BLOG
24/03/2016 06:45 CET | Aktualisiert 25/03/2017 06:12 CET

Die Gier nach Angst

dpa

Die Deutschen sind ängstlich und risikoscheu. Sie erfinden zwar viel, überlassen es dann aber anderen Nationen, diese Erfindungen gewinnbringend zu vermarkten. Neue Produkte werden deshalb zunächst nicht gerne ausprobiert und angenommen. Das ist schlecht, denn die Welt um uns herum wird nicht nur komplexer und anders, sondern immer risikoreicher.

2015-11-12-1447332656-6784274-Facebook2.jpg

Größere Wirtschaftskrisen, Terror und Kriege, globale Erwärmung und Umweltprobleme sind nur einige der bekannten Themen. Industrie 4.0, der Aufstieg der Roboter am Arbeitsplatz wie die Angst vor einer dauerhaften wirtschaftlichen Stagnation geistern durch die Debatten. Ein Umgang mit Veränderungen und Neuem muss gekonnt werden, wenn sich Deutschland in der globalen Welt behaupten will.

Der Terror hat weltweit zugenommen und Europa voll erreicht

Er richtet sich nicht mehr auf die großen Ziele, er erfasst individualisiert jeden auf Straßen, in Konzerten und in Restaurants. Der Willkür nimmt Formen an, die bisher undenkbar gewesen waren. Er geht vielfach von Menschen aus, die "unter uns" aufgewachsen sind.

Dazu kommt: Das Unbekannte scheint Europa in Form von Flüchtlingen zu überschwemmen. Sie zieht es weitgehend nach Deutschland. Die Thematik befeuert die übliche Vorurteile und Ängste über wirtschaftliche und gesellschaftliche Überforderung.

Dabei spielt es keine Rolle, dass die Fakten überwiegend andere Botschaften liefern. Sowohl kann Deutschland den Andrang schaffen, noch ist er außergewöhnlich groß, noch wird er Einheimischen die Lebenschancen nehmen. Kanzlerin Merkel hat ganz Recht: Wir schaffen das, wenn wir es nur wollen.

Dennoch verbreiten sich Ängste, auch weil sie von interessierten Kräften bedient werden und nicht genügen Transparenz und Aufklärung geschafft wird.

Mit Angst lässt sich wunderbar Geld machen.

Denn einige haben die wirtschaftlichen und politischen Chancen erkannt, die in der Furcht vor Risiken und dumpfer Unsicherheit oder Unwissenheit liegt. Erscheinen Risiken unkalkulierbar, gibt es nicht genügend Informationen oder passen sie nicht zu den Vorurteilen, dann entsteht Angst. Wer sie schürt und befriedigt, kann mit erheblichen politischen und wirtschaftlichen Vorteilen rechnen.

Es gibt diese Tendenzen in vielen Lebensbereichen, nicht nur bei der Flüchtlingsfrage. Beispielsweise bei Ernährungs- und Umweltthemen. Die Zahlungsbereitschaft der Konsumenten und die Radikalisierungsfähigkeit der Wähler nimmt zu. Wer sind die Profiteure? Teile der politischen Parteien, die Sicherheits- und Gesundheitsbranchen, die Vertreter alternative Energieträger und diverse alte wie neue Medien.

Politischer Profiteur ist die AfD

Ein solcher politischer Profiteur ist die sogenannte Alternative für Deutschland (AfD). Sie ist aber keine Alternative. Ursprünglich als "Wirtschaftspartei" gegen den Euro erdacht, kanalisiert sie jetzt die dumpfen Ängste vor Migranten generell und Flüchtlingen im Speziellen.

Dazu hat sie aber weder Kompetenz noch ein Programm, sie ist ein erfolgreiches politisches Produkt ohne Inhalt. Das Compact-Magazin, das als Medienakteur eng mit der AfD kooperiert, spielt auch als Profiteur und Anheizer der Ängste eine tragende Rolle.

Wie lange die Rolle der AfD als Protestpartei anhalten kann, wird sich zeigen. Jedenfalls erfindet sich die Parteienlandschaft gerade neu und erzwingt möglicherweise langfristig dann "kleine" Regierungskoalitionen aus CDU und SPD mit einer diffusen Opposition.

Sicher bleibt der große Dissens zwischen Fakten und Einschätzungen. Viele erfinden sich ihre Fakten einfach selber. Es gäbe einen hohen Kommunikationsbedarf, ja wenn es nur die Aufnahmebereitschaft dafür gäbe. Aber die Aufgabe der traditionellen Medien zur Qualitätskontrolle und ausgewogenen Vermittlung ist nachhaltig geschwächt. Dort glaubt man vielfach, sich nur mit Skandalisierungen wirtschaftlich über Wasser halten zu können.

Nur schlechte Nachrichten sind gute Nachrichten!

In den sozialen Medien bleibt kein möglicher Verdacht geheim. Die Qualitätskontrolle in den sozialen Medien und in der Blogger-Szene ist noch wenig ausgeprägt. Meinung und Fakten vermischen sich zu Dichtung. Erst Wettbewerb und rechtliche Regulierungen können dies eindämmen.

"Wir sind nur besorgte Bürger": Sogar um die Deutungshoheit dieser These ist jetzt heftiger Kampf entbrannt. Müssen wir die Menschen nur richtig mitnehmen oder soll die Fundamentalopposition schlicht verschleiert werden?

Es sieht nicht so aus, dass durch Argumente allein die Spaltung der Gesellschaft aufgehalten werden kann. Es macht vielmehr Sinn, die Träger der Ängste, also beispielsweise die Flüchtlinge, mit besorgten Bürgern in Kontakt zu bringen. Nur so lässt sich die Gier nach Angst brechen.

Ihr habt auch ein spannendes Thema?

Die Huffington Post ist eine Debattenplattform für alle Perspektiven. Wenn ihr die Diskussion zu politischen oder gesellschaftlichen Themen vorantreiben wollt, schickt eure Idee an unser Blogteam unter blog@huffingtonpost.de.

Auch auf HuffPost:

Frauke Petry wütet über Anteilnahme in sozialen Medien - "Ihr Heuchler"

Lesenswert: