BLOG
22/11/2015 04:45 CET | Aktualisiert 22/11/2016 06:12 CET

The Diplomat: Porträt des Mannes, der in Bosnien Frieden schaffte

Orhan Çam via Getty Images

Vor 20 Jahren beendete das Friedensabkommen von Dayton den Krieg in Bosnien. Das Mastermind dahinter war der amerikanische Ausnahme-Botschafter Richard Holbrooke. Ein Kerl, der mit dem jeweiligen Land, in dem er tätig war, verschmolz.

Der den Leuten nächtelang in Kneipen zuhörte, um sie zu verstehen, der mit Diktatoren soff, um das Eis zu brechen. Wenn das Weiße Haus nicht mehr weiter wusste, musste Holbrooke ran. Durch Dayton wurde er zu einer historischen Figur.

2015-11-12-1447332656-6784274-Facebook2.jpg

Sein Sohn David Holbrooke hat nun mit The Diplomat einen packenden Film über seinen 2010 verstorbenen Vater gemacht.

2015-11-20-1448007723-9368103-images.jpeg

Dayton, Ohio im November 1995. In einem Hangar des Air Force Museums baumelt ein B-2-Langstreckenbomber von der Decke. Darunter ein festlich gedeckter Tisch. Die Präsidenten von Bosnien, Kroatien und Serbien nehmen Platz.

Sie stehen sich seit zwei Jahren erstmals gegenüber und vermeiden jeglichen Blickkontakt. Zuhause ist Krieg, drei Jahre lang brennen die Häuser schon.

Direkt hinter dem Stuhl von Slobodan Milošević ist ein Marschflugkörper drapiert; die Schnauze bohrt sich fast in den Rücken des serbischen Staatsmannes. Die Air Force-Band spielt Glenn Miller, drei Sergeants geben die Andrews Sisters.

Eine kluge Inszenierung

Was wie absurdes Theater klingt, ist eine kluge Inszenierung, die sich der amerikanische Botschafter Richard Holbrooke für eines der wichtigsten politischen Showdowns der Neuzeit ausgedacht hat.

Auch seine Frau Kati spielte mit. Um die Erzfeinde Milošević und Alija Izetbegović zum Dialog zu tricksen, wird sie zwischen den beiden platziert. Am Champagner nippend fragt sie, wie sie sich denn zum ersten Mal getroffen haben.

Und wie es in dem schönen Jugoslawien denn bloß zu diesem bösen Krieg kommen konnte! Langsam beginnen die beiden Führer miteinander zu reden. Beim Dessert bedauern sie sogar gemeinsam, dass es so weit gekommen ist.

Nach zwei Wochen Lager auf der Militärbasis samt Trinkgelage und Footballspiel-Besuch war es soweit: Izetbegović, Milošević und Tudjman unterzeichneten den Friedensvertrag, das Land wurde aufgeteilt, der Krieg war vorbei. Ein Geniestreich und der größte Erfolg von Richard Holbrooke.

Er sang mit Willie Nelson und legte die Füße auf den Tisch im Oval Office. Holbrooke glich eher einem von Abenteuerlust gepackten Kriegsreporter aus einem Hollywoodfilm als einem klassischen Diplomaten. In einem Brief an seine erste Frau schreibt er: I love to sail forbidden lands.

Dafür schien er wie gemacht. Eigensinnig, hartnäckig und ausgestattet mit Instinkt und Charme verunsicherte er selbst seine größten Feinde. Im Nu konnte er mit Barkeepern wie mit Staatsmännern kumpelig werden.

The Diplomat zeigt den gebürtigen New Yorker singend mit Willie Nelson, Arm in Arm mit tibetischen Mönchen und mit den Füßen auf dem Tisch im Oval Office. Man sieht auch einen Mann, der selten für seine Familie da war.

Mit 21 Jahren Diplomat in Vietnam, Botschafter in Bonn, Sondergesandter auf dem Balkan und für Afghanistan und Pakistan, UN-Botschafter, nebenbei Autor und Journalist.

Sorge um Bosnien

Um Bosnien sorgte sich der Botschafter besonders. Er reiste immer wieder hin, versuchte in die Köpfe der drei verfeindeten Staatsmänner zu schauen. Er quetschte Leute auf der Straße aus, um zu kapieren, was das wahre Problem war.

Er wollte nicht handeln, ohne die Wirklichkeit gesehen und verstanden zu haben. Als Holbrooke einmal aus Sarajevo zurück nach Washington kehrte, sagte er: „Das Mantra, die Leute hassen sich auf dem Balkan, ist falsch. Es ist kein Bürgerkrieg, sondern ein Genozid." Damit entdeckte er damals schon den Fehler, der noch heute von vielen gemacht wird.

Bosnien hinterließ so einige Spuren bei Holbrooke. 1995 fuhr der Diplomat mit mehreren Kollegen in zwei Wagen von Kroatien nach Sarajevo, auf der gefährlichen Route über den Berg Igman. Das andere Auto rutschte von der Straße auf eine Mine, alle drei Insassen starben.

Der Film stimmt auch traurig

Im Film erzählt Bill Clinton, dass er Holbrooke nach Belgrad zu Slobodan Milošević schickte, weil er selbst Angst vor dem serbischen Präsidenten hatte. Holbrooke dagegen zeckte sich regelrecht bei Milošević ein.

Als der Botschafter die NATO-Angriffe auf Belgrad orderte, saß er dem Serben direkt gegenüber beim Kaffee. Er wusste, wie man einen gefährlichen Mann beeindruckte. Ein anderes Mal blieb er gleich ganze zwei Tage bei Milošević, ließ sich auf Sauf-Duelle ein, hielt ihn wach, machte ihn mürbe. Bis er schließlich zustimmte, zu den Verhandlungen nach Dayton zu reisen.

