ihn anderen Menschen gegenüber privilegiert. Doch er kann darauf aufmerksam machen und den Status Quo in Frage stellen. Immer mehr, vor allem junge Menschen, wollen sich die gegenwärtigen Machtstrukturen nicht länger gefallen lassen: wir wollen nicht länger in der Gesellschaft leben, in die wir hineingeboren wurden, mit ihren ungerechten Privilegien und ihren Diskriminierungen.

Auch mein Engagement gründet auf persönlichen Erfahrungen. Ich möchte es nicht mehr hinnehmen, dass ich - so wie all diejenigen, die sich als Frauen identifizieren -aufgrund meines Geschlechts statistisch gesehen sehr wahrscheinlich mein Leben lang Sexismus erfahren werde. Sexuelle Belästigungen, weniger Gehalt, Degradierungen.

Das Privileg, Vorbilder zu haben

Als wir beide noch Kinder waren, genoss also schon mein Zwillingsbruder mir gegenüber das Privileg, auf echte Vorbilder in Deutschlands einflussreichster Zeitung BILD aufzublicken. Auf Männer die Sport machen und die Welt regieren. Ich saß neben ihm am Küchentisch meiner Oma. Doch die größte Aufmerksamkeit für eine Frau in BILD wurde einem Oben-Ohne Modell zugesprochen, das dazu da war, die Lust heterosexueller Männer zu befriedigen. Damals noch auf Seite Eins.

Auch heute noch werden Frauen in BILD nur dann Aufmerksamkeit und Beachtung geschenkt, wenn sie jung, nackt und ‚sexy' sind. Und dafür manchmal erst gar nicht gefragt und dennoch einem Millionenpublikum als Sexobjekt verkauft werden. Privileg und Diskriminierung können extreme Auswüchse annehmen. Zum Beispiel dann, wenn Frauen auch noch selbst die Schuld für die eigene Objektifizierung und Degradierung bekommen.

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Ich bin BILDs Sexismus leid

Ich bin es Leid, dass Frauen in der meistgelesenen ‚Zeitung' Deutschlands fast ausschließlich auf deren Körper und ihre Sexualität reduziert werden und somit täglich einem Millionenpublikum eine eindeutige Message gesendet wird: „Frauen sind zur männlichen Bedürfnisbefriedigung da - sie verdienen es nicht, dass über sie gleich respektvoll berichtet wird, wie über Männer".

Deshalb habe ich im vergangenen Herbst eine Petition online gestellt, die von BILD Chefredakteur Kai Diekmann verlangt, das BILD-Girl abzuschaffen und auf Sexismus zu verzichten. Mehr als 35.000 Frauen und Männer haben die Petition auf Change.org bereits unterschrieben und eine Vielzahl an Bundestagsabgeordneten, Organisationen und Aktivist*innen unterstützt das Anliegen offiziell.

Sexismus ist nicht nur unmenschlich, er wird ebenso vom Pressekodex sowie dem Grundgesetz verboten. Aus der Petition hat sich nun die 19-köpfige StopBildSexism-Kampagne entwickelt. Den Sexismus in BILD sowie dessen Zusammenhänge mit sexueller Gewalt haben wir auf BILDblog ausführlich beschrieben.

Die Gesellschaft wächst an denen, die sie in Frage stellen

Tarik ist einer unserer Unterstützer und auch selbst Aktivist. Wöchentlich befindet er sich in der Genderkrise und stellt das herrschende Geschlechterverhältnis gewaltig auf den Kopf. Vor Kurzem hat sich Tarik der Heteronormativität und dem Sexismus in der BILD-Zeitung angenommen. Dabei ist dieses großartige Video entstanden.

Wir brauchen noch mehr Aktivisten und Aktivistinnen - wir brauchen noch viel mehr Menschen, die sich für gegenseitigen Respekt und Toleranz engagieren. Nie waren unsere Waffen so gut. Spätestens seit #Aufschrei wissen wir, wie viel Krafft in den Sozialen Netzwerken steckt. Nie standen die Erfolgsaussichten für David gegen Goliath besser.

Unsere Generation ist besser ausgebildet und wir haben mächtigere Waffen als je zuvor. Wir dürfen nun nur nicht aufhören laut zu sein und uns gegen Ungerechtigkeiten, Diskriminierung und Privilegien auszusprechen.

Ein guter Anfang wäre, wenn Sie bitte meine Petition auf change.org unterschreiben.

Herzlichen Dank.

Dieser Text erschien in ähnlicher Form zuerst auf EDITION F.

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