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01/02/2016 15:43 CET | Aktualisiert 01/02/2017 06:12 CET

Ohne elitäres Gehabe: Junge Politiker in Lateinamerika

Dr. Kristin Wesemann

Argentiniens Slums sind gewöhnlich keine Orte, die einen Besucher mit Zuversicht erfüllen. Die sogenannten Villas Miserias, die Elendsviertel, mal am Rande der Stadt, oft aber auch im Zentrum gelegen, bieten vor allem viel Tristesse. Drogen, Kriminalität und Gewalt bestimmen den Alltag. Doch auch hier wächst etwas heran, eine Art neues Selbstbewusstsein.

Ein junger Politiker auf Wahlkampftour in den Slums seiner Heimatstadt war verblüfft, als ihn zum Abschied ein älterer Herr lange die Hand hielt und sagte:

"Dich werde ich wählen. Du bist der Erste, der uns nicht irgendetwas verspricht, sondern richtig mit uns redet."

Kontinuität? Fehlanzeige!

Lateinamerika, das ist seit jeher ein Versuchskaninchen für ideologische Experimente. So ziemlich jede politische Idee zwischen ganz links und weit rechts hat der Kontinent irgendwann einmal getestet. Das eine oder andere vermeintliche Allheilmittel wurde ihm auch verschrieben, wie in den neunziger Jahren, als sich der Staat zurückzog und sein Tafelsilber - oft viel zu billig - verkaufte.

Lateinamerika, das ist stets auch ein Schauplatz großer Brüche: Regierungswechsel sind meistens Richtungswechsel, bei denen das gesamte Land umgekrempelt wird. Kontinuität? Fehlanzeige!

Bis heute wird die Demokratie herausgefordert von ungelösten Armutsproblemen, Korruption, Gewaltkriminalität und immer wieder auch von Volksverführern, die die Sehnsucht nach einfachen Antworten bedienen. Zugleich aber stellt sich die Jugend quer und führt soziale Proteste an.

Linkspopulistische Modelle haben sich im vergangenen Jahrzehnt dank der hohen Rohstofferlöse eine Zeitlang Zustimmung, vornehmlich der ärmeren Schichten, erkaufen können. Damit scheint es vorbei zu sein, weil die Preise tief gefallen sind. Gelöst haben all die Gaben ohnehin wenig: Nirgendwo sonst ist die Ungleichheit so groß wie zwischen Tijuana im Norden Mexikos und Ushuaia, der Stadt am Ende der Welt, ganz im Süden Argentiniens.

Vor allem die jungen Politiker Lateinamerikas haben verstanden, dass sich die Zeiten ändern.

Und doch: Es gibt Hoffnung, gerade jetzt. Junge Lateinamerikaner sind selbstbewusster, ja anspruchsvoller geworden, vor allem das vergangene Jahr hat es gezeigt. In Argentinien verlor die korrupte Kirchner-Regierung nach zwölfeinhalb Jahren den Präsidentenpalast; in Venezuela gewann die Opposition die Zweidrittelmehrheit im Parlament; Staatsoberhäupter, die das Sich-Bedienen dem Dienen vorziehen, wackeln unter dem Zorn der Massen.

Die Gesellschaften, ob in Kolumbien oder Costa Rica, Paraguay oder Peru, Mexiko oder Nicaragua, sind aufgeklärter als frühere, sie haben einen besseren Zugang zu Informationen, und dass man weitgehend eine Sprache spricht, hilft auch. Es wächst zudem eine neue politische Elite heran, eine ohne elitäres Gehabe freilich. Vor allem die jungen Politiker Lateinamerikas haben verstanden, dass sich die Zeiten ändern, und sie sind lernwillig und selbstkritisch wie keine Generation vor ihr.

Man verlässt sich nicht mehr allein auf Papas Geld und das angeborene Talent, auf Bauch und Stimme. "Gebt mir einen Balkon in jedem Dorf, und ich werde Präsident", dieser oft zitierte Satz des Ecuadorianers José María Velasco Ibarra (1893-1979) - immerhin fünfmal Staatschef seines Landes - hat als Credo ausgedient.

Lateinamerikaner sind durchaus leidensfähig, der Alltag ist schließlich Überlebenskampf und die Ungewissheit Dauerzustand. Allerdings: Die Bürger schauen mittlerweile genauer hin, wer sie regiert. Dass der da "uns nur ein bisschen beklaut", war lange Zeit ein Gütesiegel für Politiker, verliehen von genügsamen Untertanen. Gewählt wurde das weniger Schlimme. Heute indes sucht man das Bessere. Anderswo auf der Welt gibt es das schließlich auch.

Die Jugend will nicht mehr zu Hause sitzen und von Sozialplänen abhängen

Nicht nur geschichtlich, auch demografisch ist Lateinamerika ein junger Kontinent. Das Durchschnittsalter in Deutschland liegt bei 46,1 Jahren. Uruguay ist mit 32,1 Jahren Spitzenreiter in Lateinamerika, Guatemalas Einwohner sind im Schnitt 21 Jahre alt. 2050 werden 18 Prozent der Latinos älter als 65 Jahre sein, in Europa sind es 30: ein Standortvorteil, ein Geschenk, ein Fortschrittsversprechen.

Denn die Jugend will nicht mehr zu Hause sitzen und von Sozialplänen abhängen (Argentinien, Brasilien), sie will ihr Leben auch nicht mehr für die zweifelhafte Ehre einer mörderischen Bande von Klein- und Großkriminellen lassen (Honduras) oder stundenlange Volksreden eines Präsidenten hören, der von Vögeln und Phantasmen erzählt und die Kraft der Jugend beschwört, aber sie verfolgt, wenn sie andere Träume hat (Venezuela).

Mit Vorschriften und Zeigefingern kommt man bei ihr nicht mehr weit.

Für die Konrad-Adenauer-Stiftung bedeutet dies: zusammenarbeiten auf Augenhöhe mit einer qualifizierten Elite, die nicht an den demokratischen Prinzipien rüttelt. In den kommenden Wochen stellen wir in verschiedenen Formaten junge Leute vor, die sich für ihr Land engagieren. Auch Fachleute kommen zu Wort, die sich mit den Werten junger Latinos beschäftigen.

Politik ohne elitäres Gehabe

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Es stimmt nicht, dass sich junge Menschen nicht für Politik interessieren, sie gehen nur anders damit um. Daher will die Konrad-Adenauer-Stiftung (KAS) zusammen mit der Huffington Post der Frage nachgehen: Wie muss Politik für junge Menschen aussehen? Weltweit werden Experten der Konrad Adenauer Stiftung politische Initiativen und Vorgehensweisen analysieren. Wenn Sie sich an der Diskussion beteiligen möchten, schreiben Sie an Blog@huffingtonpost.de.


Über die Autorin:

Dr. Kristin Wesemann, 40, leitet das Regionalprogramm "Parteienförderung und Demokratie in Lateinamerika" der Konrad-Adenauer-Stiftung in Montevideo, das junge Politiker auf ihrem Werdegang unterstützt. Als Politikwissenschaftlerin hat die Schwerinerin in Deutschland, den Vereinigten Staaten, der Ukraine, Argentinien und einigen anderen Ländern gearbeitet.

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