2015-11-20-1448007809-6852032-260x230DaytonAgreement.jpg

Allerdings gab Richard Holbrooke zu bedenken, dass das Abkommen von Dayton für Bosnien nur eine Übergangslösung darstellen konnte. Immer wieder sagte er, dass Dayton lediglich den Krieg beendete.

Aus diesem Grund stimmt The Diplomat auch etwas traurig. Denn seit Holbrooke hat sich niemand mehr für das Land eingesetzt. Die Weltgemeinschaft ließ eine Weiterentwicklung des Friedensvertrages in Sande verlaufen.

Dayton: Heute ein gängiger Begriff

Zwanzig Jahre später ist Dayton in Bosnien ein so gängiger Begriff wie Krieg oder Brot. Denn kaum etwas hat das Leben, wie es die Bosnier heute leben, so beeinflusst wie das Friedensabkommen von jenem Novembertag vor zwanzig Jahren. Das heutige Bosnien zeigt die Probleme der ethnischen Trennung ganz klar auf.

Es geht nicht voran. Wie auch? Jeder Teil der Regierung und der öffentlichen Verwaltung ist in bosniakisch, kroatisch und serbisch zerlegt. Als Konsequenz kann nur ein Nationalist regieren. Gleichzeitig wird von westlichen Politikern immer mokiert, dass sich die drei Gruppen nicht zusammenraufen. Wie soll das funktionieren?

Auch angesichts der Überlegungen, Dayton als Vorbild für die Lage in Syrien heranzuziehen: Das Abkommen hat in Bosnien funktioniert, weil die Führer entmachtet wurden. Nicht weil ethnische Trennung eine Lösung ist. Ein Friedenvertrag muss im Laufe der Zeit verändert werden.

Wenig echtes Interesse für Bosnien

Alle Vorstellungen waren ausverkauft, als David Holbrooke seinen Film im Sommer in Sarajevo präsentierte.

Ein großer sympathischer Mann mit sorgenvollem Gesicht, der erzählte, dass er diesen Film auch gemacht hat, um seinen umtriebigen Vater wenigstens post mortem kennenzulernen. Auf dem Boden vor der Leinwand quetschten sich die Zuschauer.

In den vorderen Sitzreihen hatte sich ein illustres Grüppchen angesammelt. Vertreter der amerikanischen und britischen Botschaft, internationale Reporter, die Bosnien seit dem Krieg begleiten. Nur vom bosnischen Regierungspersonal war niemand der Einladung gefolgt. Symptomatisch.

2015-11-20-1448007859-9689353-davidholbrooke363x242.jpg

Im Gespräch nach der Vorstellung übernimmt auch der britische Botschafter Edward Ferguson lachend das Mikro. Der rothaarige junge Mann im schwarzen Anzug ist seit 2014 in Sarajevo tätig und wirkt in seiner Flapsigkeit wie der Tennisspieler Andy Murray.

Er sagt, England und Deutschland hätten eine EU-Strategie, die Bosnien näher an die EU bringen soll. Eine bosnische Journalistin fragt, warum sich die EU überhaupt plötzlich um Bosnien bemühe.

„Sicherheit", antwortet Ferguson. „Wir wollen Stabilität in Bosnien, damit wir später keine größeren Konflikte lösen müssen". Die Journalistin zieht die Augenbrauen hoch. Ferguson fügt grinsend hinzu: „Holbrooke hat zwei Jahre gebraucht, um den Krieg zu beenden. Nun dauert es Jahrzehnte, aus Bosnien einen funktionierenden Staat zu machen". Er kichert. Unklar, wen er da kritisiert oder ob dies ein unglückliches Kompliment an Holbrooke war.

Stärker auf Bedürfnisse eingehen

„Wir haben gemeinsam mit Deutschland beschlossen, mehr zu intervenieren und die Politiker zu ermutigen, stärker auf die Bedürfnisse der Bevölkerung einzugehen", sagt er noch. Warum dies erst jetzt passieren soll, fragt die bosnische Journalistin.

Ferguson übergeht die Frage und ruft ins Publikum: „Ich bin Ire, und Iren sind optimistisch!" Der Applaus kommt nur aus den ersten Reihen. Die amerikanische Botschafterin Maureen Comack meldet sich gar nicht zu Wort.

Natürlich ist dieser Kinosaal kein geeigneter Ort für tiefe politische Diskussionen. Doch gerade nach dem Porträt des charismatischen, ernsthaft engagierten Botschafters Holbrooke stellt sich das Gefühl ein, dass hier in Sarajevo vor internationalem Publikum eine Chance verpasst wird, ein wenig ehrliches Interesse für Bosnien zu zeigen.

Und es unterstreicht, dass Richard Holbrooke in einer eigenen Liga spielte.

Als nächstes will David Holbrooke einen Kinofilm über Dayton machen. Der Stoff ist gut, keine Frage. Doch wünscht man sich in diesem Moment mehr, dass diese Geschichte endlich einmal weiter geht als bis zum 21. November 1995.

„The Diplomat" von David Holbrooke. http://www.thediplomatfilm.com

Zum Weiterlesen:

To End A War von Richard Holbrooke, Random House 1998

Video: Kurzfilm von "Jubilee Project": Blind Devotion

Ihr habt auch ein spannendes Thema?

Die Huffington Post ist eine Debattenplattform für alle Perspektiven. Wenn ihr die Diskussion zu politischen oder gesellschaftlichen Themen vorantreiben wollt, schickt eure Idee an unser Blogteam unter

blog@huffingtonpost.de.

Lesenswert:

Hier geht es zurück zur Startseite